Norwegens Fußballbasis fordert Boykott der WM in Katar

Norwegische Spieler in Oslo - Viele Fans und einige Klubs rufen zu einem Boykott der WM in Katar auf

Menschenrechtsverletzungen vor der WM 2022

Norwegens Fußballbasis fordert Boykott der WM in Katar

Von Chaled Nahar

Sechs Erstligisten in Norwegen, darunter Rosenborg Trondheim, haben den Fußballverband des Landes aufgefordert, angesichts der Menschenrechtsverletzungen in Katar die WM 2022 zu boykottieren. Der Vorstand des Verbandes ist dagegen - doch der öffentliche Druck in Norwegen nimmt zu. FIFA-Präsident Gianni Infantino nennt einen Boykott "den falschen Ansatz".

Am Donnerstagabend (04.03.2021) hat auch die Mitgliederversammlung von Rosenborg Trondheim Klarheit für ihren Klub geschaffen. Eine Mehrheit der Mitglieder des bekanntesten Klubs des Landes stimmte dafür, sich beim norwegischen Verband für einen Boykott der WM in Katar auszusprechen. Zuvor hatten die Mitglieder der Erstligisten Tromsö, Strömsgodset, Stavanger, Odds und Bergen für ein solches Vorgehen gestimmt. In Norwegen nimmt die Debatte um die WM in Katar eine rasante Entwicklung.

Auslöser: Fan-Initativen und ein Bericht über 6.500 tote Gastarbeiter

"Fans haben das Thema auf die Agenda gebracht", sagt Havard Melnaes im Gespräch mit der Sportschau. Der Journalist arbeitet für die Fußballzeitschrift "Josimar Fotballblad". Mehrere vereinsübergreifende Fanorganisationen kritisierten, dass Katar mit der Fußball-WM "Sportswashing" betreiben könne.

Im Februar erschien zudem ein Bericht in der englischen Zeitung "Guardian", nach dem seit 2010 mehr als 6.500 Gastarbeiter in Katar ums Leben gekommen seien. Katars Regierung nannte die Zahlen irreführend und falsch. Das Leid der Menschen, von denen viele am Bau der Stadien für die WM 2022 beteiligt waren, ist mehrfach dokumentiert. "Diese beiden Entwicklungen haben die Debatte in Norwegen angetrieben", berichtet Melnaes.

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Infantino: "Boykott ist nicht der richtige Ansatz"

FIFA-Präsident Gianni Infantino spricht sich gegen einen Boykott aus.

FIFA-Präsident Gianni Infantino

FIFA-Präsident Gianni Infantino hat eine andere Position als viele Fans in Norwegen. "Ich denke, ein Boykott der WM ist nicht der richtige Ansatz. Wir müssen die Verbesserungen sehen, die bei den Menschenrechtsfragen in Katar erreicht worden sind", sagte Infantino bei einem Medientermin am Freitag (05.03.2021). "Unsere Position bei der FIFA war immer und wird immer sein: In den Dialog zu treten und sich zu engagieren, ist der einzige und beste Weg, um Veränderungen herbeizuführen." Und diese Veränderungen habe es gegeben, sagte Infantino. Die Welt sei nicht überall gleich.

Er dementierte, dass die vom "Guardian" genannten Zahlen mit den WM-Baustellen in Verbindung gebracht werden könnten. Er nannte unter Verweis auf katarische Behörden drei verstorbene Menschen auf WM-Baustellen seit 2014. 34 weitere Menschen, die an den WM-Baustellen tätig waren, seien "ohne Zusammenhang mit ihrer Arbeit" gestorben. Er versprach "eine fantastische, die beste WM der Geschichte", bei der der Fußball am Ende gleichzeitig "vielleicht ein bisschen zu Verbesserungen beigetragen haben könnte".

Welche Folgen Norwegens Ausstieg haben könnte

Sollte Norwegen wirklich das Turnier boykottieren, hätte das möglicherweise Konsequenzen. Ein Ausstieg aus der WM scheint zunächst für Fußball-Verhältnisse günstig zu sein: Ein Verband, der sich nach Einreichung der Anmeldung aber vor Beginn der Qualifikation zurückzieht, "wird mit einer Geldstrafe von mindestens 20.000 Schweizer Franken belegt", schreibt die FIFA in ihren Regularien zur WM 2022. Bei einem Ausstieg zu einem späteren Zeitpunkt steigt die Mindeststrafe auf 40.000 Schweizer Franken.

