Giro d'Italia - die schwierige Rückkehr von Dylan Groenewegen

Dylan Groenewegen steht 2018 auf dem Podium

Nach dem Sturz

Giro d'Italia - die schwierige Rückkehr von Dylan Groenewegen

Von Tom Mustroph

Wenn Dylan Groenewegen es könnte, würde er mit Sicherheit das Sprintfinale der erste Etappe der Polenrundfahrt vergangenes Jahr noch einmal anders gestalten. "Es ist schrecklich, was dort passiert ist. Und ich habe eindeutig einen Fehler gemacht", sagte der Niederländer rückblickend.

An jenem 5. August 2020 fuhr der Radprofi im Hochgeschwindigkeitssprint auf der abschüssigen Zielgeraden in Katowice den rechten Ellenbogen aus. Er brachte damit seinen Landsmann Fabio Jakobsen zu Fall. Der krachte durch die Bande, brach sich zahlreiche Knochen im Gesicht und wurde in ein künstliches Koma versetzt.

Sperre wie ein Dopingtäter

Es war ein Sturz, der die Radsportwelt veränderte. Groenewegen bekam eine Sperre, wie sie sonst nur gegen Dopingtäter verhängt wird. Neun Monate durfte er keine Rennen fahren. Zu Hause stand er eine Zeitlang unter Polizeischutz. Es hatte Morddrohungen gegen ihn und seine Familie gegeben.

Auch jetzt ist er unsicher, wie ihn die Radsportwelt aufnimmt. "Es gab natürlich viel Kritik. Es gibt aber auch viele Leute, die wieder hinter mir stehen, und sich freuen, dass ich zurückkomme", sagte er. Und er gestand auch ein: "Zweifellos wird es auch negative Reaktionen geben."

Rückkehr unter dem Radar?

Ursprünglich hatte sein Team Jumbo Visma nicht geplant, ihn in dieser Saison noch bei einer Grand Tour zu bringen. Zu hoch hatte man offenbar das Risiko einer negativen Aufnahme eingeschätzt.

"Wir hatten für ihn ein schönes Rennprogramm ausgewählt, das ihm eine Rückkehr mehr unter dem Radar ermöglicht hätte. Wegen Corona wurde aber bereits die Tour of Norway verschoben und man muss sehen, welche weiteren Veränderungen es im Rennkalender geben wird", erklärte Sportdirektor Merijn Zeeman.

Das Comeback des Sturzopfers

Zu der Entscheidung, Groenewegen beim zweitwichtigsten Rennen des Straßenradsports starten zu lassen, dürfte aber auch das Comeback von Sturzopfer Fabio Jakobsen beigetragen haben. Der Profi von Deceuninck Quick Step nahm bereits im April an der Türkeirundfahrt teil.

Er konnte dabei nicht an seine alten sportlichen Leistungen anknüpfen, war weit entfernt davon, selbst um Siege mitzusprinten. Aber er war wieder im Peloton dabei. "Ich habe das Gefühl, jetzt wieder dazuzugehören. Mein Körper hat gut darauf reagiert. Und ich bin ja auch der alte Fabio, nur eben mit ein paar Zähnen weniger", sagte er.

Damit verwies Jakobsen auch auf die schweren Schäden, die er immer noch nicht komplett überwunden hat. Sein Kiefer war derart gebrochen, dass ihm ein neuer Knochen modelliert wurde. "Im Sommer werden mir dann die neuen Zähne implantiert", sagte er.

Mit Sturzverursacher Groenewegen hat er sich mittlerweile getroffen. "Der Kontakt lief über Fabios Vater. Wir haben uns in einem kleinen Raum in Amsterdam gegenübergesessen und unsere Herzen erleichtern können. Es war ein sehr schönes Gespräch", sagte Groenewegen.

Jakobsen sieht das anders und zeigt sich bitter enttäuscht vom Verhalten Groenewegens: "Dylan hat keine persönliche Entschuldigung angeboten und keinen Willen gezeigt, Verantwortung für seine Aktionen zu übernehmen. Ich würde gerne eine Verständigung mit Dylan erreichen, aber dazu braucht es zwei", schrieb der 24-Jährige bei Twitter: "Um die weitere Vorgehensweise werden sich nun meine Anwälte kümmern, ich gebe keine weiteren Kommentare ab." Ob er tatsächlich juristische Schritte in Erwägung ziehe, ließ Jakobsen offen.

Sprints wie auf Eierschalen

Unabhängig davon wird die Rückkehr für Groenwegen nicht einfach. "Natürlich ist es die Frage, wie befangen oder unbefangen Dylan jetzt die nächsten Sprints fahren kann. Ich denke, dass er die ersten Sprints vielleicht wie auf Eierschalen fahren wird, dass er vielleicht auch Angst hat, überhaupt eine Konfrontation einzugehen", sagt Teamkollege Tony Martin. In David Dekker hat das Team ohnehin eine Alternative für die Massensprints im Kader.

Denn fraglich ist natürlich auch das Leistungsvermögen Groenewegens nach neun Monaten Pause. In der Regel braucht es ein paar Renntage, bevor man bei einer großen Rundfahrt in die Saison einsteigt.

Groenewegens Comeback beim am Samstag (08.05.2021) beginnenden Giro ist auch deshalb ein Experiment. "Dylan hat hart an seiner Rückkehr gearbeitet, aber er hat keinen Rennrhythmus und wird seinen Platz im Peloton finden müssen nach allem, was passiert ist", sagt Sportdirektor Zeeman über die heikle Situation.

Neue Sicherheitsstandards als Reaktion auf den Sturz

Den Radsport haben die Ereignisse von Katowice über das Schicksal der beteiligten Profis hinaus nachhaltig verändert. Der Weltradsportverband UCI beschloss neue Sicherheitsmaßnahmen. Dazu gehören auch Barrieren, die nicht so schnell wegfliegen, wie die in Polen. UCI-Präsident David Lappartient teilte der Sportschau mit: "Aus Belgien werden acht Lastwagen mit den neuen, sicheren Barrieren zur Polenrundfahrt in diesem Jahr fahren."

Dylan Groenewegen verursacht auf der Ziellinie bei der Polenrundfahrt 2020 einen schweren Sturz

Dylan Groenewegen verursacht auf der Ziellinie bei der Polenrundfahrt 2020 einen schweren Sturz.

Der Umgang mit dem Sturz machte zugleich das Machtgefälle im Profiradsport deutlich. Ursache für die schweren Verletzungen Jakobsens war einerseits der Rempler Groenewegens. Er hatte eindeutig seine Linie verlassen.

Aber nur, weil die Barrieren dem Aufprall nicht standhielten, schwebte Jakobsen eine Zeitlang in Lebensgefahr. "Man hat das Ungleichgewicht gesehen: Der Fahrer wurde Minuten nach dem Rennen bereits disqualifiziert. Für die Veranstalter hatte dies aber keine Konsequenzen", erzählte Iwan Spekenbrink, Landsmann der beiden beteiligten Profis und Chef des deutschen Rennstalls DSM, der Sportschau.

Für die Zukunft streben die Rennställe und auch die Fahrer stärkere Einbindung in die Rennplanung und auch größere Anteile bei den Einnahmen durch TV-Rechte an. Der Sturz von Katowice hat diese grundlegenden Debatten neu befeuert.

Stand: 06.05.2021, 10:00

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