Ein Hotelzimmer

Der Japan-Reiseblog von Julia Linn Olympia-Quarantäne extrem: Sechs Tage ohne Tageslicht

Stand: 02.07.2021 17:27 Uhr

Seit ich den Flughafen Tokio-Haneda vor knapp einer Woche verlassen habe, spüre ich zum ersten Mal Euphorie und blicke auf die Hochhäuser der Olympia-Stadt. Die vergangenen sechs Tage habe ich in einem Loch verbracht – in einem zugeteilten Quarantäne-Hotel. Ohne richtige Verpflegung, ohne Tageslicht, isoliert. Heute durften meine Kollegen und ich umziehen. Aber erst mal von vorne.

Von Julia Linn (Tokio)

Isoliert von der Außenwelt

Das japanische Olympia-Organisations-Komitee hat uns auf je zehn Quadratmetern eingepfercht. In einem Quarantäne-Hotel, das seine besten Jahre schon vor Jahrzehnten hinter sich gebracht hat. These: Die reißen das Ding ab, wenn wir weg sind.

Die Umstände sind eine Herausforderung: Die Zimmer sind klein, das Fenster lässt sich nur einen Spalt breit kippen, direkt vor meinem Fenster ist eine Wand. Schon an Tag eins kenne ich jeden Wand-Riss persönlich. Wenn es regnet, ist die Wand nass – viel mehr bekomme ich nicht von draußen mit.

Totale von Zimmer | Eingesperrt auf zehn Quadratmetern – an Ocker hab ich mich erst mal satt gesehen.

Eingesperrt auf zehn Quadratmetern

Kein Wasser

Die erste Stunde im Loch: Hunger. Denn auch im Flugzeug war die Verpflegung wegen Corona auf ein Minimum runtergefahren. Aber auch im Hotel ist sie minimal. Essen müssen wir beim Lieferservice bestellen, aber bitte nicht zu häufig und auch nur von neun bis 21 Uhr.

Vom Hotel gibt es Wasserflaschen – wenn die nicht gerade aus sind. So passiert am Nachmittag von Tag drei: "Es gibt kein Wasser mehr", sagt uns eine Hotelangestellte. Sumimasen - Verzeihung, Nachschub erst am nächsten Tag.

Das Flur-Körbchen vor meiner Zimmertür ist mein Draht zur Außenwelt und Überbringer der Essenslieferung.

Das Flur-Körbchen als Draht zur Außenwelt

Unseren täglichen Test gib uns heute

In Quarantäne muss hier übrigens jeder, der Impfpass ist kein Türöffner. Täglich werden Körpertemperatur und Symptome gecheckt, dazu immer wieder PCR-Tests. Japan geht für Olympia auf Nummer sicher-sicher.

Tschüss Loch, hallo Aussicht

Zwei Wochen müssen wir Journalisten drinnen bleiben, wenn wir uns danach frei bewegen wollen. An Tag 15 dürfen wir, die gemeinsam angereist sind, die Quarantäne verlassen, unser Loch aber schon an Tag sieben! Wir können unser Glück kaum fassen - und ehrlicherweise nicht ganz verstehen. Ein Kollege, der vor uns angereist ist, muss bis zum letzten Quarantäne-Tag dort verharren. Beim Auschecken treffen wir einen Kollegen aus Argentinien, auch er darf raus - an Tag drei. Warum, weiß er auch nicht.

Wir hinterfragen nichts, bringt eh nichts. Auf uns wartet schon ein Fahrer. Für einen Moment fühlt es sich an wie Freiheit. Tokio ist heute zwar grau und verregnet, aber für mich ist jeder andere Ausblick als das Wand-Fenster ein Erlebnis.

Das Gefühl der Freiheit ist schnell verflogen - willkommen in der nächsten Quarantäne-Unterkunft. Vor dem Zimmer ist die Beklemmung zurück. Ein Stoßgebet Richtung Himmel und dann rein. Ich bin sprachlos. Die Aussicht haut mich um, denn es gibt sie! Links kann ich den Skytree, ein Wahrzeichen Tokios, erahnen, in der Ferne sehe ich die Bucht von Tokio. Ganz in der Nähe, in der Tokyo Bay Zone, werden in gut drei Wochen auch olympische Wettkämpfe stattfinden. So langsam stellt es sich ein, das Olympia-Gefühl.

Zur Person: Julia Linn arbeitet für den WDR und im ARD-Studio Tokio und berichtet hier täglich von ihren Erfahrungen bei den Olympischen Spielen in Tokio.

Die Augenringe der lichtlosen Zeit lassen grüßen – aber die Endorphine überwiegen.

Die Augenringe der lichtlosen Zeit lassen grüßen – aber die Endorphine überwiegen.