US-Sport ruht - "Ein gewaltiges Statement"

Botschaft "End Racism" vor dem NHL-Spiel Tampa Bay Lightning gegen Boston Bruins

Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt

US-Sport ruht - "Ein gewaltiges Statement"

Von Heiko Oldörp

Die Basketballer haben es vorgemacht, andere Sportarten sind in Nordamerika nachgezogen. Landes- und ligenübergreifend haben Spielerinnen und Spieler 29 Partien boykottiert. Es gibt Wichtigeres als Sieg und Niederlage. Das hat auch die Eishockey-Liga NHL eingesehen. Profi Ryan Reaves sprach von einem "gewaltigen Statement, vor allem von dieser Liga".

Als Ryan Reaves am Donnerstag (28.08.2020) in seinem Hotelzimmer in Edmonton munter wurde, war er sofort hellwach. Auf dem Handy des Eishockey-Profis der Vegas Golden Knights waren zwei Nachrichten eingegangen. Eine von Kevin Shattenkirk, Verteidiger bei den Tampa Bay Lightning, und eine von Bo Horvat, dem Kapitän der Vancouver Canucks. Die beiden weißen NHL-Profis wollten reden - mit Reaves, einem von nur 43 schwarzen Spielern der Liga.

"Weiße Spieler wollten reden"

Reden darüber, was sie machen können, um ihren Unmut über den jüngsten Fall von Polizeigewalt gegenüber Schwarzen in Keshona/Wisconsin zum Ausdruck zu bringen. Um zu zeigen, dass sie sich für die Rechte von Afro-Amerikanern einsetzen. Dass Black Lives Matter - auch für sie, die weißen Eishockeyspieler. "Ich denke, diese Sache ist noch gewaltiger, weil sie damit begann, dass weiße Spieler reden wollten", sagte Reaves.

Bis Samstag keine NHL-Spiele

Tags zuvor hatte die NHL die erste Chance noch vertan, sich mit den anderen Sportligen zu solidarisieren. Mit den Basketball-Ligen NBA und WNBA, der Major League Baseball und der Major League Soccer, deren Sportlerinnen und Sportler landesweit 14 Spiele boykottiert hatten. Die NHL hingegen beließ es bei einer belanglosen, 27 Sekunden langen, Erklärung - und absolvierte dann, wie geplant, ihre beiden Playoff-Partien.

Sport-Boykott nach Polizeigewalt in den USA Tagesschau 27.08.2020 01:48 Min. Verfügbar bis 27.08.2021 Das Erste

Doch am Donnerstag zogen die Eishockey-Profis nach. Sie hatten sich zusammengeschaltet in ihren abgeschirmten Blasen in Toronto und Edmonton, wo die NHL die Playoffs ausspielt. Und sie hatten entschieden, bis Samstag das Eis nicht mehr zu betreten. Vier Spiele werden somit verschoben. "Der heutige Tag hat uns als Gruppe vereint. Jeder schwarze Spieler in dieser Liga, jedes schwarze Kind, das aufwächst und Eishockey spielt, soll spüren, dass sie eine Stimme haben und dass die NHL und Eishockey ein sicherer Ort sind", meinte Shattenkirk in Toronto.

Ein Bild, eine Aussage: Zusammenhalt

Reaves stand nahezu zeitgleich in Edmonton in der Mitte eines Podiums. Neben und hinter sich hatte er alle Spieler der Vegas Golden Knights, Vancouver Canucks, Dallas Stars und Colorado Avalanche versammelt. Ein Bild, eine Aussage: Zusammenhalt. Reaves nannte es "ein gewaltiges Statement - vor allem von dieser Liga". Denn die NHL ist aufgrund ihrer geringen Anzahl von Schwarzen auch 2020 immer noch die "weiße Liga" und hat sich bislang bei wichtigen gesellschaftspolitischen Themen oft zurückgehalten.

Spieler als Initiatoren

Doch nun boykottierten auch die Eishockey-Cracks. Somit steht der Profisport in Nordamerika nahezu still. Im Fernsehsender "ESPN" war von "historischen 24 Stunden" die Rede. Denn innerhalb von 24 Stunden mussten in fünf Ligen 29 Partien verschoben werden, weil sich die Spielerinnen und Spieler weigerten, ihre Trikots anzuziehen. Weil es derzeit Wichtigeres gibt, als einen Basketball in den Korb zu werfen, einen Puck ins Tor zu hämmern oder einen Baseball aus dem Stadion zu dreschen.

Was auffällt: in allen Ligen sind die Spieler die Initiatoren. Nirgends gab es eine Anweisung von oben. Doch die Ligen unterstützen die Aktionen ihrer Angestellten. Die wiederum haben gespürt, dass das Tragen von T-Shirts mit Hashtags wie #BlackLivesMatter nicht mehr genug ist. Dass trotz Niederknien oder Recken der Faust beim Abspielen der Nationalhymne nichts passiert. Dass nun der Worte genug gefallen und Aktionen gefragt sind.

"Wir fordern Gerechtigkeit!" - Reaktionen aus der WNBA und NBA Sportschau 27.08.2020 00:55 Min. Verfügbar bis 27.08.2021 Das Erste

LeBron James: "Geht wählen"

"Veränderungen kommen nicht vom Reden. Sie geschehen durch Handlungen und sie müssen jetzt passieren" ließ LeBron James seine 47,1 Millionen Twitter-Follower wissen. Der Ausnahme-Basketballer der Los Angeles Lakers macht in diesen Tagen immer wieder deutlich, wie wichtig es sei, bei der Präsidentschaftswahl am 3. November seine Stimme abzugeben.

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Donald Trump hofft auf eine zweite Amtszeit. Der US-Präsident hat vor allem zur NBA ein äußerst gespaltenes Verhältnis. Am Donnerstag sagte Trump, die NBA sei "wie eine politische Organisation geworden" - und das sei nicht gut. Die Liga wird, ob es Trump passt oder nicht, weiterhin laut und somit für ihn unbequem sein. Und sie wird ihre Playoffs fortsetzen. Heute oder morgen solle wieder gespielt werden, heißt es.

Was macht die NFL?

Ab dem 10. September fliegen auch wieder die Footbälle durch Amerikas Arenen. Die NFL ist in den USA so beliebt wie Thanksgiving oder der Nationalfeiertag am 4. Juli. Ihre Spieler sind mehrheitlich Afro-Amerikaner. Sie hat eine noch größere Strahlkraft als die NBA und würde mit einem Boykott noch mehr Reichweite erzielen.

Am Mittwoch sagten neun der 32 NFL-Teams ihr Training ab, darunter auch die Green Bay Packers von Coach Matt LaFleur. "Die aktuellen Geschehnisse sind wichtiger als Football", betonte LaFleur. Er denke, so der Trainer, dass seine Akteure spielen wollen würden. Aber sie würden eben zugleich auch Anstrengungen unternehmen, sich gesellschaftlich zu engagieren. LaFleur: "Hier geht es um Menschlichkeit."

Stand: 28.08.2020, 09:30

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