Sebastian Rieth macht mit dem Personal ein Selfie

Olympia | Tagebuch Olympia-Tagebuch - Bilanz mit Entensocken

Stand: 20.02.2022 05:44 Uhr

So, nun sind sie also rum, diese Olympischen Spiele in Peking. Und viele werden mich zu Hause fragen: "Wie war’s denn wirklich? Jetzt kannst du’s ja sagen! War‘s schlimm? Beknackt? Nicht zum Aushalten?" Ich werde sie alle mit einem Schulterzucken angucken und überraschen, wenn ich sage: "War schon okay. Irgendwie."

Von Sebastian Rieth

Um das zu verstehen, müssen wir kurz über Weihnachten reden. Für mich sind Olympische Spiele wie ein Geschenk, sie sind seit meiner Kindheit das Größte, die Spiele von Peking waren meine ersten. Und trotzdem ist es an Weihnachten ja so: Hat man große Erwartungen und wünscht sich eine Spielkonsole, einen Holzkohlegrill oder Schmuck, wird man enttäuscht, wenn am Ende im Päckchen nur Socken liegen. Erwartet man allerdings gar nichts, sieht man das mit den Socken ganz anders: "Ach guck mal, wie schön. Da sind ja sogar kleine Entchen drauf." 

Die Erwartungen, mit denen wir hier angereist sind, waren so gering und die Befürchtungen so groß, dass es viel schlimmer eigentlich nicht mehr kommen konnte. Es ist schon schlimm genug, wie viele Menschen unter den Umständen in diesem Land hier leiden. Da will man sich selbst nicht beschweren, zumal wir ja alle wissen, dass wir hier wieder abreisen dürfen. Und dennoch: Das, was ich hier manchmal erlebt habe, war irre, verrückt, skurril, bescheuert. Immer, wenn wir dachten, es geht nicht mehr komischer, kam noch was dazu. Aber irgendwann stumpft man auch ab. Hier mal ein paar Beispiele.

Bus-Odyssee in der Nacht 

Eines Abends wollte ich vom Skeleton-Wettbewerb in Yanqing zurück in mein Hotel nach Zhangjiakou. Von einem Ort zum nächsten, kein Problem bei Olympia möchte man meinen. Olympia der kurzen Wege. Hahaha. Hier mein Bus-Protokoll. 

  • 23.00 Uhr – Der Wettkampf ist zu Ende. Ich warte anderthalb Stunden auf den Bus. 
  • 01.30 Uhr – Der Bus fährt los. Ich bin ganz alleine. Der Bus ist nicht beheizt, der Fahrer spielt laut chinesischem Techno. Ohrstöpsel bringen nichts. 
  • 03.00 Uhr – Der Bus kommt in Zhangjiakou an. Ich freue mich – und zwar zu früh. Ich strande in einer Security Station, die nur einen Kilometer von meinem Hotel entfernt ist. Es fahren aber keine Busse mehr. Keine Taxen. Laufen darf ich nicht. Man stellt mir einen Stuhl hin, ich verbringe die Nacht mit zwölf chinesischen Männern in Security- und Polizei-Uniform. Sie sprechen kein Wort englisch. Herrlich. 
  • 05.30 Uhr – Ich steige in den ersten Bus, fahre zurück ins Hotel und falle derart müde ins Bett, dass ich es noch nicht mal mehr schaffe, mir die Entensocken auszuziehen.

Alle haben die Pfanne heiß

Achja, und hier kommt das nächste Thema. Die Hotelzimmer. Ja, die Hotelzimmer! In den Schränken fanden wir Bauschutt, das Leitungswasser ist auch nach zwei Wochen noch rostig und die Fußboden-Heizung dreht so am Rad, dass unsere Zimmer immer 30 Grad (!) haben. Keiner von uns hat geschafft, das zu verändern. Spricht ja kaum jemand englisch hier. Fenster aufmachen bringt nichts, dann sind es sofort Minus 20 Grad. Also liegen wir nachts im Bett und schwitzen. Kurzum: Wir alle haben die Pfanne heiß.

DJ Ötzi im Hotel-Restaurant

Manchmal wissen wir nicht mehr, ob das hier alles wirklich so passiert ist. Freitagabend zum Beispiel, im Hotel-Restaurant. Es gibt eine kleine Bühne. Auf einmal führen dort die Helfer in ihren Ganzkörper-Anzügen einen Abschiedstanz auf. Ja, die Minions haben getanzt. Zu "Hey Baby" von DJ Ötzi. Kein Quatsch, wirklich so passiert. Es ging eben immer noch skurriler und es war schon okay, irgendwie. Beim nächsten Mal hätte ich trotzdem gerne einen Holzkohlegrill.