Olympische Ringe mit Schriftzug Boykott Pro

Olympische Winterspiele in Peking Pro: Nur ein sportlicher Boykott rettet Olympia

Stand: 16.12.2021 11:00 Uhr

50 Tage vor dem Beginn der Olympischen Winterspiele in Peking wird weltweit über einen diplomatischen Boykott debattiert. Ein solcher wäre aber nur ein Symbol. Nötig ist ein sportlicher Boykott.

Von Michael Ostermann

Die Olympischen Spiele sind politisch neutral. Hinter dieser Aussage versteckt sich das IOC, wenn es um die Frage nach den umstrittenen Winterspielen in Peking im Februar geht. Ja richtig, möchte man den Herren der Ringe zurufen, es geht ja nur um Sport. Darum, wer am weitesten von der Schanze fliegt, am schnellsten durch den Eiskanal oder über die Skipiste rast. Wenn es denn so einfach wäre.

Denn natürlich kann Olympia nicht politisch neutral sein, schon allein deshalb weil China die Spiele politisch nutzen wird. Nach innen, um den seit 2015 immer stärker nationalistischen Kurs der kommunistischen Partei unter Xi Jingping zu festigen. Und um den wenigen, die in seinem Land überhaupt noch aufbegehren können, spätestens wenn die vom IOC kontrollierten Hochglanzbilder in die Welt gesendet werden, zu signalisieren, 'die internationale Gesellschaft schaut auf China – aber sie interessiert sich nicht für Euch'. Nach außen, um der Welt einmal mehr zu demonstrieren, wozu die aufstrebende Weltmacht fähig ist.

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Menschenrechte sind keine politische Frage

Die Olympischen Winterspiele werden also Teil der Staatspropaganda. Übertüncht werden sollen damit auch die massiven Menschenrechtsverletzungen, die das Regime begeht, u.a. an den Uiguren in der Provinz Xinjang, in Hongkong, in Tibet oder auch - wie im Falle der Tennisspielerin Peng Shuai, die einen führenden Parteifunktionär der Vergewaltigung bezichtigt hat und sich seitdem offensichtlich nicht mehr frei bewegen kann, - gegen Einzelpersonen.

Menschenrechte sind keine politische Frage, wie das IOC nun suggeriert. Sie sind unveräußerliche Rechte jedes einzelnen Menschen, die ihm qua Geburt zustehen - ganz unabhängig von der Herkunft. Chinas Weltmachtanspruch geht einher mit dem Vorhaben diesen individuellen Rechten entgegenzutreten und an deren Stelle "kollektive Menschenrechte" zu setzen, denen die Rechte Einzelner untergeordnet sind. Das widerspricht nicht nur den Prinzipien der Aufklärung, sondern ganz nebenbei auch der Olympischen Charta.

Derzeit wird weltweit über einen diplomatischen Boykott der Spiele debattiert. Politische Vertreter aus den USA, Großbritannien, Australien und anderen Nationen werden im Februar nicht nach Peking reisen. Dass sich die EU zu einer gemeinsamen Haltung diesbezüglich durchringen wird, ist kaum zu erwarten. Dazu gibt es im vereinten Europa zu viele divergierende politische und ökonomische Interessen mit Blick auf China.

Athletinnen und Athleten stecken in einem Dilemma

Ein politischer Boykott ist darüber hinaus aber auch nicht mehr als ein Symbol. Er mag China ärgern, doch die Wirkung der Propaganda-Show wird davon kaum beeinflusst. Wirklich wirksam wäre dagegen ein sportlicher Boykott. Denn ohne die Athletinnen und Athleten kann es all die emotionalen Bilder nicht geben, die das Regime braucht - und die sich das IOC mit Milliarden bezahlen lässt.

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Natürlich ist es richtig, dass Leistungssportlerinnen und -sportler ihr Leben lang für ihren Traum von Olympia hinarbeiten. Ein Boykott wäre für sie ein großes Opfer. Und richtig ist auch, dass die Lager, in denen die Uiguren in der Provinz Xinjang festgehalten werden, durch einen Boykott nicht verschwinden würden. Aber tatsächlich hat das IOC die Athletinnen und Athleten mit der Vergabe der Spiele nach Peking in eine unmögliche Lage manövriert.

Die deutschen Rodlerinnen und Rodler haben nach ihren Erfahrungen beim Weltcup in Peking schon den Zwiespalt deutlich gemacht, in dem sich Athletinnen und Athleten befinden, wenn sie mit ihren sportlichen Leistungen einem menschenverachtenden Regime Glanz verleihen sollen. Ein sportlicher Boykott könnte sie - zu einem zugegeben hohen persönlichen Preis - aus diesem Dilemma befreien.

Das IOC müsste danach sehr klar überdenken, an wen und unter welchen Bedingungen es künftig Spiele vergibt. Ein sportlicher Boykott der Spiele in Peking wäre darum in erster Linie auch ein Dienst an der Olympischen Idee, die das IOC unter Thomas Bach längst aufgegeben hat.