Olympia | Doping Denkwürdige Pressekonferenz des IOC im Fall Walijewa

Stand: 15.02.2022 08:23 Uhr

Weil der Dopingfall Walijewa immer mehr die Spiele von Peking überschattet, schickte das IOC am Dienstag einen seiner Top-Funktionäre in den Ring - es wurde eine denkwürdige Pressekonferenz. Nach Angaben der Anwälte der Eiskunstläuferin soll die Medizin ihres Großvaters zu Walijewas positivem Dopingtest geführt haben.

Von Jörg Mebus

Als die tägliche IOC-Pressekonferenz unter dem Ansturm teils wütender Fragen zum Dopingfall Walijewa auszuarten drohte, sprang Yan Jiarong in die Bresche. Die Sprecherin des Organisationskomitees referierte mehrere Minuten lang über das chinesische Laternenfest, das die Gastgeber der Olympischen Spiele am Dienstag begingen und zu dessen Anlass in den Wettkampfstätten und Pressezentren süße Reisbällchen serviert würden. Der Schweizer Denis Oswald, Mitglied der mächtigen IOC-Exekutive, konnte kurz durchatmen.

Der 74-Jährige, eine Schlüsselfigur im IOC bei der Aufarbeitung des russischen Staatsdopingskandals, war vom Ringekonzern als Krisenkommunikator aufs Podium gesetzt worden – er hatte anderthalb Stunden lang Schwerstarbeit zu verrichten. Irgendwann drängte sich eine wütende US-Journalistin an eines der Mikrofone im Saal und rief den IOC-Vertretern zu, wie lange man sich das russische Treiben denn noch tatenlos mit ansehen wolle.

"Beste Entscheidung nach Abwägung aller Interessen"

"Es ist schon überraschend, dass sich weltweit so viele Menschen ein Urteil zu diesem Fall erlauben, ohne Details zu kennen. So lässt es sich leicht kritisieren", sagte Oswald und sprach mit Blick auf Walijewa von einem Einzelfall. In diesen hatte das Exekutivkomitee, die Regierung des Internationalen Olympischen Komitees, am Montag folgenschwer eingegriffen: Sollte die 15 Jahre alte russische Eiskunstläuferin, die nach einer Entscheidung des Internationalen Sportgerichtshofes CAS trotz einer im Dezember entnommenen positiven Dopingprobe im Einzelwettbewerb starten darf, eine Medaille gewinnen, fällt diese Zeremonie auf IOC-Geheiß in Peking aus.

Vor allem in den USA war diese Entscheidung auf harsche Kritik gestoßen. Russland mit der überragenden Walijewa hatte die USA im Teamwettkampf auf Platz zwei verwiesen. Medaillen gab es bislang auch dafür nicht.

Walijewa startet im Teamwettbewerb - "Ein weises Urteil"

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"Wir verstehen, dass es Athleten gibt, die darüber verärgert sind, aber nach Abwägung aller Interessen war dies die beste Entscheidung", sagte Oswald: "Wir wissen im Moment einfach noch nicht, wer welche Medaille verdient." Der Prozess, in dem über Schuld und Unschuld Walijewas befunden wird, findet erst nach den Spielen statt, und erst dann könne es laut Oswald "eine gerechte Entscheidung geben".

Walijewa verwies auf Herzmedikament des Großvaters

Auch das zwielichtige Umfeld Walijewas soll durchleuchtet werden. Alle Beteiligten täten ihr Bestes, sagte Oswald. IOC-Sprecher Mark Adams, der dem Schweizer neben ihm mehrfach verbal zur Hilfe eilen musste, setzte noch einen drauf: "Wir alle wollen, dass Doping endet, wir alle wollen sauberen Sport weltweit."

Dass das IOC Mitschuld an der aktuellen Situation tragen könnte, weil es durch eine zu nachlässige Politik infolge des Staatsdopingskandals Russland zu weiteren Betrügereien animiert haben könnte, wies Oswald zurück. Er sehe keinen Zusammenhang zwischen der aktuellen Situation und dem Staatsdopingskandal. Dies sei aber nur sein "Eindruck" auf Grundlage der Fakten, die ihm bislang vorlägen. Eine dieser Fakten präsentierte Oswald nach der Pressekonferenz in kleinerer Medienrunde: Walijewa habe in der Anhörung vor dem CAS angegeben, dass der positive Test auf das Herzmittel Trimetazidin im Zusammenhang mit einem Produkt zustande gekommen sei, das ihr Großvater einnehme.

"Was wir getan haben, war das Maximum"

Immer wieder legte Oswald auch dar, dass das IOC Russland seit Aufdeckung des Staatsdopingskandals vor acht Jahren nicht zu lax behandelt habe. Im Gegenteil, er sprach von "sehr strengen Maßnahmen". Zentrale Aufgabe des IOC sei es halt immer auch gewesen, saubere russische Athletinnen und Athleten zu schützen. "Was wir getan haben, war das Maximum."

Schärfere Sanktionen lägen zudem nicht in den Händen des IOC, sondern seien Sache der Welt-Anti-Doping-Agentur. Die WADA werde die Entwicklungen beobachten und gegebenenfalls weitere Maßnahmen prüfen. Die aktuellen Strafmaßnahmen gegen Russland – offiziell tritt das russische Team unter Namen und Banner des Nationalen Olympischen Komitees an, bei Siegerehrungen darf die russische Hymne nicht gespielt werden – laufen Ende des Jahres aus. Bei den Spielen in Paris 2024 soll alles wieder beim Alten sein.

Yan Jiarong, die resolute Dame des Organisationkomitees, blickte derweil bei Oswalds endlosen Verteidigungsreden stets beherrscht und abgeklärt in die Runde. Auf die ständigen Fragen nach Doping und die Meinung der Veranstalter dazu angesprochen, sagte Yan: "Ich habe gehört, dass das Team China sauber ist und saubere Medaillen gewinnt."