Folter im "schwarzen Loch" - die Geschichte des Dhondup Wangchen

Sportschau 16.02.2022 04:08 Min. Verfügbar bis 31.08.2022 Das Erste

Olympia | Hintergrund

Chinas Folter wegen Olympia

Stand: 16.02.2022, 15:35 Uhr

Im Vertrauen auf die Versprechen des Internationalen Olympischen Komitees drehte der Tibeter Dhondup Wangchen einen Film, der sein Leben für immer veränderte.

Von Von Hajo Seppelt, Jörg Mebus und Jörg Winterfeldt

Vor einigen Tagen besuchte Dhondup Wangchen das Internationale Olympische Komitee in Lausanne. Im Leben des Tibeters spielt es eine besondere Rolle. Sein Vertrauen in die Versprechen der "Herren der Ringe" hat ihn als Menschen für immer verändert: Wenn man Dhondup Wangchen heute trifft, kann man die tiefe Traurigkeit, die ihn umgibt, beinahe mit Händen greifen.

In den Monaten vor den Spielen in Peking 2008 war er mit einer billigen Handkamera durch seine Heimat gereist, um einen Film zu machen. Das IOC hatte versprochen, dass die Spiele in China einen Öffnungsprozess anstoßen würden.

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"Eines ist erreicht mit dieser Wahl: Dass sieben Jahre lang das Auge der Weltöffentlichkeit sich noch strikter auf China richtet, als das ohnehin schon der Fall ist", hatte der heutige IOC-Präsident Thomas Bach 2001 getönt, "und diese strenge Beobachtung kann natürlich auch wieder zum Wandel beitragen."

Wangchen filmte über 100 Tibeter im Alltag

Bis zum März 2008 hatte Dhondup Wangchen also über 100 Landsleute in den östlichen Provinzen Tibets interviewt und sie im Alltag gefilmt. Mit Freunden, wie dem Mönch Golog Jigme, fragte er nach, wie die Menschen die chinesische Regierung wahrnehmen, wie frei sie in ihrem Leben sind, und was sie von den Olympischen Spielen halten.

Sie trafen auf Menschen, die ihnen von ihrem tiefen Misstrauen gegenüber den chinesischen Besatzern erzählten und von ihren Zweifeln daran, dass Olympia die Lage auf irgendeine Weise verbessern könne.

"Das IOC hat gesagt, wir haben Meinungsfreiheit, Pressefreiheit und so weiter. Wir haben das geglaubt und den Film gemacht", sagt er heute, "danach wurde ich aber ins Gefängnis geworfen. Und ich konnte zehn Jahre lang meine Familie nicht sehen, nicht einmal meine Mutter vor ihrem Tod."

"China tut alles, um das tibetische Volk auszulöschen"

Vor den Olympischen Spielen 2022 nun ist Dhondup Wangchen ein Vierteljahr lang durch Europa getourt, um den Menschen von seinen Erfahrungen zu berichten. Er hat in Frankreich begonnen, Zeit in Deutschland, Belgien und der Schweiz verbracht, bevor er nach Skandinavien gereist ist.

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Schon damals, 2008, waren die Propaganda-Botschaften von Chinas Regierung empfindlich von Bildern gestört worden, die zeigten, mit welcher Härte die Chinesen Massenproteste von Mönchen auf dem tibetischen Hochplateau gnadenlos blutig niederprügelten.

"Heute sieht die Situation in Tibet noch viel schlimmer aus. Es geht nicht mehr nur um die Menschrechtsverletzungen, sondern China tut alles, um das tibetische Volk auszulöschen", sagt Dhondup Wangchen, "es schmerzt mich sehr, dass China die Olympischen Winterspiele 2022 austragen darf. Damit hat das IOC den olympischen Geist verraten. Das IOC ist nur auf seine eigenen Interessen bedacht und tritt die Menschenrechte mit Füßen."

Sechs Jahre und drei Monate Haft

Noch während das Rohmaterial für seinen Film von Freunden im März 2008 zum Schnitt in der Schweiz außer Landes geschmuggelt wurde, war Dhondup Wangchen in der Provinz Qinghai festgenommen worden. Der Film „Leaving fear behind“ (Die Angst hinter sich lassen) wurde erstmals ausgewählten Journalisten am Rande der Spiele in Peking 2008 gezeigt. Da saß Dhondup Wangchen schon seit Monaten im Gefängnis.

"Als ich verhaftet wurde, bekam ich Handschellen angelegt, und ein schwarzer Beutel wurde mir über den Kopf gezogen, sodass ich nicht sehen konnte, wohin wir fuhren. In dem Ort, an dem ich anfangs festgehalten wurde, gab man mir weder zu essen, noch ließ man mich schlafen. Sieben Tage und acht Nächte war ich an einen Holzstuhl gefesselt und wurde geschlagen. Schließlich wurde ich wegen Separatismus zu sechs Jahren und drei Monaten Haft verurteilt."

"Die Schmerzen waren unerträglich"

Die brachialen Methoden haben Spuren hinterlassen. "Der Stuhl heißt auf Chinesisch ‚Lao hu deng‘, Tiger-Stuhl. Der Gefangene wird am Stuhl angeschnallt, die Hände und Füße gefesselt. Während der Stuhl sich dreht, werden die Fesseln immer enger und enger. Dabei bohren sich die Metallteile des Stuhls tief ins Fleisch und verursachen große Wunden. Die Schmerzen waren unerträglich", beschreibt Dhondup Wangchen das Martyrium, "im Gefängnis wurden wir viel geschlagen, oft mit elektrischen Schlagstöcken. Damit wurden wir am Genick und im Mund traktiert."

Es folgte, so erzählt es Dhondup Wangchen eindringlich, ‚Jin Bi‘, was im Chinesischen für Isolationshaft stehe. "Wir Tibeter sagen dazu 'das schwarze Loch'. Der Gefangene wird dabei in eine kleine, dunkle Zelle eingekerkert, sodass er nicht weiß, ob es Tag oder Nacht ist. Die Matte und die Bettdecke dort waren sehr dünn, nur einmal am Tag gab es etwas zu essen. Auf diese Art und Weise wird dafür gesorgt, dass der Gefangene nicht erfriert oder verhungert und gerade noch am Leben bleibt."

Freund von Wangchen: "Waren darauf vorbereitet, unser Leben zu verlieren"

Seine Ehefrau Lhamo Tso bekam Anfang 2013 politisches Asyl in den USA. Dhondup Wangchen stand nach seiner Entlassung 2014 unter Beobachtung und durfte Tibet nicht verlassen. Im Dezember 2017 gelang ihm die Flucht aus China. Er lebt heute bei seiner Familie in San Francisco. Neulich in der Schweiz traf er seinen Freund Golog Jigme wieder, der ihm beim Film geholfen hatte.

"Wir haben es von Anfang an kommen sehen: die Festnahme durch die Chinesen, die Gefangenschaft und die Folter durch die Chinesen. Darauf waren wir vorbereitet", sagt Golog Jigme, "ehrlich gesagt hatten wir keine andere Wahl, als mit dem Schlimmsten zu rechnen, denn die Chinesen schießen oft willkürlich. Wenn es wirklich dazu kommt, dann kann es gut sein, dass wir sogar unser Leben verlieren. Darauf waren wir vorbereitet."

Heute verarbeitet Dhondup Wangchen die schrecklichen Erlebnisse, indem er der Welt davon erzählt. Von einer Tortur mit olympischem Hintergrund.

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