Sportausschuss-Vorsitzender Ullrich: Verdrängte Verstrickung ins DDR-Doping

Frank Ullrich

Sportpolitik | Sportausschuss im Bundestag

Sportausschuss-Vorsitzender Ullrich: Verdrängte Verstrickung ins DDR-Doping

Von Thomas Purschke

Frank Ullrich (SPD) leitet künftig den Sportausschuss im Deutschen Bundestag. Der ehemalige Biathlontrainer war in das DDR-Dopingsystem verstrickt, bestreitet dies aber bis heute.

Das war ein Paukenschlag in der deutschen Sportpolitik. Der für die DDR im Jahr 1980 in Lake Placid (USA) erfolgreiche Biathlon-Olympiasieger sowie mehrfache Weltmeister Frank Ullrich aus Suhl wurde am 15. Dezember zum neuen Vorsitzenden des Sportausschusses im Deutschen Bundestag gewählt und trat damit die Nachfolge von Dagmar Freitag an, die den Ausschuss seit 2009 geleitet hatte.

In der konstituierenden Sitzung des Ausschusses wurde Ullrich von den 19 Mitgliedern mit 18 Ja-Stimmen bei einer Enthaltung gewählt. Maßgeblich unterstützt hatte dies der SPD-Fraktionsvorsitzende Rolf Mützenich. Ullrich ist der erste Ostdeutsche, der dieses Amt bekleidet. Parlamentserfahrung hat der Bundestagsneuling bisher kaum, seit 2019 wirkt er als damals noch Parteiloser für die SPD im Stadtrat seiner Heimatstadt Suhl mit.

Olympiasieger und NVA-Offizier

Bei der Bundestagswahl hatte der 63-Jährige in seiner Heimatregion in Südthüringen ein Direktmandat für die SPD gegen den CDU-Kandidaten und umstrittenen Ex-Präsidenten des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen errungen. Seinen Einzug in den Bundestag hatte Ullrich mit den Worten kommentiert: "Es fühlt sich wie ein Olympiasieg an." Es sei für ihn eine große Ehre, in der Herzkammer der Demokratie Platz zu nehmen.

Mit Ullrich steht nun aber nicht nur ein ehemaliger Olympiasieger an der Spitze des Sportausschusses im Bundestag, sondern auch ein ehemaliger Athlet und späterer Trainer, der in das DDR-Dopingsystem verstrickt war. Auch das ein Novum. Ullrich (Jahrgang 1958) besuchte in der DDR die Kinder- und Jugend-Sportschule, wurde 1975 im Biathlon Junioren-Weltmeister in der Staffel und ein Jahr später Sportsoldat im Armeesportklub Oberhof.

Frank Ullrich als DDR-Biathlet

Erfolgreicher Biathlet für die DDR: Frank Ullrich 1980

Bei den Olympischen Winterspielen 1976 in Innsbruck holte er mit der DDR-Staffel Bronze. Vier Jahre später bei den Spielen in Lake Placid wurde er im 10-Kilometer-Sprint Biathlon-Olympiasieger und gewann Silber über 20 Kilometer und in der Staffel. Ullrich gewann darüber hinaus auch noch neun Weltmeister-Titel.

Zudem stieg Ullrich in der DDR zum Offizier der Nationalen Volksarmee (NVA) auf, die in der Bundeswehr damals ihren größten Feind sah. Parallel absolvierte er ein Studium zum Diplom-Sportlehrer. Nach seiner Athletenlaufbahn wurde Ullrich, der auch Mitglied der Staatspartei SED war, Biathlon-Trainer im ASK Oberhof und Lauftrainer der DDR-Biathlon-Männer-Nationalmannschaft.

Dopingvorwürfe seit 1991

Nach der Wiedervereinigung arbeitete Ullrich zunächst als Co-Bundestrainer der Biathlon-Männer, ab 1998 bis 2010 als Bundestrainer, wo er mit seinen Athleten zahlreiche Olympia- und WM-Medaillen holte. Später wechselte er als Bundestrainer zum Langlauf. 2015 beendete er die Zusammenarbeit mit dem Deutschen Skiverband. Von 2010 bis zum Jahr 2018, in einer Zeit in der der Biathlon-Weltverband mit einem großen Doping-Korruptions-Skandal in schweres Fahrwasser geriet, wirkte Ullrich zudem in der Technischen Kommission der Internationalen Biathlon-Union mit.

Die Dopingvorwürfe gegen Ullrich waren schon seit 1991 öffentlich bekannt. Der frühere DDR-Biathlet Jens Steinigen hatte damals die in der DDR verantwortlichen Biathlontrainer Kurt Hinze aus Oberhof, Wilfried Bock und Frank Ullrich belastet, weil sie ihn zur Doping-Einnahme überreden wollten. Daraufhin wurde Steinigen von Hinze verklagt. Hinze verlor den Prozess vor dem Landgericht Mainz. Von seinem Amt als Biathlon-Bundestrainer der Männer musste er zurücktreten. Später wirkte Hinze dann als Berater für den Österreichischen Skiverband.

Jürgen Wirth

Der ehemalige DDR-Biathlet Jürgen Wirth belastete Frank Ullrich 2009 schwer

Im März 2009 warf auch der ehemalige DDR-Biathlet und Staffel-Weltmeister Jürgen Wirth den beiden Trainern Wilfried Bock und Frank Ullrich aktive Dopingverstrickung vor. Auch Ullrich habe als Biathlon-Trainer in der DDR die Einnahme des Dopingmittels "Oral-Turinabol" mit angeordnet und die Einnahme mit überwacht.

