Bei der Arbeit: Jochen Veit, Mannschaftsarzt des DEL-Klubs Iserlohn Roosters

Sportmedizin | Corona-Erkrankung Neue Studie: Sportmediziner warnen vor zu schneller Rückkehr nach Covid-Erkrankung

Stand: 08.03.2022 09:19 Uhr

Mediziner warnen übereinstimmend davor, dass Sportler nach einer Infektion mit dem Coronavirus sofort zurückkehren, nur weil sie negativ getestet sind. Eine neue Studie beim DEL-Klub Iserlohn Roosters hat erschreckende Ergebnisse hervorgebracht.

Von Frank Hellmann

Der Spielplan der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) kennt kaum eine Atempause. Die Taktung der Partien ist eng, erst recht in einem Winter, der durch Olympische Spiele noch verkürzt wird. Und dann kam auch noch Corona dazu: Mehr als 40 Partien sind wegen Infektionsfällen oder behördlich angeordneter Quarantänen ausgefallen.

Von mehr als 120 Coronafällen geht das Ligabüro inzwischen aus, alle Teams sind davon betroffen. Immer wieder müssen ganze Mannschaften noch in Quarantäne, die Saison kann vermutlich nicht regulär zu Ende gespielt werden. Das erhöht den Druck auf alle Beteiligten, die Akteure nach überstandenen Erkrankungen schnell wieder aufs Eis zurückbringen. Dr. Jochen Veit, Teamarzt der Iserlohn Roosters, warnt vor dem Risiko einer zu frühen Rückkehr. Veit hat nach einem Corona-Massenausbruch in seinem Verein eigene Untersuchungen angestellt.

Beim Eishockey-Erstligisten waren 25 Personen infiziert

Innerhalb von elf Tagen hatten sich 25 Personen mit SARS-CoV-2 infiziert - Teil der Infektionskette war offenbar eine mehrstündige Busfahrt. Zum Zeitpunkt der Infektion waren alle geimpft oder genesen. Häufig werde ja kolportiert, erklärt Veit, Omikron sei harmlos - und deshalb gehe das mit der Rückkehr alles viel schneller.

"Ich wollte mir aber mal genauer anschauen, was wirklich während der Infektion passiert." Er stattete sich mit einem Vollschutz aus, um jeden Spieler zwischen dem dritten und achten Tag in seiner Quarantäne zu besuchen.

"Ich habe mir die Krankengeschichte zum Verlauf angehört, Herz- und Lunge abgehört und Blutwerte ermittelt. Das war ein relativ großer Aufwand, aber ich habe für mich beachtliche Dinge herausgefunden." Denn: "Bei drei Spielern war ein Herzwert erhöht, bei drei weiteren Spielern ein anderer Herzwert. Teilweise stimmten die Blutwerte auch nicht mit dem Krankheitsverlauf überein. Zudem hatten weitere drei Spieler starke Symptome wie Schwindel, Fieber und den Verlust des Geschmacks- und Geruchssinns angegeben. Von den Infizierten blieben lediglich drei komplett symptomfrei. Da sind bei mir die Alarmglocken angegangen."

"Es ist letztlich immer noch ein Corona-Virus"

Er habe danach viele Telefonate mit Fachleuten, darunter auch Kardiologen geführt und die Untersuchungen erweitert: Bei einem Spieler stellte er eine Erweiterung am Herz fest, "diese Entzündung ist glücklicherweise nach einigen Tagen wieder zurückgegangen". Wenn dieser Akteur aber Leistungssport betrieben hätte, wäre es gefährlich geworden - mit möglicherweise irreparablen Herzschäden.

Der 49-Jährige plädiert daher ausdrücklich dafür, betroffene Athleten generell behutsamer als bisher in den Trainings- und Spielbetrieb heranzuführen. "Ich möchte nicht verantwortlich sein, dass jemand später eine Herzrhythmusstörung hat oder auf dem Platz zusammenbricht. Omikron verläuft für einen 'Schreibtischtäter' - salopp gesagt - zwar höchstwahrscheinlich harmlos, für einen Sportler aber besteht ein Restrisiko, wenn er zu früh wieder loslegt."

