Kommentar: DOSB muss mehr Demokratie wagen

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Kommentar: DOSB muss mehr Demokratie wagen

Von Bianka Schreiber-Rietig

Der DOSB sucht nach einem Nachfolger oder einer Nachfolgerin für den scheidenden Präsidenten Alfons Hörmann. Doch der versprochene Neuanfang droht an Eitelkeiten und Machtspielchen zu scheitern - ein Kommentar.

Findungskommissionen im deutschen Sport schrieben bisher nicht unbedingt Erfolgsgeschichten. Was ein Blick zurück belegt. Und Gegenwärtiges teilweise auch erklärt.

Schon 2006 nur ein Kandidat: Thomas Bach

"Wozu braucht es eine Findungskommission, wenn das Ergebnis sowieso schon feststeht?" Mit dieser Frage sah sich im März 2006 der damalige Präsident des Nationalen Olympischen Komitees von Deutschland, Klaus Steinbach, konfrontiert. Er schlug dem Vorsitzenden der  Findungskommission, dem damaligen DFB-Präsidenten Theo Zwanziger, den Juristen Thomas Bach als Präsident des neugegründeten Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) vor. Weitere Kandidaten: Fehlanzeige.

Dennoch zierte sich Bach. Eine öffentliche Zusage, ob er zur Verfügung stehe, werde er "aus Respekt vor der Findungskommission nicht abgeben. Sie benötigt die notwendige Autorität, und die werde ich nicht durch öffentliche Erklärungen untergraben." Dem "Topkandidaten" Bach stellte sich dann niemand in den Weg. Allerdings gab es einige, die eher unfreiwillig zur Seite traten.

Ein weiteres Findungsgremium, aber auch selbsternannte Königsmacher, die selbst noch Ambitionen auf den leeren Führungsstuhl des deutschen Sports hatten, begab sich 2013 auf die Suche nach einem Bach-Nachfolger. Turn-Präsident Rainer Brechtken, Schwimmpräsidentin Christa Thiel, Box-Präsident Ulrich Bittner wurde Interesse nachgesagt. Einer zierte sich noch - Alfons Hörmann, damals Skipräsident.

Hörmann erweist sich als der falsche Mann

Das Ergebnis: Als Bachs Favorit machte Hörmann das Rennen. Kritik wegen des Prozederes und der Nominierung wies der damalige Schatzmeister und Interims-Präsident Hans-Peter Krämer vehement zurück. Es seien nur Randnotizen gewesen und es würden keine  Wunden bleiben. Mit dieser Einschätzung lag er gründlich daneben.

Der Erwählte war dann offensichtlich doch nicht der Richtige, wie die problematische Beziehungskiste zwischen dem noch bis Dezember amtierenden Präsidenten und dem DOSB zeigt. Alfons Hörmann ist ein König ohne Sportdeutschland. Das nun mal wieder mit einer Findungskommission einen Nachfolger sucht. Aber dazugelernt hat man offensichtlich nicht.

Dabei sollte diesmal alles besser und transparenter, offener und demokratischer laufen. Eine Findungskommission, auch mit externen honorigen Persönlichkeiten besetzt, machte sich auf die Suche, unterstützt von einer Headhunter-Agentur. Nur haben die Koordinatoren des Prozesses - Ingo Weiss, Jörg Ammon und Barbara Oettinger - den Verbänden bei der Besetzung der Kommission nicht genügend Mitsprache eingeräumt.

Und so bringen diese jetzt zumindest in Teilen Tischtennis-Weltverbands-Präsident Thomas Weikert in Stellung oder setzten sich als Teil eines Teams gleich selbst auf die Kandidatenliste, wie der Chef des Landesportbundes NRW, Stefan Klett.

Die üblichen Mechanismen im deutschen Sport

Mit dem Reset-Knopf "Alles auf (Neu-)Anfang" wurden also offensichtlich nur wieder alle Mechanismen in Gang gesetzt, die halt im Sport üblich sind: Es wird mit mehr oder weniger offenem Visier um Machterhalt, Einfluss und Eigeninteressen gerangelt. Über Inhalte wird wenig, über Personal sehr viel geredet.

So wird die Arbeit der Findungskommission konterkariert und unterlaufen. Und man fragt sich: Wozu braucht man sie und einen sicher nicht billigen Headhunter eigentlich, wenn ohnehin wieder alles aus dem Ruder läuft? Das koordinierende Neustart-Trio hat offensichtlich weder ausreichend Macht noch die natürliche Autorität, um die vereinbarten Prozesse durchzusetzen. Und sie müssen sich die Frage gefallen lassen: Was haben sie eigentlich vor?

Und: Was sagt das über den Zustand des deutschen Sports, der wie ein schrumpfender Ballon am Himmel taumelt? Er ist zerrüttet und gespaltener denn je. Egoismus und Eitelkeiten und der Glaube einzelner, ihnen könne keiner und sie könnten weitermachen wie bisher, vermiesen die Stimmung aller. Es fehlt an offener Diskussions- und Gesprächskultur, an einem Miteinander, vor allem auch mit denen, die sich als Kritiker des Status quo geoutet haben. Und vor allem fehlt gegenseitiges Vertrauen.

Eine echte Wahl als Chance

Wie kann man das ändern? Um es mit Willy Brandt zu sagen: "Mehr Demokratie wagen." Etwa bei der Wahl des neuen Präsidenten oder einer Präsidentin und des Präsidiums. Bis zur Mitgliederversammlung am 4. Dezember sind es noch knapp zwei Monate. Da haben potenzielle Kandidaten - ob mit oder ohne Findungskommission im Rennen - Gelegenheit, ihr Team und ihr Programm vorzustellen.

Den Mitgliedern eine echte Wahl zu lassen, wäre der erste Schritt und eine letzte Chance, die hausgemachte Krise zu beenden und den Imageschaden zu beheben. Und es wäre der Start für eine Zeitenwende auch in Sportdeutschland.

Stand: 08.10.2021, 08:40

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