Olympia | IOC Bach sieht "Kälte" im Fall Walijewa - und lobt Olympia in Peking

Stand: 18.02.2022 13:23 Uhr

70 Minuten lang stellte sich der IOC-Präsident am Freitag (18.02.2022) der Weltpresse und versuchte, durch Athletennähe zu punkten. Für Kamila Walijewa warf er sogar jene Neutralität über Bord, auf die er sonst so gerne verweist. Aus Russland kam Kritik an seinen Worten.

Von Jörg Mebus

Thomas Bach gab sich mal wieder als großer Athletenfreund, er hob eifrig die friedensbringende Botschaft Olympias hervor und lobte die chinesischen Gastgeber für ihr Corona-Management überschwänglich. Der deutsche IOC-Präsident war in seiner einzigen großen Pressekonferenz während der Winterspiele von Peking 70 Minuten lang voll in seinem Element und bewegte sich abgeklärt auf ausgetretenen Pfaden.

Und auch das alles bestimmende Thema der Fragerunde, der Fall der Eiskunstläuferin Kamila Walijewa, half Bach, die großen Schwachstellen des IOC zu umschiffen: die fehlende Haltung seines Ringekonzerns zu Menschenrechtsfragen und die deswegen schwindende Glaubwürdigkeit.

"Es lief mir kalt den Rücken runter"

Umso mehr versuchte Bach, mit emotionaler Athletennähe zu punkten, auch und gerade im Fall Walijewa: Der Wirtschaftsanwalt aus Tauberbischofsheim warf alle Neutralität, auf die er sonst auf so vielen Ebenen verweist, über Bord. Er schlug sich voll auf die Seite der 15-jährigen Russin und nahm deren Umfeld ins Visier.

"Als ich gesehen habe, wie sie von ihrer Entourage empfangen wurde, mit etwas, was mir wie eine enorme Kälte vorkam - da lief es mir kalt den Rücken hinunter", sagte Bach. Die Szenen nach Walijewas verkorkster Kür, als die Russin von ihrer Trainerin "nicht mal getröstet oder umarmt" wurde, seien "verstörend" gewesen.

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Bach verteidigte das Vorgehen des IOC in der Causa und bezeichnete es als alternativlos: "Wir sind dem Rechtsweg gefolgt und fühlen gleichzeitig mit einer Minderjährigen, die eine Droge in ihrem Körper hatte, die dort nicht sein soll. Diejenigen, die ihr diese Droge verabreicht haben, sind die Schuldigen." Er gehe davon aus, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen und die härteste mögliche Strafe erhalten würden – und er gab die Richtung vor: "Meiner Erfahrung nach geschieht Doping in den seltensten Fällen durch Athleten allein. Es gibt immer ein Umfeld."

Tschernyschenko über Bach-Aussagen: "Unangemessen und falsch"

Russlands Vize-Ministerpräsident Dmitri Tschernyschenko wies die Äußerungen des IOC-Chefs zurück. "Wir sind zutiefst enttäuscht darüber, einen IOC-Präsidenten zu erleben, der sein eigenes fiktives Narrativ zu den Gefühlen unserer Athleten spinnt und diese dann öffentlich als Stimme des IOC präsentiert", sagte Tschernyschenko dem Branchendienst "insidethegames". Der Organisationschef der Spiele von Sotschi 2014 bezeichnete Bachs Worte als "unangemessen und falsch".

Der Kreml reagierte diplomatischer auf die Äußerungen Bachs, der einen guten Draht zum russischen Präsidenten Wladimir Putin hat. "Thomas Bach ist die höchste Autorität im Sport und leitet das IOC. Deshalb nehmen wir seine Meinung mit Achtung auf. Aber wir stimmen nicht unbedingt mit ihm überein", sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow.

Diskussion über Altersgrenze

Bach skizzierte den weiteren Ablauf im Fall Walijewa. Man habe im Kreis der IOC-Exekutive bereits über mögliche Folgen gesprochen und werde die Diskussion auch in die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA und die internationalen Verbände tragen. Unter anderem soll eine Anpassung der Altersgrenze für Athletinnen und Athleten thematisiert werden.

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Walijewa war am 25. Dezember positiv auf ein Herzmittel getestet worden, durfte jedoch nach einem CAS-Beschluss trotz des Dopingverdachts weiter an den Spielen teilnehmen. Im Teamwettbewerb hatte sie Russland zum Sieg geführt, die Medaillen werden allerdings erst nach Abschluss ihres Falls vergeben. Im Einzelwettbewerb fiel Walijewa nach einer völlig verpatzten Kür auf den vierten Platz zurück.

Thomas Bach: "Botschaft an die Welt gesendet"

Wo es ihm und seiner Organisation am Freitag nutzte, bediente sich Thomas Bach emotionaler und zum Teil sogar pathetischer Rhetorik. Die Gastgeber lobte er vor allem für den Umgang mit der Pandemie. Die strengen Corona-Maßnahmen seien "ein großer Erfolg" gewesen, die Olympia-Blase sei "einer der sichersten Orte auf dem Planeten gewesen, wenn nicht der sicherste". Die Spiele hätten die "Botschaft an die Welt gesendet", dass auch so große Events wie Olympische Spiele möglich seien, "wenn alle solidarisch sind und die Regeln beachten".

Bei sensiblen Themen war Bach dagegen mitunter extrem kurz angebunden und reagierte betont sachlich. Auf die Frage zu den politischen Äußerungen hinsichtlich angeblicher "Lügen" über chinesische Konzentrationslager für Uiguren, mit der eine Sprecherin des Organisationskomitees BOCOG tags zuvor an selber Stelle für Aufsehen gesorgt hatte, erklärte Bach: "Dieses Problem haben wir nicht ignoriert. Wir haben sofort nach der Pressekonferenz Kontakt mit BOCOG aufgenommen. Beide Organisationen, BOCOG und IOC, haben sich erneut eindeutig verpflichtet, politisch neutral zu bleiben, wie es die Olympische Charta verlangt".

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"Was für ein Symbol in diesen Zeiten!"

Entsprechend dieser Maxime adressierte Bach auch in seiner einzigen großen Pressekonferenz während der Spiele Chinas Menschenrechtsverletzungen mit keinem Wort. Auch Peng Shuai, die chinesische Tennisspielerin, die nach Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs gegen einen hochrangigen Parteifunktionär vor den Spielen wochenlang die Schlagzeilen bestimmt hatte, war am Freitag kein Thema mehr.

Sichtlich wohl fühlte sich Bach während seines halbstündigen Anfangsstatements, in dem er die Athletinnen und Athleten und deren angebliche Zufriedenheit mit der Organisation der Spiele in den Mittelpunkt stellte. Er sprach von Momenten, die er "niemals in meinem Leben vergessen werde".

Wie schon so häufig nutzte Bach eine Bühne, um die friedensbringende Botschaft Olympias zu betonen. Diesmal dienten ihm zwei Freestyler aus der Ukraine und dem "Team des russischen Olympischen Komitees" – Bach blieb da im Wording sehr genau – als Beispiel. Die Athleten, deren Nationen gerade am Rande eines Krieges stehen, hatten sich nach dem Aerials-Wettkampf umarmt. "Was für ein Symbol in diesen Zeiten!", sagte Bach.