Interview zu IOC-Chef Bach - "Der perfekte Führer eines Einparteienstaates"

IOC-Präsident Thomas Bach

Interview mit Jens Sejer Andersen (Play The Game)

Interview zu IOC-Chef Bach - "Der perfekte Führer eines Einparteienstaates"

Thomas Bach steht vor der Wiederwahl zum IOC-Präsidenten. Jens Sejer Andersen, Direktor von "Play The Game", dem weltweit führenden Think Tank für gesellschafliche und politische Themen im Zusammenhang mit Sport, spricht im Interview über die Ära Bach und dessen Führungsstil.

sportschau.de: Thomas Bach wird sicher als IOC-Präsident wiedergewählt werden, es gibt keinen Gegenkandidaten. Lassen Sie uns aber zunächst zurückschauen: Wie bewerten Sie seine ersten acht Jahre seiner Zeit als Präsident des IOC?

Jens Sejer Andersen: Meiner Meinung nach hat es Thomas Bach geschafft, nicht nur die Alleinherrschaft im IOC, sondern in der gesamten olympischen Bewegung zu übernehmen. Sein Slogan bei seiner Wahl vor acht Jahren war: "Zusammenhalt in Vielfalt".

Man könnte sagen, dass er Zusammenhalt erreicht hat, aber auf Kosten der Vielfalt. Die olympische Bewegung, mit all ihren Akteuren, spricht nun mit einer Stimme. Und das ist die Stimme von Thomas Bach. Wir haben in vielen Situationen gesehen, dass er rigoros gegen seine Widersacher vorgegangen ist, denn am Ende des Tages ist jeder davon abhängig, was der Präsident von der jeweiligen Karriere hält.

sportschau.de: Und Thomas Bach hat ja tatsächlich das IOC stark umgebaut, das Personal ausgetauscht: In seiner Amtszeit kamen mehr neue Mitglieder dazu als unter irgendeinem Präsidenten zuvor. Bei der Bekanntgabe seiner Wiederwahl gab es nur Lob der IOC-Mitglieder für den Präsidenten, kein Wort der Kritik. Wie würden Sie die aktuelle Situation des IOC beschreiben?

Jens Sejer Andersen: Man könnte beim Blick auf die personelle Entwicklung im IOC den Eindruck gewinnen, dass es einen Fortschritt gibt: Es wird Modernität vermittelt. Frauen sind viel stärker vertreten, ebenso wie ehemalige Athleten. Aber all das macht keinen Unterschied, denn alle diese Personen wissen, dass sie ihren Aufstieg Thomas Bach zu verdanken haben und versäumen keine Möglichkeit, ihre Loyalität zum Ausdruck zu bringen.

Natürlich gibt es verschiedene Meinungen innerhalb des IOC, aber die Leute wissen, dass, wenn sie diese Meinungen laut in der Öffentlichkeit aussprechen, es Konsequenzen geben wird. So steht Thomas Bach am Ende des Tages als der perfekte Führer eines Einparteienstaates da.

Denn würde man die olympische Bewegung mit einem existierenden politischen System oder einer Institution vergleichen wollen, wäre ein Einparteienstaat oder der Vatikan und die katholische Kirche wohl der treffendste Vergleich. Dort ist es üblich, dass ein Alleinherrscher die absolute Macht hat und es niemand wagt, Diskussionen über sensible Themen anzufangen. Denn jeder weiß, dass dies früher oder später auf ihn zurückfallen wird.

sportschau.de: Haben Sie Beispiele, was mit den Kritikern von Thomas Bach passiert?

Jens Sejer Andersen: Wir sehen es am Beispiel von Marius Vizer. Er war mal Präsident der einst unabhängigen Organisation für internationale Sportvereinigungen "Sportaccord". Bestimmt war Vizer nicht der beste Vertreter aus der Riege der Sportfunktionäre den man sich vorstellen kann, aber er nahm sich die Freiheit heraus, das IOC massiv bei einer Eröffnungsveranstaltung einer "Sportaccord"-Versammlung vor Tausenden von Sportfunktionären zu kritisieren.

Er stellte das IOC als eine veraltete Organisation dar, die nicht effizient genug sei, Gelder an seine wichtigste Interessengruppe zu verteilen, nämlich die Athleten. Schnell bröckelte seine gesamte politische Basis, weil die Sportverbände sagten, dass man das IOC und Thomas Bach nicht so offen kritisieren dürfe. Und innerhalb von ein paar Wochen wurde die Institution "Sportaccord", bis dato eine unabhängige Organisation, komplett in kleine Stücke zerteilt.

Mittlerweile ist sie umbenannt, ihr Personal ist reduziert und sie hat absolut keine unabhängige Stimme mehr. Es gibt nun also nur noch eine Stimme in der olympischen Welt, und das ist die von Thomas Bach.

sportschau.de:  Was sagt das Ihrer Meinung nach über ihn aus?

Jens Sejer Andersen: Ich bin kein Fachmann in Psychologie. Ich bin mehr daran interessiert zu verstehen, was diese Machtzentralisierung in einer Person für Konsequenzen für das System mit sich bringt. Aber natürlich fällt auf, dass er politisch sehr fähig ist. Denn wäre er dies nicht, hätte er nicht die Position erreicht, die er inne hat. Aber ich glaube, das bringt schreckliche Folgen mit sich. Wir haben dies etwa während des russischen Dopingskandals gesehen.

