Fabio Jakobsen
Tourreporter

Zwei Jahre nach schwerem Sturz Fabio Jakobsen - Sprintfavorit bei der Tour de France

Stand: 02.07.2022 09:13 Uhr

Nach einem schweren Sturz bei der Polen-Rundfahrt 2020 rang Fabio Jakobsen um sein Leben. Jetzt zählt er zu den Favoriten in den Massensprints der Tour de France.

Von Michael Ostermann, Kopenhagen

Die Spuren jenes 5. August 2020 lassen sich deutlich erkennen: Zahlreiche Narben ziehen sich durch das Gesicht von Fabio Jakobsen, als hätte jemand ein wildes Muster durch das Antlitz des niederländischen Radprofis geschnitzt. Die Narben sind das sichtbare Zeichen, dass Jakobsen dem Tod damals nur knapp entronnen ist und dass es fast an ein Wunder grenzt, dass der 25-Jährige nun sein Debüt bei der Tour de France gibt.

Mit 90 Stundenkilometern in die Bande

"Ich denke die meisten Radprofis erleben etwas Schlimmes während ihrer Karriere. Es gibt immer eine Zeit der Rehabilitation, ob nach einem Sturz oder einer Krankheit. Und ich hatte meinen fairen Anteil daran", hat Jakobsen vor dem Grand Départ der Tour in Kopenhagen gesagt. Ganz so als sei sein Rennunfall damals ein gewöhnliches Ereignis gewesen.

Dabei gehören die Bilder des Sturzes, denen Jakobsen die Narbenlandschaft in seinem Gesicht verdankt, zu den schlimmsten, die der Radsport jemals in die Welt gesendet hat. Auf der ersten Etappe der Polen-Rundfahrt war er auf der abschüssigen Zielgerade in Kattowitz mit einer Geschwindigkeit rund 90 Stundenkilometern in die Banden gekracht, weil sein Landsmann Dylan Groenewegen die Ideallinie während des Sprints verlassen hatte.

Noch im Zielbereich rangen die Ärzte lange um sein Leben. Im Krankenhaus wurde er später nach einer fünfstündigen Operation in ein künstliches Koma versetzt. Es folgten zahlreiche weitere Operationen, um sein Gesicht wiederherzustellen und die zehn verlorenen Zähne zu ersetzen. Dass er jemals wieder ein professionelles Radrennen bestreiten würde, schien undenkbar.

"Schmerzen auf den letzten 500 Metern sind nichts"

Er selbst habe niemals daran gezweifelt, dass er wieder zurückkommen und Rennen gewinnen würde, hat Jakobsen behauptet, als er im vergangenen Jahr eindrucksvoll zurückgekehrt war und unter anderem drei Etappen bei der Spanien-Rundfahrt gewann. Sein "Motor" sei ja intakt geblieben.

Doch die reine Physis ist das eine, das andere ist die Psyche. Sprinter wie Jakobsen dürfen nicht nachdenken, wenn sie im Pulk in Höchstgeschwindigkeit um die beste Position für den Schlussspurt kämpfen. Wer aus Angst zurückzieht, kann nicht gewinnen. Angst habe er nicht, sagt Jakobsen. Der Sturz habe ihn als Person verändert und seine Schmerzgrenze sei jetzt ein höher. "Die Schmerzen auf den letzten 500 Metern sind nichts im Vergleich zu den Schmerzen, die ich auf der Intensivstation erlebt habe."

Sportschau Tourfunk, 01.07.2022 20:33 Uhr

Cavendish muss zuhause bleiben

Bei der Tour de France gilt Jakobsen jetzt neben dem Australier Caleb Ewan zu den Topfavoriten in den Sprints. Seit seiner Rückkehr im April vergangenen Jahres hat Jakobsen 18 Sprints für sich entschieden. Im Frühjahr war Jakosben der erfolgreichste Sprinter. Darum hat sein Team Quick Step-Alpha Vinyl sogar den Briten Mark Cavendish zuhause gelassen, der im vergangenen Jahr die Sprints bei der Tour beherrschte und während seiner Karriere insgesamt schon 34 Etappensiege verbuchen konnte.

Jakobsen strebt nun seinen ersten Etappensieg bei der Tour de France an. Zum ersten Mal hat er die Chance, sich auf der allergrößten Bühne des Radsports zu beweisen. "Als ich anfing mit dem Radsport, ging es mir nicht darum an irgendeinen Ort zu kommen, sondern zu gewinnen", sagt Jakobsen. "In den kommenden drei Wochen werden wir herausfinden, ob ich auch bei der Tour gewinnen kann."

Die erste Chance haben die Sprinter vermutlich am Samstag (02.07.22) auf der zweiten Etappe von Roskilde nach Nyborg. Auf den 202,2 Kilometern geht es über viele schmale Straßen entlang der dänischen Küste. Der Wind könnte eine entscheidende Rolle spielen. Es wird also hektisch zu gehen. Und wie immer auf den ersten Etappen der Tour de France wird die Sturzgefahr hoch sein.

Die Streckenanimation der 2. Etappe

Sportschau, 23.06.2022 19:33 Uhr

Sicherheitsfragen bleiben ein Thema

Jakobsens Unfall in Polen befeuerte damals eine Sicherheitsdebatte innerhalb des Radsports. Die Zielgerade in Kattowitz galt schon vor dem dramatischen Unfall vielen Radprofis als zu gefährlich. Der Radsport-Weltverband UCI erließ danach neue Sicherheitsvorschriften. Doch viele Maßnahmen betrafen vor allem die Fahrweise der Profis, während die Rennveranstalter kaum in die Pflicht genommen wurden.

Windkanten, Kopfsteinpflaster und hohes Risiko

Sportschau

Im Vorfeld der Tour de France gab es auch nun wieder kritische Stimmen seitens der Fahrer, denen die Streckenführung der ersten Etappen zu sehr auf Spektakel ausgelegt ist. Die Tour de France sei kein Actionfilm, befand der deutsche Radprofi Simon Geschke.

Fabio Jakobsen will sich in diese Debatte nicht einschalten. Er versucht, sich ganz auf die anstehenden Sprints zu fokussieren, alles andere muss er ausblenden. "Ein Traum wird wahr", hat er in Kopenhagen gesagt. Es ist ein Traum, der vor zwei Jahren vollkommen ausgeschlossen schien.