DOSB in der Krise: Hörmann geht, die Probleme bleiben

Alfons Hörmann

Rücktrittsankündigung des DOSB-Präsidenten

DOSB in der Krise: Hörmann geht, die Probleme bleiben

Von Bianka Schreiber-Rietig

Der angekündigte Rückzug von Alfons Hörmann, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) mag ein Befreiungsschlag für den deutschen Sport sein. Aber weitere Probleme im DOSB sind damit nicht vom Tisch.

Einen "geordneten Übergang" hat der DOSB versprochen, nachdem Alfons Hörmann am Mittwoch (16.06.21) angekündigt hat sein Amt als Präsident an der Spitze des organisierten Sports in Deutschland abzugeben. Wie dieser gelingen kann vor, während und nach den bevorstehenden Olympischen Spielen in Tokio, ist allerdings unklar.

Hörmann als vertrauenswürdiger Delegationsleiter des deutschen Olympia-Teams ist jedenfalls kaum vorstellbar. Und wegen des belasteten Verhältnis zum Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), Thomas Bach, nach den Vorgängen rund um die gescheiterte Olympia-Bewerbung Rhein-Ruhr empfiehlt sich der Noch-Präsident auch nicht als der Richtige, um am Rande der Spiele einiges zu befrieden.

Potenzielle Nachfolger

Kaum hat Hörmann seine Abdankung angekündigt, bringen sich auch schon potentielle Nachfolger in Stellung: Die Namen von DOSB-Vizepräsident Andreas Silbersack oder dem Basketball-Präsidenten und Sprecher der Spitzenverbände, Ingo Weiß, kursieren. Unter dem Aspekt eines Neuanfangs sind das für viele im Sport keine akzeptablen Vorschläge. Denn die Klagen von MitarbeiterInnen in dem anonymen Brief vom 6. Mai betreffen nicht allein den Präsidenten, sondern auch die Führungsgremien.

Bisher zog nur der Vizepräsident Finanzen, Kaweh Niroomand, Konsequenzen - auch er kandidiert nicht mehr. Die drei Vize-Damen am Präsidiumstisch, Uschi Schmitz, Petra Tzschoppe und Gudrun Doll-Tepper, müssen noch überlegen, was zu tun ist. Thomas Härtel, Präsident des LSB-Berlin, hält von Personaldiskussionen jetzt nichts: "Wir brauchen erst eine offene, transparente Debatte über die Probleme, die im Ethik-Bericht ja nachzulesen sind."

In besagtem Bericht hatte der Vorsitzende der Ethik-Kommission, der ehemalige Bundesinnenminister Thomas de Maiziere, festgestellt, "dass die Beziehungen des Präsidenten/Präsidiums/Vorstands zu Teilen der Spitzenverbände, zu Teilen der Landesverbände, zum Internationalen Olympischen Komitee zum Bundesministerium des Inneren und Teilen der Medien dringend verbessert werden müssen." Auch das Klima im Haus des Sports in Frankfurt müsse mit dem Führungsverhalten von Präsidium und Vorstand zusammenhängen..

Keine Problemlöser

Es braucht also einen Kulturwandel. An der Eignung des amtierenden Präsidiums samt Vorstand als Problemlöser gibt es jedoch massive Zweifel. Die Verpflichtung externer Berater, um einen solchen Change of Culture einzuleiten - ein Vorschlag der DOSB-Vorstandsvorsitzenden Veronika Rücker, sei dafür jedoch der falsche Weg, sagt Härtel. "Man muss sich doch selbst den Problemen stellen, reflektieren, was läuft da völlig schief und mit seinen Mitarbeiter:innen, dem Betriebsrat, dem Ombudsmann ins Gespräch kommen und ein Verfahren finden, wie man die Schwierigkeiten auf- und Lösungen erarbeitet."

