Menschenrechte: Das IOC verrät seine eigenen Werte

Ra'ad Seid al-Hussein im Jahr 2018

Olympische Winterspiele in Peking in der Kritik

Menschenrechte: Das IOC verrät seine eigenen Werte

Der ehemalige UN-Hochkommisar für Menschenrechte Ra'ad Seid Al-Hussein hat für das IOC Empfehlungen für eine Menschenrechtsstrategie erarbeitet. Er kritisiert das Schweigen des IOC angesichts der Menschenrechtslage in China, wo 2022 die Winterspiele stattfinden sollen.

In weniger als einem Jahr starten in Peking die Olympischen Winterspiele 2022. China spricht von großer Begeisterung im Volk, international gibt es dagegen erste Boykott-Diskussionen. Grund dafür ist die Verfolgung der Uiguren in der Region Xinjang. Die US-Regierung spricht angesichts der Lager, in denen mehr als eine Millionen Angehörige der muslimischen Volksgruppe festgehalten werden, sogar von einem Genozid.

Das Internationale Olympische Komitee schweigt zur Menschenrechtslage in China und lobt stattdessen die Effizienz und Gastfreundschaft der Chinesen. Man freue sich auf spektakuläre Spiele, sagt IOC-Präsident Thomas Bach. Ansonsten beruft man sich im IOC darauf, dass der Sport politisch neutral sei.

"Das hat nichts mit Politik zu tun"

Für den ehemaligen UN-Hochkommissar für Menschenrechte Seid bin Ra’ad Seid Al-Hussein ist das nichts anderes als eine Farce, denn um Politik gehe es schon lange nicht mehr. "Nichtdiskriminierung ist ein Teil der IOC-Botschaft. Wenn ich gegen Rassismus bin, gegen Diskriminierung von Minderheiten, dann spreche ich für die Werte dieser Organisation. Das hat nichts mit Politik zu tun", erklärt Seid Al-Hussein gegenüber der Sportschau.

Das IOC steht schon seit Jahren in der Kritik, zu wenig für die Menschenrechte zu tun. 2019 hatte Präsident Thomas Bach deshalb Seid al-Hussein zusammen mit Rachel Davis von der Expertengruppe Shift beauftragt, Empfehlungen für die Menschenrechtsstrategien zu erarbeiten. Im Dezember 2020 veröffentlichte das IOC den Bericht. Wie viel davon tatsächlich umgesetzt wird, ist unklar.

"Das IOC muss eine Entscheidung treffen"

Klar ist hingegen, dass die Olympischen Winterspiele 2022 das IOC zum Handeln zwingen. "An irgendeinem Punkt müssen sie etwas sagen. Ich hoffe und vermute, dass sie darüber sprechen", sagt Seid Al-Hussein. Auslöser könnten Stimmen innerhalb der US-Regierung sein, in der bereits über einen Boykott der Spiele diskutiert wird. "Das IOC muss eine Entscheidung treffen, wo es sich in diesem Kontext positionieren will", so Seid Al-Hussein weiter.

Im Schattenreich der Ringe - das IOC und die Menschenrechte Sportschau 02.05.2021 33:38 Min. Verfügbar bis 02.05.2022 Das Erste

Während das IOC schweigt, werden viele Athletinnen und Athleten lauter. Im vergangenen Jahr haben Proteste wie etwa in den amerikanischen Basketball-Ligen WNBA und NBA für die Politisierung des Sports gesorgt. "Bisher ist die allgemeine Wahrnehmung, dass der Sport sich eine eigene Blase geschaffen hat. Als wenn das für immer so bleiben könnte", erklärt Seid Al-Hussein. "Aber die Gesellschaft verändert sich und will Probleme wie Missbrauch nicht mehr dulden. Und der Sport muss ebenso sensibel damit umgehen."

China leugnet Genozid

Gerade wegen der Berichte aus Xinjiang machen sich viele Menschenrechtsorganisationen Sorgen. "Die chinesischen Richtlinien aus Peking scheinen zur Verfolgung von ethnischen Minderheiten zu führen", sagt Seid Al-Hussein. "Bis zum Level eines Genozids." China bezeichnet diese Berichte als "Jahrhundert-Lüge". "Wenn China die Welt überzeugen will, dass das nicht der Fall ist, sollen sie UN-Kommissare ohne Anweisungen ermitteln lassen", sagt Seid al-Hussein.

Für ihn ist klar, dass das IOC handeln muss. Doch selbst dann wird es noch dauern, bis das Umdenken in allen Köpfen stattgefunden hat. "Du wirst im IOC immer Menschen haben, die keine Veränderung wollen. Selbst wenn die Führung an die Werte glaubt, wird es dauern", erklärt der ehemalige UN-Hochkommissar. "Aber die Menschenrechtler sind ungeduldig. Sie sehen Verstöße und wollen nicht, dass der professionelle Sport für Whitewashing steht oder irgendetwas verdeckt. Diese Probleme sind echt."

Stand: 01.05.2021, 18:33

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