Gewichtheberstange bei Olympia 2020 in Tokio

Wahlen beim Weltverband IWF Gewichtheben - Tage der Dämmerung

Stand: 24.06.2022 15:06 Uhr

Dopingmissbrauch, auch Korruption - es steht nicht gut um das Gewichtheben. Nun wählt der Weltverband einen neuen Vorstand. Es gehe um die Zukunft des Sports, sagt Florian Sperl, der Präsident des Bundesverbands Deutscher Gewichtheber. Zur Wahl steht auch der Schwiegersohn des Ex-PräsidentenTamás Aján.

Von Tim Beyer

Vor einigen Tagen ist Florian Sperl aus Mexiko zurückgekehrt, er hat dort die Junioren-Weltmeisterschaft im Gewichtheben verfolgt. Zwei Tage dauerte die Rückreise. Zu Hause war er nur kurz, auf ihn wartete ein Termin beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) in Frankfurt. Dann Leipzig, Dresden, München und Tirana, alles innerhalb von 36 Stunden. "Es ist schon viel gerade", sagt Sperl der Sportschau.

Am Samstag (25.06.2022) und Sonntag wählt der Weltverband im Gewichtheben, die Internationale Weightlifting Federation (IWF), in Albaniens Hauptstadt Tirana einen neuen Vorstand. Die Wahl wird, man kann das anders nicht schreiben, über die Zukunft eines Sports entscheiden.

Es gab zuletzt viele Tage der Dämmerung für das Gewichtheben - und die Frage ist, was nun kommt: Tiefschwarze Finsternis oder ein strahlender Sonnenaufgang?

Sperl sagt: "Ich möchte Einfluss nehmen"

Seit Ende 2020 ist Sperl, 34, Präsident des Bundesverbands Deutscher Gewichtheber (BVDG), nur reicht ihm das nicht. Ihn beschäftigt das mit dem Gewichtheben und der Dämmerung. Sperl hat sich deshalb bei der IWF auf die Kandidatenliste setzen lassen, auch für ein Amt als Vizepräsident. Er möchte in den Vorstand, dahin, wo die Entscheidungen getroffen werden. Sperl sagt: "Ich möchte Einfluss nehmen auf die Entwicklung des Gewichthebens."

Sperl war früher selbst Gewichtheber, zweite Liga, immerhin: 117 Kilo im Reißen, 156 Kilo im Stoßen. Noch immer tritt er an gegen Widerstände, nur sind das keine Gewichte mehr und auch nicht der eigenen Körper. Sperl kämpft nun gegen Dopingmissbrauch und Korruption, und er kämpft um den Sport, den er liebt.

Florian Sperl, Präsident des Bundesverbands Deutscher Gewichtheber

Florian Sperl, Präsident des Bundesverbands Deutscher Gewichtheber

Lebenslange Sperre für Ex-Präsident Aján

Gewichtheben war mal eine stolze Sportart, eine von nur zehn, die 1896 bei den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit dabei war. Der Sport hat beeindruckende Geschichten geschrieben, sie handelten von Kraft, Technik, Präzision. Zuletzt waren die Geschichten weniger schön, es ging um Korruption, Dopingvertuschung, Wahlbetrug.

Der Dokumentarfilm der ARD-Doping-Redaktion zeigt, wie skrupellos die olympische Sportart Gewichtheben regiert wurde. Die Autoren begeben sich auf Spurensuche in das Reich des Ungarn Tamás Aján, der seit 2000 Präsident des Weltverbands IWF war – und Mitte April zurücktrat.

Im Januar 2020 deckte die ARD-Dokumentation "Der Herr der Heber" all das auf, im Zentrum stand Tamás Aján, zu diesem Zeitpunkt seit 20 Jahren Präsident der IWF. Aján trat zurück, ihm blieb keine Wahl. Vor einigen Tagen hat der Internationale Sportgerichtshof (CAS) Aján, 83, lebenslang gesperrt.

Aján also ist Vergangenheit - und irgendwie doch auch Gegenwart. Noch immer gibt es Athleten, vor allem aber Funktionäre, die vom korrupten System der Vergangenheit profitiert haben. Natürlich haben sie kein Interesse an Veränderung. "Die alte Garde klammert", hat die FAZ einmal getitelt. Man hätte es nicht besser formulieren können.

Gewichtheben, sagt Sperl, müsse unbedingt olympisch bleiben

Nun droht die Aberkennung des Olympischen Status. Das, sagte Sperl, müsse unbedingt verhindert werden.

Bei den Spielen 2024 in Paris wird das Gewichtheben vertreten sein, wenn auch mit weniger Athletinnen und Athleten als zuvor. Für die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles hat das IOC Gewichtheben vorerst aus dem Programm genommen. Allerdings könnte diese Entscheidung bei einem Kongress im kommenden Jahre revidiert werden - sofern dem IOC die Entwicklung im Verband gefällt. Sie schauen dort sehr genau hin, wie in Tirana abgestimmt wird.

Wenn man ihn fragt, mit welchem Szenario er rechne, sagt Sperl: "Ich sage, dass Gewichtheben auch 2028 und darüberhinaus olympisch sein wird." Er erzählt dann von einem Gefühl, das er seit einigen Monaten habe. Dass nämlich viele Wahlberechtigte verstanden hätten, worum es bei dieser Wahl geht. Und er erzählt von einer Reform, die einiges verändert habe.

Integritäts-Komission soll Wahlvorschläge prüfen

Im Frühjahr 2021 hat Sperl zusammen mit dem BVDG ein Sieben-Punkte-Programm entwickelt. Als die IWF Monate später tatsächlich eine Reform verabschiedete, ähnelten einige Punkte daraus den Forderungen von Sperl schon sehr.

Es gibt nun eine dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) unterstellte Integritäts-Komission, die Wahlvorschläge überprüft. Den Kampf gegen das Doping übernimmt die International Testing Agency (ITA). Auch ein Alterslimit für Funktionäre gibt es und eine Begrenzung der Amtszeiten. Eine Amtszeit dauert vier Jahre, höchstens dreimal kann eine Person gewählt werden. All das, sagt Sperl, sei ein "wirklich wichtiges Zeichen."

Ajáns Schwiegersohn möchte Generalsekretär werden

Die IWF hat vor der Wahl ein Dokument hochgeladen, darin finden sich kurze Steckbriefe aller Kandidatinnen und Kandidaten. Sperl sagt, die Liste gefalle ihm besser als bei vorherigen Wahlen. Nur ein Name sorgt ihn. Unter den Bewerbern für das Amt des Generalsekretärs ist auch Attila Adamfi, 48.

Adamfi ist der Schwiegersohn von Tamás Aján. Als Aján Präsident war, war Adamfi schon einmal Generalsekretär, also der zweitmächtigste Mensch in der IWF. Im Bericht des Sonderermittlers Richard McLaren, der nach dem Erscheinen der Doku "Der Herr der Heber" und dem Rücktritt von Aján mit der Aufarbeitung beauftragt worden ist, wird Adamfi Wahlbetrug vorgeworden.

Auf seinem Computer fand sich demnach eine Anleitung, welche Kandidaten anzukreuzen seien. Es gewann, man ahnt es schon: Aján.

Nachdem bei der International Weightlifting Federation (IWF) Korruption und Doping aufgedeckt wurden, droht der Disziplin Gewichtheben bereits 2024 der Olympia-Ausschluss.