Die beiden DDR-Biathleten und Ullrichs einstige Mannschaftskameraden beim ASK Oberhof, Andreas Heß und Jürgen Grundler, erklärten damals gegenüber der ARD-Dopingredaktion, dass Ullrich bei einer polizeilichen Vernehmung 1994 die Unwahrheit gesagt habe mit seiner Behauptung, "Tabletten, blau, gelb oder rosafarbene habe ich nicht auf den Trainingslagern bekommen". Eine Aussage, die die beiden offiziell als Dopingopfer anerkannten Heß und Grundler als Lüge und pure Verhöhnung empfanden.

Ullrich bestreitet Vorwürfe bis heute

Ullrich hat all die Vorwürfe gegen ihn immer vehement abgestritten und behauptete, unter der Bezeichnung "unterstützende Mittel" im DDR-Leistungssport habe er Vitamine, Mineralsalze und physiotherapeutische Maßnahmen verstanden. Aber wie die Doping-Prozesse zum DDR-Sport und auch die Stasi-Unterlagen eindeutig belegt haben, waren "unterstützende Mittel" überwiegend Anabolika, einfach verbotene Dopingmittel.

Der Deutsche Skiverband (DSV) unter seinem damaligen Präsidenten, dem späteren DOSB-Präsidenten Alfons Hörmann, setzte dennoch eine eigene Untersuchungskommission ein. Entgegen der Empfehlung des Deutschen Olympischen Sportbundes, in Fällen wie dem von Frank Ullrich die DOSB-Kommission für Dopingfragen zu beauftragen, die vom ehemaligen Bundesverfassungsrichter Udo Steiner geleitet wurde.

Doch der Skiverband handelte eigenmächtig und im eigenen Sinne. Er bildete eine eigene fünfköpfige Untersuchungskommission unter dem Vorsitz des damaligen DSV-Vizepräsidenten Franz Steinle. Die Kommission kam im Juli 2009 zu dem Ergebnis, dass keine arbeits- oder dienstrechtlichen Schritte gegen Frank Ullrich nötig seien.

"Unbewusst gesteuerter Verdrängungsmechanismus"

Das Gremium erklärte, dass Ullrich von 1986 an als verantwortlicher Lauftrainer der DDR-Biathleten zum einen "nicht die Möglichkeit hatte, aktiv zum Doping in der ehemaligen DDR beizusteuern". Zum anderen "wäre ihm in einem System, in dem Leistungsmanipulation als Staatsziel vorgegeben und flächendeckendes Doping in einer hierarchischen Struktur von Befehl und Gehorsam von oben nach unten zwingend angeordnet worden ist, mit Sicherheit nicht möglich gewesen" sich Doping entgegenzustellen.

Allerdings stellte die Kommission auch fest, dass "alle im sportlichen Umfeld der Spitzenathleten tätigen Personen, auf Grund der Art und Weise der Verabreichung dieser sogenannten 'Blauen Pillen' davon gewusst haben mussten, dass es sich um etwas 'Verbotenes' handelte". Wenn Ullrich behaupte, er sei davon ausgegangen, dass es sich lediglich um trainingsunterstützende Mittel im legalen Bereich gehandelt hätte, so sei dies ein "unbewusst gesteuerter Verdrängungsmechanismus".

Einer der Hauptbelastungszeugen gegen Ullrich, der einstige DDR-Biathlet Jürgen Wirth, fand "die Weigerung von Ullrich, zur eigenen Vergangenheit zu stehen und die Kommissionsentscheidung des DSV zu Ullrich als beschämend". Jens Steinigen hatte vor der DSV-Untersuchungskommission auf die Frage, ob er sich vorstellen könne, dass Ullrich als Trainer von Doping nichts gewusst habe, geantwortet: "Das halte ich für völlig ausgeschlossen." Gegenüber dem Deutschlandfunk erklärte Steinigen 2009 zudem, er glaube, "dass die Kommission bei Ullrich auf Granit beiße, weil dieser sich eine Lebenslüge aufgebaut" habe.

Ullrich spielt auf Klaviatur der Politikerphrasen

Bundeskanzler Olaf Scholz (l.) und Frank Ullrich

Partei- und Duzfreunde: Frank Ullrich (l.) und Bundeskanzler Olaf Scholz

Dass Frank Ullrich seine Mitbeteiligung als Biathlon-Trainer am DDR-Doping bislang mehrfach abgestritten hat, ist gerade jetzt, wo er nun dem deutschen Sportausschuss im Bundestag vorsitzt, hochproblematisch. Ullrich hatte seit der Wiedervereinigung 1990 mehr als 30 Jahre Zeit, reinen Tisch zu machen. Dies hat er bisher nicht getan.

Stattdessen bespielte Ullrich im Bundestags-Wahlkampf die ganze Klaviatur der Politikerphrasen. Inhaltlich wolle er sich im Sportausschuss sowohl für den Spitzen- als auch für den Breitensport einsetzen und insgesamt für eine fittere Gesellschaft sowie für besseren Schulsport. Im Wahlkampf hatte sich der Olympiasieger Ullrich zudem ausgerechnet für eine lebenslange Pension für Olympiasieger ausgesprochen.

Stand: 21.12.2021, 14:43

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