Impfen für Olympia - ein globales Dilemma

Olympische Ringe und Impfungen

Corona-Impfung von Athletinnen und Athleten vor Olympia in Tokio

Impfen für Olympia - ein globales Dilemma

Von Leon Gellings

Deutschland will seine Athletinnen und Athleten vor Olympia geimpft haben – ob dabei an der Priorisierung gerüttelt wird, ist unklar. Die bleibt auch in der globalen Debatte ein heikles Thema.

Knapp drei Monate vor Eröffnung der Olympischen Spiele in Tokio tragen steigende Fallzahlen im Gastgeberland und eine nur langsam anrollende, weltweite Impfkampagne maßgeblich zu anhaltenden Sicherheitsbedenken bei.

Impfung von Athletinnen und Athleten wird zur Schlüsselfrage

Ob die nationalen Regierungen bereit sind, ihren Olympioniken in der Impfreihenfolge den Vortritt vor der restlichen Bevölkerung zu lassen, entwickelt sich dabei immer mehr zur Schlüsselfrage. Am Montag (19.04.2021) erklärte die Bundesregierung, die deutschen Olympia-Athletinnen und -Athleten rechtzeitig impfen zu wollen, ohne dabei eine mögliche Änderung der Impfpriorisierung zu thematisieren.

Steve Alter: Athletinnen und Athleten sollen "zeitgerecht geimpft werden" Sportschau 20.04.2021 00:23 Min. Verfügbar bis 20.04.2022 Das Erste

Seitdem das Internationale Olympische Komitee (IOC) und die japanischen Organisatoren im vergangenen Monat verkündeten, man werde angesichts des weltweiten Infektionsgeschehens keine ausländischen Zuschauer zu den Olympischen Spielen zulassen, fokussiert sich die Frage nach den Risiken der Austragung eines solchen Großereignisses während einer globalen Pandemie mehr denn je auf die Gesundheit der Teilnehmenden.

Der Sportschau-Olympia-Podcast - Vorfreude dank Impfmöglichkeit

Sportschau 19.04.2021 01:02:38 Std. Verfügbar bis 19.04.2022 ARD


Die heikle Frage nach Moralität

Das IOC stellte zwar früh klar, dass eine Impfung der Athleten für eine Teilnahme nicht verpflichtend sei, appellierte aber in Person seines Präsidenten Thomas Bach an die Nationalstaaten, diese nach Möglichkeit trotzdem vor den Spielen zu versorgen. Bei derzeit knappen Impfstoffen und national variierenden Impfregelungen erscheint dies jedoch als ein hehres Ziel.

Stein des Anstoßes ist dabei vor allem die Frage, welchen Stellenwert die Impfung körperlich hochleistungsfähiger Sportlerinnen und Sportler haben sollte, der in einem nicht-olympischen Jahr sicherlich ganz am Ende der Schlange stehen würde.

Impfdiplomatische Anstrengungen von China und Russland

Hier ist es auch nur eine unwesentliche Hilfe, dass das IOC in Kooperation mit der chinesischen Regierung angeboten hat, deren Impfstoffe allen Teilnehmenden und Betreuenden zur Verfügung zu stellen. Die chinesischen Vakzine Sinovac und Sinopharm sind bis auf einige Ausnahmen nur in Teilen Asiens und Südamerikas (u.a. Indonesien, Brasilien, Chile) zugelassen – angesichts dessen wirkt dies allenfalls wie ein symbolisches Angebot.

Das russische Olympische Komitee ROC gab überdies an, sich in impfdiplomatischen Verhandlungen mit der Vereinigung afrikanischer olympischer Komitees ANOCA zu befinden. ROC-Präsident Stanislaw Posdnjakow erklärte bereits Ende März, dass eine Einigung zur Versorgung von afrikanischen Athletinnen und Athleten mit dem russischen Impfstoff Sputnik V kurz vor dem Abschluss stünde. Unter anderem der südafrikanische Verband SASCOC erklärte, die Angebote aus Russland oder China in Anspruch nehmen zu wollen, sobald es eine Zulassung gebe.

