Italiens Olympia-Komitee: Wie ein Auto ohne Treibstoff

Das CONI - Headquarter

IOC droht CONI mit Sanktionen

Italiens Olympia-Komitee: Wie ein Auto ohne Treibstoff

Von Tom Mustroph

Das IOC will am 27. Januar über Sanktionen gegen Italien entscheiden. Grund dafür ist eine Umstrukturierung des italienischen Sports, in der das IOC eine Einflussnahme der Politik erkennt. Die Reform hat tatsächlich absurde Folgen.

Italiens Sportminister Vincenzo Spadafora hat es sich zur Aufgabe gemacht, das ganze Sportsystem zu reformieren. Sein Ministerium hat deshalb ein paar bemerkenswerte Dekrete verfasst.

Mächtige neue Behörde

Darin wird die maximale Verweildauer für Präsidenten in den einzelnen Fachverbänden auf maximal drei Mandate und zwölf Jahre begrenzt. Frauen im Sport und in der Sportadministration sollen gefördert, der Status von Trainern im Breitensport soll verbessert werden. Bemerkenswert ist auch das Programm "Sport nei Parchi", mit dem gratis zugängliche Sportanlagen in Parks und auf öffentlichen Plätzen installiert werden – gerade in Zeiten der Corona-Pandemie eine sinnvolle Initiative.

Das Problem: Mit einem Federstrich wurden das gesamte Personal und auch alle Besitztümer inklusive Sportstätten dem Nationalen Olympischen Komitee (CONI) weggenommen und der neu gegründeten Behörde "Sport e Salute", Sport und Gesundheit, übertragen. Sport e Salute ist direkt dem Finanzministerium unterstellt und derzeit die mächtigste Sportbehörde im Lande.  

CONI-Chef Malago ohne Sekretärin und Fahrer

CONI-Präsident Giovanni Malago

Mit dem neuen Apparat ging zugleich die gesamte Betriebsfähigkeit des CONI verloren. "Momentan hat das CONI gar keinen Angestellten mehr. Auch alle Immobilien und die Sportanlagen, darunter das Olympiastadion, das vom CONI renoviert wurde, sind weg. Alles ist bei Sport e Salute. Selbst wenn man einen Bleistift will, muss man formal Sport e Salute fragen", klagt ein langjähriger CONI-Mitarbeiter gegenüber der Sportschau. Die Situation sei so drastisch, dass CONI-Präsident Giovanni Malago – er ist als gewählter Chef eben kein Angestellter – gegenwärtig weder eine Sekretärin noch einen Fahrer habe.

Giovanni allein zu Haus – so könnte man die Lage umschreiben. Ganz stimmt das allerdings nicht, denn die einstigen Mitarbeiter sind ja weiter im schmucken CONI-Gebäude gleich neben dem Olympiastadion tätig, sofern sie wegen der Pandemie nicht im Homeoffice sind. Nur haben sie eben neue Nachbarn – Sport e Salute. Und auch ihre Gehälter bekommen sie von Sport e Salute.

Umkehr der Herrschaftsverhältnisse

Mit der neuen Struktur haben sich die alten Herrschaftsverhältnisse im italienischen Sport umgekehrt. Bis 2018 gab es eine Servicegesellschaft, die dem Olympia-Komitee auf Anweisung des CONI-Präsidenten zuarbeitete. Seit der Schaffung der neuen Behörde ist das CONI zum Bittsteller geworden, weil Sport e Salute jetzt über die Ressourcen verfügt.

"Das CONI hat seine organisatorische und administrative Autonomie eingebüßt", erklärt Franco Carraro, einstiger Präsident des CONI und Ehrenmitglied des IOC. "Das CONI ist derzeit wie ein Auto, das kein Benzin im Tank hat."

Autos ohne Sprit mag der internationale Flottillenchef Thomas Bach nicht. Der IOC-Präsident sieht in der neuen italienischen Sport-Bürokratie einen Verstoß gegen die Olympische Charta, in der die Autonomie des Sports hervorgehoben wird. Das CONI dürfe laut Regel 27 keinerlei politischem, juristischem, religiösem oder ökonomischem Druck ausgesetzt sein, betont das IOC auf Anfrage. Weshalb Italiens Sport nun in die Bredouille geraten ist.

Italien ohne Hymne und ohne Fahne bei Olympia?

Dem CONI drohen Sanktionen. Entschieden werden soll darüber auf der Sitzung des IOC-Exekutivkomitees am Mittwoch (27.01.2021). Giovanni Malago, der CONI-Präsident ohne Fahrer und ohne Sekretärin, malte kürzlich jedenfalls schon den Teufel einer Suspendierung Italiens durch das IOC an die mediale Wand. "Das Risiko, dass Italien zu den Olympischen Spielen ohne Fahne und ohne Nationalhymne fahren muss, ist sehr groß", sagte er der "RAI".

