Mathieu van der Poel beim Paris Roubaix 2021

Neue Mentalität im Radsport Junge Köpfe, schnelle Beine, aggressivere Radrennen

Stand: 27.06.2022 09:29 Uhr

Straßenradsport hat sich verändert. Die Rennen werden immer schneller. Das hat mit einer neuen Generation von Fahrern und einer veränderten Mentalität zu tun.

Von Tom Mustroph

"Straßenradsport ist so langweilig. Die ersten 100 Kilometer passiert überhaupt nichts. Erst dann beginnen die Rennen", sagte Mathieu van der Poel zur Sportschau, als er noch ganz frisch vom Moutainbike, wo die wilde Hatz gleich beim Startschuss zu beginnen pflegt, auf die Straße gewechselt war. Gegen die eigene Langeweile entwickelte das Großtalent aus den Niederlanden ein Erfolgsrezept: Er attackiert einfach früh, 40, 60 oder 80 km vor dem Ziel, und fährt so das Feld auseinander.

Das bringt ihm große Siege ein, manch bittere Niederlage - und viel Respekt bei der Konkurrenz. "So, wie er fährt, macht er das Starren auf die Wattmesser im Rennen völlig unnütz", kommentierte Altstar Vincenzo Nibali van der Poels fantastische Beschleunigungen bei dessen Sieg im Lehmstraßenklassiker Strade Bianche 2021.

Frühe Attacken als Erfolgsrezept bei Klassikern und großen Rundfahrten

Van der Poel ist nicht der einzige, der so agiert. Auch der zweifache Tour-de-France-Sieger Tadej Pogacar ist ein Freund früher Angriffe. Mit einem kühnen Ausreißversuch über 40 km brachte er sich am vorletzten Tag der Spanienrundfahrt 2019 auf das Podium. Dass er 2020 Primoz Roglic im Zeitfahren auf der Planche des Belles Filles überhaupt das Gelbe Trikot der Tour de France ausziehen konnte, verdankte er einer 15 km langen Solofahrt in den Pyrenäen.

Dort machte er die Zeit gut, die er am Tag zuvor auf der Windkante verloren hatte. Und für eine Vorentscheidung bei der Tour de France 2021 sorgte der Slowene mit einem knapp 30 km langen Solo bereits auf der 8. Etappe nach Le Grand-Bornand. "Wir brauchen mehr frühe Attacken. Das macht die Rennen spannender, für uns Fahrer und für die Zuschauer", meinte Pogacar später.

Er setzt die eigene Forderung auch prima um. In diesem Frühjahr holte er sich den Sieg bei den Strade Bianche mit einem Soloritt über 50 km. Die Flandernrundfahrt schien er mit Beschleunigungen 50 und 33 km vor dem Ziel ebenfalls schon in der Tasche zu haben. Dann verzockte er sich im Zielsprint allerdings gegen den anderen Rennanimator van der Poel.

Daraus lässt sich ableiten: Frühe Attacken führen nicht immer zum Sieg, selbst bei Fahrern nicht, die über längere Zeit höchste Wattwerte treten können und auch danach noch über Schnellkraftreserven verfügen.

Mentalitätswechsel einer ganzen Sportart

Aber die Mentalität, mit der Leitfiguren wie Pogacar und van der Poel an die Rennen herangehen, hat die ganze Branche verändert.

"Beide sind fantastische Fahrer. Und sie strahlen auch auf viele andere junge Rennfahrer aus. Das spürt man auch bei uns. Und weil auch bei uns die jungen Fahrer anders ticken, haben wir unsere Strategien angepasst und fahren viel aggressiver", gestand selbst David Brailsford, Patron des Rennstalls Ineos Grenadiers, der Sportschau.

Die neue Aggressivität sieht man nicht immer bei Ineos. Den Giro d’Italia fuhr die Truppe in diesem Jahr recht konservativ - und verlor mit Spitzenfahrer Richard Carapaz gegen das innovativere Bora hansgrohe-Team um den neuen Spitzenmann Jai Hindley. Aber den Giro 2020 hatte Ineos im Aufhol-Attacke-Modus mit Tao Geoghegan Hart gewonnen. Und wie die Truppe in diesem Jahr bei Paris-Roubaix eine Windkante nutzte, um bereits 200 km vor dem Ziel das Feld in zwei Teile zu spalten, war allererste Klasse.