Es reicht laut Veit nicht, nur negative Corona-Tests zur Grundlage für die schnelle Rückkehr in den Sport zu nehmen: "Das halte ich für brandgefährlich. Wir wissen von diesem Virus einfach noch zu wenig, deshalb können wir nicht pauschal sagen, Omikron ist harmlos. Es führt zum Glück bei geimpften Personen dazu, dass kaum noch jemand auf die Intensivstation muss, aber es kann weiterhin zu Veränderungen an den Endothelien, an den Blutgefäßen oder zu Multiorganerkrankungen kommen. Leider kann auch Omikron all diese Schäden anrichten, auch wenn sie weniger wahrscheinlich als bei Delta sind. Es ist letztlich immer noch ein Corona-Virus."

Besorgnis erregende Beispiele in Nürnberg

Den eng getakteten Spielplan der DEL nennt Veit ein "heikles Thema", den Druck auf die Mannschaftsärzte ein "heißes Eisen". Und er sagt: "Wenn die Nürnberg Ice Tigers wie Ende Januar geschehen in Augsburg mit nur elf Feldspielern plus zwei Torhütern antreten müssen, ist das aus medizinischer Sicht höchst fahrlässig. Als Arzt halte ich solche Regularien für schlichtweg falsch." Als Nürnbergs Stürmer Marko Friedrich damals direkt aus der Quarantäne ohne Training in den Wettkampf zurückkehrte, erzählte er den Nürnberger Nachrichten, er dachte, "mein Herz explodiert".

Veit macht seine Ergebnisse jetzt bewusst in der Sportärztezeitung öffentlich. In der am Mittwoch (09.03.2022) erscheinenden Ausgabe 01/22 publiziert zu diesem Thema auch Prof. Jürgen Scharhag, Facharzt für Innere Medizin und Kardiologie, der die Abteilung für Sportmedizin, Leistungsphysiologie und Prävention an der Universität Wien leitet und Arzt der deutschen U21-Nationalmannschaft ist.

Scharhag schreibt in einem Beitrag: "Selbst bei einem asymptomatischen bis milden Verlauf sollten möglichst nachträgliche Auswirkungen der Infektionen nicht unterschätzt werden." Auch bei jungen, gesunden Sportlern, die einen asymptomatischen oder milden Verlauf durchgemacht haben, könnten kardiale Komplikationen auftreten, heißt es weiter.

Alphonso Davies fehlt mit einer Herzmuskelentzündung noch immer

Prominentestes Beispiel aus dem Fußball ist Alphonso Davies vom FC Bayern, bei dem eine leichte Herzmuskelentzündung diagnostiziert wurde. Nach aktuellen Publikationen kann man davon ausgehen, dass das zwar nur ein bis zwei Prozent der Leistungssportler betrifft, aber umso wichtiger ist es, die Betroffenen vor der Wiedereingliederung herauszufiltern. "Liegen solche Erkrankungen unbemerkt vor, steigt das Risiko von Folgekomplikationen bei unzureichender Ausheilung oder einem verfrühten Trainings- oder gar Wettkampfstart", folgert Scharhag.

Er kommt zu einem ähnlichen Fazit wie Veit: "Im Vergleich zu den bei Sportlern sonst üblichen Infekten der oberen Atemwege sollte bei Covid-19 aufgrund der möglichen Multiorganbeteiligung im Falle von Unklarheiten eine etwas umfassendere medizinische Abklärung vor ‚Return to Sport‘ erwogen werden. Vor dem sportlichen Wiedereinstieg werden derzeit als Basisdiagnostik eine Anamnese, körperliche Untersuchung, Bestimmung ausgewählter Blutparameter und ein Ruhe-EKG empfohlen."

Umgang mit dem nordischen Kombinierer Eric Frenzel fragwürdig

Vor dem Hintergrund ist auch der Umgang mit dem nordischen Kombinierer Eric Frenzel zu hinterfragen, der zu Beginn der Olympischen Spiele positiv getestet wurde und direkt nach negativen Tests auf eigenen Wunsch wieder an den Start ging.

