Auch im Frauenfußball: Großer Widerspruch gegen eine WM alle zwei Jahre

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Auch im Frauenfußball: Großer Widerspruch gegen eine WM alle zwei Jahre

Von Chaled Nahar

Die FIFA erwägt auch im Frauenfußball, den Rhythmus der WM von vier auf zwei Jahre zu verkürzen. Jill Ellis, frühere Nationaltrainerin der USA, verkauft das Vorhaben im Namen des Weltverbands als "einen Vorteil". Gegen den Plan gibt es viel Widerspruch aus Europa.

Jill Ellis steht bei der FIFA seit einigen Wochen einer "Technischen Beratungsgruppe" der FIFA zum Frauenfußball vor. Wie Arsène Wenger bei den Männern versucht die frühere Nationaltrainerin der USA derzeit, die möglichen Vorzüge einer Verdopplung der Austragungen von Weltmeisterschaften bei den Frauen zu erklären.

Am Montag (18.10.2021) sagte Ellis in einer Online-Pressekonferenz der FIFA, dass es "ein Vorteil" wäre, alle zwei Jahre eine WM zu veranstalten. "Wir wollen, dass die Gehälter der Spielerinnen steigen. Wir wollen, dass unser Sport mehr Aufmerksamkeit bekommt. Aber wie soll das gehen, wenn wir keine starke Plattform dafür haben?", fragte sie. Die Botschaft: Nur alle vier Jahre auf der großen Bühne zu stehen - das ist zu wenig. Nach Ansicht von Ellis hängt das Spiel der Frauen noch oft vom Spiel der Männer ab, vor allem finanziell. "Wir sollten daran denken, dass sich unser Sport selbst tragen sollte. Und dafür müssen wir uns häufiger in den Mittelpunkt stellen."

Einige Probleme beim Zwei-Jahres-Plan von Jill Ellis

Die Leiterin des Technischen Beratungsgremiums zur Zukunft des Frauenfußballs in der FIFA: Jill Ellis.

Ellis möchte mit mehreren Reformen wie Wenger bei den Männern den Länderspiel-Kalender verändern, allerdings anders. Ihr schwebt ein Frauenfußballkalender mit fünf statt bisher sechs Länderspielfenstern vor, bei den Männern sind drei im Gespräch. Zudem möchte Ellis die Qualifikation zur WM so verändern, dass es zu spannenderen Spielen kommt. Zu häufig gingen Spiele zu klar aus, sagte Ellis.

Kern der Reform wäre aber eine Frauen-WM alle zwei Jahre. Die Probleme auf dem Weg dahin:

  • Im Gegensatz zu den Männern ist das Fußballturnier der Olympischen Spiele bei den Frauen von hohem Stellenwert, es ist praktisch eine zweite WM. Es besteht für die Klubs eine Abstellungspflicht der Spielerinnen, bei den Männern ist das nicht der Fall. Der neue Kalender müsste auch diesem Termin gerecht werden.
  • Die Profidichte ist kleiner als bei den Männern. Zahlreiche Spielerinnen gehen ihren Berufen in Vollzeit nach. Es bliebe die Frage, wie viele Länder genug starke Spielerinnen haben, die es leisten könnten, alle Länderspiele und Turniere wahrzunehmen.
  • Der Kalender der Frauen ist weniger eng als der der Männer, für die Spitzenspielerinnen steigt die Belastung trotzdem. In der Champions League gibt es nun eine Gruppenphase, hinzu kommen zahlreiche Länderspiele. Weitere WM-Turniere könnten wohl nur kommen, wenn woanders verzichtet wird.

Ellis meinte, dass das olympische Turnier mit zwölf Teams sehr klein sei und kaum vergrößert werde - ein Ersatz für die verdoppelte WM-Austragung sei das nicht. Die beiden anderen Fragen würden sich über die Gestaltung des Kalenders lösen: "Wir würden für mehr Pausen innerhalb und außerhalb der Länderspielfenster sorgen." Über eine Sache wollte Ellis partout nicht sprechen: den Männerfußball. Dabei ist die Debatte über den Zwei-Jahres-Rhythmus bei der Männer-WM ein wichtiger Faktor für die Weiterentwicklung des Frauenfußballs.