Weltweit unterschiedliche Regelungen

Für alle anderen scheinen sich drei Lösungsansätze herauszukristallisieren: Einerseits gibt es eine Reihe von Ländern, die ihre Athletinnen und Athleten bereits bevorzugt geimpft haben. Dann sind da diejenigen Nationen, die ohnehin mit einem rechtzeitigen Abschluss ihrer Impfkampagne vor den Spielen rechnen. Und zuletzt solche, die versichern, die vorgesehenen Impfregelungen einhalten zu wollen – immer mit der Hoffnung verbunden, die Sportlerinnen und Sportler dennoch möglichst bald nach den gefährdeten Gruppen impfen zu können.

Zur ersten Gruppe gehören unter anderem Indien, Litauen, Ungarn, Israel oder auch Mexiko. Die litauischen Olympioniken beispielsweise erhielten ihre Spritzen im Februar, die ungarischen sogar schon im Januar. Eine solche Lösung scheint für die meisten NOKs jedoch außer Reichweite, sei es aufgrund geringer Impfstoffkontingente oder dem öffentlichen moralischen Konflikt, körperlich gesunde Sportler vor gefährdeten Risikogruppen zu impfen.

Spiel auf Zeit

Um diesem Problem aus dem Weg zu gehen, verweist man in den meisten Staaten, die über ein hohes Impfstoffkontingent verfügen, auf die festgelegten Priorisierungen. Natürlich mit dem Hintergedanken, selbst bei Einhaltung der Impfreihenfolge die Athleten rechtzeitig vor den Spielen impfen zu können.

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Sarah Hirshland beispielsweise, Präsidentin des Nationalen Olympischen Komitees der USA, zeigte sich bereits im März zuversichtlich, dass im Zuge der Impfung der gesamten erwachsenen Bevölkerung alle Mitglieder des US-Teams bis Ende Mai die Möglichkeit haben würden, sich impfen zu lassen.

Auch in der EU scheinen die meisten Mitgliedsstaaten trotz einer schleppend verlaufenden Impfkampagne auf eine ähnliche Lösung zu setzen. In Deutschland kam dabei am Montag (19.04.2021) Bewegung in die Sache - so sicherte der Sprecher des Bundesinnenministeriums, Steve Alter, den deutschen Athleten eine Impfung vor den Olympischen Spielen zu. Man gehe davon aus, dies "im Rahmen des Impf-Fortschritts gewährleisten zu können". Von einer Änderung der Priorisierung ist erst einmal nicht die Rede. In einer internen Umfrage des DOSB unter 1.700 potenziellen deutschen Olympiateilnehmenden sprachen sich 73 Prozent von ihnen vor kurzem deutlich gegen eine bevorzugte Behandlung aus.

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Ungeimpfte Athleten und das globale Risiko

Der Mediziner Wilhelm Bloch, der sich mit den Langzeitfolgen einer Coronainfektion bei Sportlern befasst, hält eine Austragung der olympischen Spiele ohne flächendeckende Impfung der Athletinnen und Athleten trotz Hygiene- und Testkonzepten für gefährlich. Er verweist auch auf die möglichen Konsequenzen für die globale Infektionslage: "Wir haben Teilnehmende aus allen möglichen Regionen der Welt, die bringen auch alle möglicherweise unterschiedliche Mutanten mit. Das ist nicht nur ein Risiko für die Athleten, sondern auch für die Gesellschaften, weil diese dann von außen möglicherweise wieder einen gewissen Infektionsdruck mit ins Land kriegen."

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Für die Nationalen Olympischen Komitees wird die Frage nach der Impfung immer mehr zu einem Rennen gegen die Zeit. Und sie befinden sich nach wie vor in einem Dilemma: Dass die Athletinnen und Athleten geimpft werden sollen, steht außer Frage. Ob sie den richtigen Zeitpunkt finden, dies öffentlich einzufordern, ohne sich berechtigter Kritik über eine Vorzugsbehandlung auszusetzen, ist dagegen nicht sicher.

Stand: 20.04.2021, 08:00

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