Ion Izaguirre bei der 12. Etappe der Tour de France
Tourreporter

Tour de France Etappensieger Ion Izagirre - nur einer kommt durch

Stand: 13.07.2023 20:56 Uhr

Der Spanier Ion Izagirre gewinnt die 12. Etappe der Tour de France in Belleville-en-Beaujolais im Solo. Doch der härteste Kampf ist der Sprung in die Ausreißergruppe.

Von Michael Ostermann, Belleville-en-Beaujolais

Ion Izagirre hatte Zeit, sich einzurichten für den Zieleinlauf. Rund eine Minute betrug sein Vorsprung an der Kilometermarke in Belleville-en-Beaujolais, dem Zielort der 12. Etappe der Tour de France. Kurz dahinter ballte er zum ersten Mal die Faust. Es folgten Luftküsse, vier nach oben gestreckte Finger und am Ende die ausgebreiteten Arme bei der Fahrt über den Zielstrich.

120 Fahrer mit dem gleichen Ziel

Die vier Finger seien für seine Tochter gewesen, berichtete Izagirre. Die feierte an diesem Tag ihren vierten Geburtstag, als ihr Vater den zweiten Touretappensieg seiner Karriere einfuhr. "Als Radprofis sind wir viel unterwegs und verpassen, dadurch wichtige Momente mit der Familie", sagte der Baske, "deshalb habe ich versucht, ihr auf diesem Weg zu zeigen, dass ich bei ihr bin."

Sollte die kleine Maddi Izagirre zuhause tatsächlich realisiert haben, was ihr Vater da gerade für sie tat, durfte sie sich glücklich schätzen. Denn außer dem 34 Jahre alten Radprofi vom Team Cofidis waren am Morgen viele Fahrer in Roanne an den Start gegangen mit der Absicht, auf dieser Etappe um den Sieg mitzufahren.

"Es wollten heute sicherlich 120 Fahrer in die Gruppe", vermutete Izagirres Teamkollege Simon Geschke: "Wenn die Neutralisation schon fast wie ein Massensprint gefahren wird, um in der ersten Reihe zu sein, dann weiß man, was es für ein Tag wird." Es war ein Tag mit hohem Tempo, in dem es rund anderthalb Stunden brauchte, bis sich das Rennen im klassischen Sinne konsolidiert hatte: vorne eine Ausreißergruppe und dahinter das Feld mit dem Gesamtführenden Jonas Vingegaard im Gelben Trikot.

Die Chancen werden weniger

In dem Moment, in dem Tourdirektor Christian Prudhomme das Rennen mit seiner gelben Fahne freigegeben hatte, begannen die Attacken, in denen sich Gruppen bildeten, nicht wegkamen, neue Konstellationen entstanden, während hinten die Sprinter schon den Anschluss verloren und auch das Hauptfeld irgendwann in zwei Teile zerbrach. Er habe irgendwann "komplett den Überblick verloren", gestand Geschke und war damit vermutlich nicht alleine.

Die Tour hat jetzt mehr als die Hälfte der Etappen hinter sich. Die Chancen der Mannschaften, mit einem Erfolg aus Frankreich heimzukehren, schwinden mit jedem weiteren Tag. Die Sprints werden bislang dominiert von Jasper Philipsen vom Team Alpecin-Deceuninck, der Kampf ums Gelbe Trikot ist längst zu einem Duell zwischen Vinegaard und dem Slowenen Tadej Pogacar geworden, das vermutlich in den kommenden Tagen im Hochgebirge auch über Etappensiege entschieden wird.

Für alle anderen Teams und jene Fahrer, die weder Sprinter noch Kletterer sind, bedeutet das, sie müssen an Tagen, in denen es weder um das Gesamtklassement geht, noch ein Massensprint zu erwarten ist, die Fluchtgruppen besetzen. Sportliche Leiter, deren Teams nicht vorne vetreten sind, fordern ihre Fahrer auf, hinterherzugehen. Und auch die Mannschaften mit einem Klassementfahrer in ihren Reihen müssen aufpassen, dass sie bei all dem Gespringe niemanden übersehen, der unbeabsichtigt Zeit gut machen kann, weil man ihn hat in die Gruppe gehen lassen.

Moritz Cassalette, Sportschau Tourfunk, 13.07.2023 19:01 Uhr

Van Aert versucht es, van der Poel schafft es

Es gibt auch taktische Gründe, warum eines der Spitzenteams vorne mit vertreten sein will. "Es war unser Plan, vorne einen Fahrer in der Gruppe zu haben, als Satellit, falls etwas passiert. Der dann aber auch auf ein eigenes Ergebnis fahren kann", erklärte Vingegaard in Belleville-en-Beaujolias.

Bei seinem Team Jumbo-Visma ist das üblicherweise der Job von Wout van Aert, der als Klassikerfahrer auf einem Terrain wie am Donnerstag nicht nur als Relaistation für seinen Kapitän fungieren kann, sondern Chancen hat zu gewinnen. Van Aert hatte es zu Beginn der Etappe dann auch mehrfach versucht, doch am Ende war es Tiesj Benoot, der die Farben von Jumbo-Visma vorne vertrat und als Vierter ins Ziel kam.

Auch van Aerts alter Ego auf dem Rad, Mathieu van der Poel, war es gelungen, in die Gruppe zu kommen. Van der Poel war in den vergangenen Tagen gesundheitlich angeschlagen, wagte aber dennoch den Versuch, 50 Kilometer vor dem Ziel als Solist loszufahren - eine Art "Signature Move" des Niederländers. Vergeblich. "Mein Körper wollte nicht, was ich wollte", sagte van der Poel mit deutlich belegter Stimme.

So war es diesmal Izagirre, der 30 Kilometer vor dem Ziel die entscheidende Attacke für sein Solo setzte. Danach sei es nur noch darum gegangen, den Kopf nach unten zu nehmen und in die Pedale zu treten. "Ich habe schon die ganze Tour versucht, in die Gruppe zu kommen. Heute war es endlich so weit", sagte Izagirre, dem damit das Glück beschieden war, auf das am Morgen so viele andere Fahrer ebenfalls gehofft hatten.