Der Slowene Tadej Pogacar jubelt über seinen Sieg in Strade Bianche

"Die jungen Fahrer kommen jetzt anders an. Sie sind besser ausgebildet als Gleichaltrige vor zehn Jahren. Sie haben mehr Selbstbewusstsein und sie wollen gewinnen. Diese Haltung überträgt sich auf das gesamte Team. Wir werden dadurch alle noch einmal jünger", meinte der 58-jährige Brailsford zur Sportschau und wirkte in all seiner Freude selbst sehr jugendfrisch.

Mentalität in Zahlen ablesbar

Der neue Modus lässt sich sogar in Zahlen ablesen. Die frühen Attacken und die damit verbundene Hatz der Verfolger führt zu immer schnelleren Rennen. Die diesjährigen Ausgaben der Klassiker Paris-Roubaix und Lüttich-Bastogne-Lüttich waren mit Durchschnittsgeschwindigkeiten von 45,79 und 41,41 km/h die schnellsten in der Geschichte dieser Rennen überhaupt. Mailand-Sanremo war mit 45,33 km/h das zweitschnellste, und die anderen Monumente rangierten mit ihren 2022er Zeiten unter den Top 10 der Geschichte.

Das ist deshalb bemerkenswert, weil die Klassiker ja deshalb Klassiker sind, weil sie viele Jahre großteils auf denselben Straßen ausgetragen werden. Zeiten sind deshalb besser vergleichbar als bei den Rundfahrten mit immer wechselndem Parcours. Aber auch hier ist die Tendenz eindeutig. Die vergangene Tour de France war die zweitschnellste in der Geschichte überhaupt. Nur 2005 war Lance Armstrong mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 41,65 km/h geringfügig schneller als Tadej Pogacar im vergangenen Jahr mit 41,16 km/h. Pogacar war damit allerdings auch schneller als Armstrong bei sechs seiner sieben aberkannten Tour-Siege.

Und schneller als alle anderen war Pogacar 2021 sowieso. Das lag an seiner frühen Attacke auf der 8. Etappe. Aber auch van der Poel machte mit der von ihm initiierten Ausreißergruppe auf der 7. Etappe das Rennen noch mal schneller als gewohnt. Natürlich, Schnelligkeit im Radsport lässt die Dopingsirenen wieder schrillen. Dass seit der Übernahme der Tests durch die Internationale Testagentur ITA kein einziger World-Tour-Fahrer mehr erwischt wurde und vor allem Ermittlungen der Polizei wie zuletzt bei Operation "Clean Test" in Portugal zur Überführung von Dopingsündern führen, sorgt auch nicht für Entspannung.

Aber eine Ursache für die schnelleren Rennen kann eben auch das frühere Attackieren sein. Auch bei der Tour de France 2022 darf man sich auf Etappen freuen, bei denen schon sehr früh angegriffen wird.

Auch Rennställe ohne Superstar attackieren früh

Diese Variante gehört mittlerweile zum Taktikbesteck ganz vieler Teams, selbst dann, wenn diese nicht über Ausnahmefahrer wie Pogacar oder van der Poel verfügen. Der deutsche Rennstall Bora-hansgrohe etwa sprengte auf der famosen 14. Etappe des Giro d’Italia 2022 nach Turin frühzeitig mit einer Kollektivattacke von fünf Fahrern das Peloton. "Eigentlich haben wir das nur gemacht, weil wir den anderen Teams zuvorkommen wollten", sagte Boras sportlicher Leiter Jens Zemke der Sportschau.

Team Bora-Hansgrohe führt das Fahrerfeld der 14.Etappe des Giro d´Italia an

Die Erwartung von Attacken der anderen treibt die Rennställe also schon zum Vorverlegen der eigenen Angriffspläne - welch eine Dynamik! Boras Turin-Performance könnte denn auch die Taktikvorlage sein, um einen Ausnahmefahrer wie Pogacar vom dritten Toursieg in Folge abzuhalten: massiv früher angreifen als es selbst der Slowene für möglich hält, und ihn dadurch unter Zugzwang setzen.