Die Landessportbünde schlagen deshalb vor, zunächst ein Krisenbewältigungs-Gremium zu bilden. Danach sollten Vertreter der Mitgliedsorganisationen, aber auch externe Personen, die sportaffin, aber nicht im System verankert sind, ein inhaltliches und strukturelles Konzept sowie personelle Vorschläge erarbeiten.

Eine Aufgabe der neuen Verbandsführung muss es dann sein, den deutschen Sport wieder zusammenzuführen, der unter dem Präsidenten Hörmann noch weiter auseinandergedriftet ist. Der Allgäuer Unternehmer steht seit 2013 an der Spitze des DOSB, und es gab wohl unter seinen Vorgängern beim DSB und DOSB keinen, der von Anfang an so umstritten war. Hörmann wird aber auch als der Präsident in die Geschichte des DOSB eingehen, der mehr Geld – nämlich 300 Millionen Euro jährlich – als jeder andere für den deutschen Spitzensport herausgeholt hat.

Der 60 Jahre alte CSU-Mann hatte nach seinen virtuellen Auftritten bei der Konferenz der Landessportbünde und der Spitzenverbände am vergangenen Wochenende gemerkt, dass er mit seiner Verteidigungstaktik und Abwiegelungsstrategie diesmal nicht weiterkam. Auch der Umgang mit dem Athletenvertreter Jonathan Koch, kam nicht gut an.Vor allem mit der bislang unbelegten Behauptung, Koch sei vom Verein Athleten Deutschland und dem Sportausschuss des Deutschen Bundestages unter Druck gesetzt worden, seine Zustimmung zu Präsidiumsentscheidungen zurückzuziehen, war Hörmann wohl endgültig einen Schritt zu weit gegangen.

Landessportbünde ziehen Konsequenzen

Die Landessportbünde hatten mit einer Reihe von Entscheidungen den Druck erhöht. Hörmann musste zur Kenntnis nehmen, dass die LSB eigene Wege gehen, weil sie sich nicht adäquat vom DOSB vertreten fühlten. Konsequenz daraus: eine Geschäftsstelle der Konferenz der LSB mit einem hauptamtlichen Referenten in der Hauptstadt, die ständige Teilnahme des LSB-Sprechers bei Sportminister- und Sportdirektorenkonferenz. Man schafft also eine Parallelstruktur.

Das wiederum macht den Grundkonflikt deutlich, der den DOSB seit seiner Gründung 2006 durch den Zusammenschluss von DSB und NOK bereits in zahlreichen Krisen gestürzt hat. Das Duo aus dem damaligen DOSB-Präsidenten Thomas Bach und seinem Generaldirektor Michael Vesper musste sich schon nach kurzer Zeit von Kritikern vorwerfen lassen, dass sie im DOSB vor allem das olympische O im Blick hätten.

Was beide dagegen nicht im Fokus hatten, waren die verkrusteten Strukturen einer Sportlandschaft, die nicht einfach durch eine andere Schwerpunktsetzung zu knacken waren. Es wurde umgemodelt, ohne die Mitgliedsorganisationen und vor allem ohne die MitarbeiterInnen im eigenen Haus wirklich mitzunehmen. Das und die Vernachlässigung des Breitensports fallen der Führungscrew nun auf die Füße.

Kreative Ideen und Ansätze

Um Glaubwürdigkeit und Vertrauen zurückzugewinnen, muss sich die Organisationskultur ändern. Der Sportwissenschaftler Lutz Thieme von der Sporthochschule Koblenz fordert: "Weg von einem hierarchischen Verständnis, von der Simulation von Beteiligung, der Inszenierung von Modernität und von der Erzählung von der Einheit des Sports. Hin zu einer Netzwerkorganisation, die unterschiedliche Entwicklungen ermöglicht, und wo kreative Ideen und Ansätze willkommen sind." Mit einem geordneten Übergang zu einem neuen Präsidenten oder gar einer Präsidentin alleine ist es offenbar nicht getan.

Stand: 17.06.2021, 16:51

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