Das größere Problem kommt im Regelwerk einen Absatz später: "Je nach Umständen des Rückzugs kann die FIFA-Disziplinarkommission weitere Sanktionen verhängen, einschließlich des Ausschlusses des betreffenden teilnehmenden Mitgliedsverbands von künftigen FIFA-Wettbewerben."

Norwegens Verband: Dialog besser als Boykott

Terje Svendsen, Norwegens Verbandspräsident

Terje Svendsen, Norwegens Verbandspräsident

Der Verband Norges Fotballforbund (NFF) veröffentlichte am Mittwoch eine Stellungnahme. Man teile die Kritik an Katar und an der Art, wie die Gastarbeiter dort behandelt würden, schreiben Verbandspräsident Terje Svendsen und der Chef des Ligaverbandes, Cato Haug. Erst der Einsatz des Fußballs aber habe Verbesserungen in den Bedingungen hervorgebracht. Dialog sei besser als Boykott. Eine Absage der WM würde "Hunderttausende von Arbeitnehmern in die Arbeitslosigkeit schicken".

Die Weltmeisterschaft könne ein Druckmittel für Veränderungen sein. Norwegen stünde mit einem Boykott alleine da, die Botschaft würde das Land "alleine senden". Man glaube daher, "dass es besser ist, von innen heraus zu arbeiten, um unsere Haltung auszudrücken und hoffentlich zu Verbesserungen beitragen zu können". Der Verband verwies zudem auf die schwierigen Umstände der politischen Boykotte bei den Olympischen Spielen 1980 und 1984.

Ausschluss von anderen Turnieren? "Damit würde sich die FIFA selbst schaden"

Der NFF arbeitet neben dieser Stellungnahme mit anderen Argumenten. Dabei geht es um die finanziellen Folgen durch die im Falle eines Boykotts ausbleibenden Einnahmen der Spiele. Einen Einkommensverlust von mehr als 100 Millionen Norwegischen Kronen (umgerechnet fast 10 Millionen Euro) setzte der Generalsekretär des NFF, Pal Bjerketvedt, öffentlich als Schätzung an. Andere Funktionäre äußerten Sorgen um die Zukunft der Nationalmannschaften, falls die FIFA den Verband wirklich von folgenden FIFA-Turnieren wie beispielsweise der Frauen-WM 2023 oder der Männer-WM 2026 ausschließen würde.

"Der norwegische Verband verbreitet Horrorszenarien", sagt Melnaes. "Ich glaube nicht, dass die FIFA einen solchen Schritt vollziehen würde. Die entsprechende Debatte dazu würde vor allem der FIFA selbst schaden."

Tod und Spiele: Die Klub-WM in Katar als Generalprobe für die WM

WDR 5 Sport inside – der Podcast: kritisch, konstruktiv, inklusiv 06.02.2021 49:18 Min. Verfügbar bis 31.01.2041 WDR 5


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Wie es weiter geht: Die Entscheidung könnte schnell fallen

Der zeitliche Ablauf für die nächsten Schritte ist nun eng. Kommende Woche stehen weitere Mitgliederversammlungen von Klubs an. "Es werden sich mit Sicherheit weitere Klubs der Forderung nach einem Boykott anschließen", sagt Melnaes. Am 14. März steht die Jahreshauptversammlung des NFF an. Dort wird das Thema diskutiert. Möglicherweise wird dann sogar schon ein Boykott beschlossen, wenn es eine Mehrheit unter den Delegierten geben sollte, was allerdings unklar ist. So oder so braucht es eine Entscheidung: Vom 24. bis 30. März stehen für Norwegen die Spiele gegen Gibraltar, die Türkei und Montenegro an - es ist der Start in die Qualifikation zur WM 2022 in Katar.

Die Endrunde der WM soll nach aktuellen Planungen vom 21. November bis 18. Dezember 2022 in Katar ausgetragen werden. Am Gastgeberland gibt es wegen Menschenrechtsverletzungen, Ausbeutung von Gastarbeitern und Korruption bei der WM-Vergabe seit Jahren große Kritik. Die Sportschau und WDR Sport inside berichteten immer wieder über die Missstände in Katar. Die FIFA musste in diesem Zusammenhang im Juni 2019 erstmals zugeben, dass auf WM-Baustellen gegen internationale Arbeitsstandards verstoßen wurde.

Stand: 05.03.2021, 17:29

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