Männer-WM im kurzen Rhythmus das größte Fragezeichen

Denn eine Männer-WM alle zwei Jahre, die derzeit im Gespräch ist, könnte gravierende Folgen haben. Kaum ein Sommer wäre mehr komplett frei für die Frauen-Turniere, so wie es derzeit der Fall ist. Die Männer-Turniere würden dem Spiel der Frauen weiter Aufmerksamkeit entziehen - so die Befürchtungen, die vor allem aus Europa kommen.

In einer gemeinsamen Stellungnahme kritisierten die UEFA und die Klub-Vereinigung ECA sowie mehrere wichtige Frauen-Ligen aus Europa den Plan bei den Männern und bei den Frauen. Die Argumente: Es käme zu mehr Belastung für Männer und Frauen. Eine große Verschiebung von Sponsoren- und TV-Geldern sowie von allgemeiner Aufmerksamkeit ginge außerdem möglicherweise zu Lasten des Frauenfußballs. Auch die Frauen-Bundesliga unterzeichnete die Stellungnahme. Das IOC erteilte den Plänen der FIFA zuletzt eine weitere überdeutliche Absage.

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Klar wurde in den vergangenen Wochen, dass Männer- und Frauenfußball im Kalender schwer voneinander zu isolieren sind. Wenger und Ellis sprachen in einer Medienmitteilung der FIFA kürzlich davon, dass Männer- und Frauenfußball "nebeneinander bestehen" können müssten. "Wir müssen uns zusammensetzen und fragen: 'Wann spielt ihr?' und 'Wann spielen wir?' - und dann müssen wir einen Weg finden", sagte Wenger demzufolge. Aber kann es einen Weg geben, der beide WM-Turniere in einen Zwei-Jahres-Rhythmus führt und gleichzeitig den Frauenfußball profitieren lässt?

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Deutlicher Widerspruch auch von Trainerinnen

Zwei wichtige Trainerinnen äußerten sich ablehnend. "Ich würde es nicht machen", sagte die Niederländerin Sarina Wiegman, Nationaltrainerin Englands im Rahmen der WM-Qualifikation. "Ich denke, dass das für die Spielerinnen und ihre Gesundheit nicht besonders gut wäre." Zudem sprach sie an, dass das Fußballturnier der Olympischen Spiele bei den Frauen im Gegensatz zum Männerfußball eine große Bedeutung inklusive Abstellung hat und ein weiterer großer Termin ist. Hinzu kämen dann die EM und die WM. "Wenn wir jedes Jahr diese Turniere haben, wann sollen sich die Spielerinnen mal ausruhen? Das sind keine Roboter."

Reist mit Deutschlands Fußball-Frauen nach Israel: Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg.

Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg äußerte schon vor Wochen Bedenken. "Wie soll man das umsetzen? EM, WM, Olympia, wo soll da noch eine WM rein?", fragte sie vor dem Start der WM-Qualifikation. "Die hochbelasteten Spielerinnen brauchen irgendwann auch eine Pause", sagte die Bundestrainerin. Allerdings schränkte sie ein: "Die WM ist etwas Besonderes. Wenn es durchschlagende Argumente für eine Veränderung gibt, höre ich mir die aber gerne an."

Eine Entscheidung darüber, ob es zu einer Verkürzung des WM-Rhythmus kommt, müsste der FIFA-Kongress mit allen 211 Mitgliedern fällen, bis Ende des Jahres soll wohl Klarheit herrschen. Die WM der Frauen wird seit 1991 ausgetragen, ab 2023 nehmen 32 statt bis zuletzt 24 Teams teil. Der Zwei-Jahres-Rhythmus könnte frühestens 2025 greifen.

Frauen-WM
JahrTeamsGastgeberinnenWeltmeisterinnen
199112ChinaUSA
199512SchwedenNorwegen
199916USAUSA
200316USADeutschland
200716ChinaDeutschland
201116DeutschlandJapan
201524KanadaUSA
201924FrankreichUSA
202332Australien/Neuseeland?

WM alle zwei Jahre: Zauber in Gefahr? Morgenmagazin 01.10.2021 01:43 Min. Verfügbar bis 01.10.2022 Das Erste

Stand: 18.10.2021, 22:12

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