IOC-Präsident Bach vor Wiederwahl: Thank you, Mr. President sport inside 07.03.2021 08:37 Min. Verfügbar bis 07.03.2022 WDR Von Robert Kempe

sportschau.de: Thomas Bach bezeichnet Doping ja als einen Angriff auf den Sport und behauptet, strikt dagegen vorzugehen. Mit Blick auf den russischen Dopingskandal und die Olympischen Spiele in Rio, als fast 300 russische Athleten trotz überbordender Beweise für russisches Staatsdoping an den Start gehen durften – wird er seinen starken Worten im Kampf gegen Doping gerecht?

Jens Sejer Andersen: Ich würde sagen, dass es eine ihm charakteristische Vorgehensweise gibt: Er benutzt Sprache, die sehr fortschrittlich, sehr ethisch, sehr prinzipiell ist und sehr dem entspricht, was man in einer westlichen Demokratie erwarten würde. Aber wenn man sich die Realität anschaut, unterscheiden sich die Handlungen stark von dem, was versprochen wurde. Das ist im Umgang mit dem russischen Dopingskandal zu erkennen, aber etwa auch bei seiner Agenda 2020.

Diese Agenda 2020 war ein groß angelegtes politisches Programm, welches die Verwaltung der internationalen Sportverbände verbessern sollte. So argumentiert diese Agenda dafür, die Vergabeverfahren für die Olympischen Spiele zu überarbeiten und zu erneuern, sodass nicht so viel Geld von den Bewerbern und den verschiedenen, gegeneinander antretenden Städten verschwendet wird.

Dies wird verkauft, als würde das IOC die Welt verändern. Aber in Wirklichkeit ist es Thomas Bach, der schlauerweise die Entwicklungen auf der Welt wahrgenommen hat, dass Städte nämlich nicht mehr bereit sind Unsummen dafür auszugeben, das IOC zu überzeugen, eine zweiwöchige milliardenteure Party bei ihnen zu veranstalten. So haben insbesondere die Bürger in demokratischen Ländern gesagt, nicht mehr Teil dieses Spiels sein zu wollen.

Und vor ein paar Tagen gab das IOC dann bekannt, dass die Spiele 2032 sehr wahrscheinlich von Brisbane, Australien, ausgetragen werden. Aber niemand weiß, welche Kriterien das IOC bei seiner Entscheidung angelegt hat, und es gibt auch keine klare, transparente Dokumentation darüber, warum dies das favorisierte Angebot des IOC ist.

sportschau.de: Lassen Sie uns zum Schluss noch über den Umgang des IOC mit Autokratien reden. Wir kennen seinen Umgang mit Nordkorea, mit Belarus. In China werden in weniger als einem Jahr die Winterspiele abgehalten. Wie würden Sie Thomas Bachs Beziehung zu autoritären Herrschern beschreiben?

Jens Sejer Andersen: Ich würde sagen, Thomas Bach ist der perfekte IOC-Präsident. Wenn man sich die olympischen Ambitionen einmal aus historischer Sicht anschaut, war es immer der Anspruch, die olympischen Werte über alle anderen Werte zu stellen. Und auch dass die Olympischen Spiele immer und ohne Rücksicht auf Verluste die Welt vereinen müssen.

Das Problem dabei ist, dass das ganze Prestige Olympias in die Hände von diktatorischen Regimes gelegt werden kann, wenn es keine Notbremse gibt; etwa in Form von Kriterien bezüglich der Einhaltung von Menschenrechten, ob ein Land an Olympischen Spielen teilnehmen oder sie sogar ausrichten darf.

Wie kann das IOC, das in seinen Zielen von Menschenwürde spricht, die Menschenrechtsverletzungen in China akzeptieren, die gegenwärtig dort an den Uiguren stattfinden? Und wenn die olympische Bewegung nicht für ihre eigenen Werte eintritt, nicht dafür kämpft, dass diese Werte verteidigt werden, dann bewirbt sie am Ende das Gegenteil dieser Werte.

Jens Sejer Andersen, Direktor Play The Game

Jens Sejer Andersen

Jens Sejer Andersen ist Internationaler Direktor von "Play the Game". Die staatlich geförderte Initiative des Dänischen Instituts für Sportwissenschaft fördert Demokratie, Transparenz und Meinungsfreiheit im Weltsport. Andersen ist Mitglied der Beratergruppe zur Integrität im Sport der UNESCO und Beobachter in der Expertengruppe für Good Governance im Sport, die vom Rat der Europäischen Union eingesetzt wurde. "Play the Game" gilt als global führender Think Tank für gesellschaftskritische und politische Themen im Zusammenhang mit dem modernen Sport und Andersen als einer der weltweit bekanntesten Experten auf diesem Gebiet.

Das Interview führte Robert Kempe

Disclaimer: Der Autor (Robert Kempe) und der Redakteur (Jochen Leufgens) dieses Interviews hielten 2015 als unbezahlte Redner bei der Konferenz von "Play the Game" einen Vortrag zur Korruptionshistorie der FIFA.

Stand: 10.03.2021, 08:00

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