Das wäre eine ähnliche Strafe, wie sie Russland für den Dopingskandal aufgebrummt bekommen hat. Im Verhältnis dazu wirkt das italienische Vergehen eher harmlos. Zumal das IOC in der Vergangenheit in Sachen Autonomie des Sports gerne mal ein Auge, oft genug auch zwei zugedrückt hat.

"Wir haben doch keine Dopingprobleme wie Russland"

In Russland etwa wechselte Sportminister Vitali Smirnov ganz flink auf den Posten des NOK-Präsidenten. In Belarus übte Staatspräsident Alexander Lukaschenko gleich selbst den NOK-Vorsitz selbst aus. Erst als sich Sportler aus Belarus gegen Lukaschenko wandten und ihm Menschenrechtsverletzungen auch gegen sie vorwarfen, rang sich das IOC zu einer Suspendierung von "Europas letztem Diktator" auf dem Feld des Sports durch.

IOC-Ehrenmitglied Carraro, der große alte Mann des italienischen Sports, sieht die Lage deshalb auch nicht ganz so dramatisch wie der CONI-Präsident Malago. "Italien ist doch nicht Belarus. Wir haben auch nicht die großen Dopingprobleme wie Russland", sagt er. Niemand wolle auch ernsthaft die Autonomie des Sports infrage stellen. "In den letzten Wochen des Jahres gab es Präsidentschaftswahlen bei fast der Hälfte aller Sportverbände Italiens. Bei keiner einzigen gab es eine Einflussnahme der Politik für den einen oder anderen Kandidaten."

Staatsdoping in Russland und die Whistleblower Mittagsmagazin 17.12.2020 02:10 Min. Verfügbar bis 17.12.2021 Das Erste

"Das CONI handelt völlig eigenständig"

Auch bei Sport e Salute ist man darum sehr bemüht, den operativen Spielraum des CONI herauszustellen. "Die Mitarbeiter des CONI arbeiten ausschließlich nach Anweisungen des Präsidenten des CONI und der Manager des CONI. Von uns, von Sport e Salute, kommen gar keine Anweisungen an sie. Das CONI handelt völlig eigenständig", erklärt Goffredo De Marchis, Sprecher von Sport e Salute, der Sportschau.

Finanziell ist das CONI zumindest gut ausgestattet. Zusätzlich zu den 40 Millionen Euro Jahresbudget bekam das CONI auf Nachfrage bei Sport e Salute weitere acht Millionen Euro für die Olympiavorbereitung. Und um die administrative Abhängigkeit aufzulösen, plant Sport e Salute jetzt Doppelstrukturen. So soll das CONI nun eine eigene Einkaufsabteilung bekommen, und sieben Mitarbeiter der zuvor gemeinsamen Rechtsabteilung unterstehen nun nur noch dem CONI.

IOC erwartet Lösung im Sinne des CONI

Es ist der Beginn eines Rücktransfers. Spannend ist nun, ob dem IOC dies als Beweis für die Autonomie ausreicht. "Ein konkreter Lösungsvorschlag des CONI wurde bereits vor Monaten der Regierung übermittelt. Es wird jetzt erwartet, dass dieser Vorschlag positiv bewertet und ohne weitere Verzögerung umgesetzt wird", teilt das IOC der Sportschau mit. Der Vorschlag sieht ein Gesetz vor, in dem die Autonomie des CONI festgeschrieben ist.

Ob dies bis zum 27. Januar, der nächsten Tagung des Exekutivkomitees des IOC, erfolgt sein wird, ist angesichts der weiter schwelenden Regierungskrise in Italien allerdings fraglich. Als Kompromiss schlug Sport e Salute eine Neufassung des Service-Vertrags vor. CONI-Präsident Malago lehnte dies aber bereits ab.

Carraro, von 1978 bis 1987 selbst CONI-Präsident, bleibt dennoch optimistisch. Im römischen Senat warb er um Kompromisse. "Ich glaube, dass sich eine Lösung finden wird. Die italienischen Athleten und auch die Fans zu Hause sind es wert, dass in Tokio unsere Fahne weht und unsere Hymne erklingt." Es sei denn, die Spiele werden wegen der Pandemie doch noch ganz abgesagt.

IOC sanktioniert Lukaschenko - aber reicht das? Sportschau 13.12.2020 08:13 Min. Verfügbar bis 13.12.2021 Das Erste

Stand: 26.01.2021, 09:06

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