Bei Frenzel lagen zwischen der Entlassung aus der Quarantäne und seinem Start in der Staffel nur drei Tage, mit der Folge, dass der Deutsche in der zweiten Hälfte der fünf Kilometer einbrach. Frenzel erzählte nach seinem Staffeleinsatz (Deutschland gewann noch die Silbermedaille), dass er sich in elf Tagen Quarantäne sportlich betätigt hatte: "Ich war auf dem Ergometer, bin durchs Zimmer gelaufen und habe ein bisschen Yoga gemacht, um den Körper geschmeidig und fit zu halten."

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Ein Vorgehen, von dem Veit nach seinen Erkenntnissen eher abraten würde. "Ich habe meinen Sportlern - egal ob sie Symptome hatten oder nicht - einen kompletten Sportverzicht nahegelegt. Wenn sich der Körper mit dem Virus auseinandersetzen muss, sollte kein Sport betrieben werden." Und er betont: "Es dauert im Schnitt zehn Tage, bis ein Sportler nach der Quarantäne wieder voll ins Training einsteigen kann. Das Return-to-Play-Protokoll hat ja verschiedene Stufen: Wenn ich im Blut und im Ruhe-EKG keine Auffälligkeiten feststelle, keine Symptome vorlagen, dann macht es wenig Sinn, nach der Quarantäne noch vier Wochen zu warten. Nach der Quarantäne sollte der Sportler erstmal nur spazieren gehen, dann über einen kleinen Zeitraum ein bisschen joggen."

Handball-EM war ein ganz schlechtes Beispiel

Die gängige Praxis bei der Handball-EM im Januar, als an Corona erkrankte Spieler nach nur leichten Symptomen, sofort wieder zurück auf die Platte geschickt worden sind, kritisiert Veit deutlich: "Das Risiko wäre für mich viel zu groß. Ich würde die Athleten anders betreuen. Es ist zwar Pech, wenn man sich infiziert, aber den sicheren Weg bevorzugen - auch auf die Gefahr hin, ein wichtigste Turnier oder sogar Olympische Spiele zu verpassen."

Deutscher Nationalspieler Hendrik Wagner hat sich bei der Handball-EM mit Corona infiziert

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Dr. Felix Post, Chefarzt der Inneren Medizin/Kardiologie am Klinikum Koblenz-Montabaur weist daraufhin, die Vorsichtsmaßnahmen auf den gesamten Amateursport auszudehnen. "Teilweise trainieren sie genauso hart wie Profis und in unteren Klassen ist die Belastung während eines Spiels häufig auch nicht geringer."

Post kennt aber das Problem: "Wenn ich als Kassenpatient einen Check-up bei einem Kardiologen möchte, wartet man oft ein halbes Jahr auf einen Termin.“

Gerade Amateure sollten sich vor falschem Ehrgeiz hüten

Der ehemalige Mannschaftsarzt des 1. FSV Mainz 05 empfiehlt nach überstandener Corona-Erkrankung eine Beratung bei einem Arzt und körperliche Untersuchung. "Was ich weiter sinnvoll finde, ist ein Check der Sauerstoffsättigung – das kann man mit einem Fingerclip checken und kostet wenig Geld -, ein EKG und ein Blick auf die Blutparameter. Wenn beispielweise Troponin (Eiweißbausteine, die in den Muskelzellen des Herzens vorkommen, Anm. d. Red.) erhöht ist, könnte das auf eine Beteiligung des Herzens hindeuten."

Generell schließen sich die Mediziner der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention (DGSP) an, die auch bei asymptomatischen Verläufen eine Pause von mindestens zwei Wochen empfiehlt. Auch Veit folgert: "Im Zweifel lieber ein bis zwei Stufen zurück. Ich halte diese Botschaft für wichtig, wo gerade die Durchseuchung in Deutschland stattfindet. Jeder Sportler sollte sich vorher lieber einmal untersuchen lassen - und wenn man bloß zum Arzt geht, um sich abhören und beraten zu lassen. Ich kann nicht jeden Hobbysportler aufs Belastung-EKG setzen, ein Ultraschall und im Zweifelsfall noch ein MRT vom Herzen machen."

Deshalb: "Ich rate einfach zur gewissen Vorsicht, ohne Panik zu verbreiten." Amateursportler sollten sich einfach vor falschem Ehrgeiz hüten.