Thomas Tuchel und Chelsea - ein explosives Gemisch

Soll neuer Trainer beim FC Chelsea werden: Thomas Tuchel

Premier League

Thomas Tuchel und Chelsea - ein explosives Gemisch

Von Hendrik Buchheister (Manchester)

Thomas Tuchels wichtigste Aufgabe beim FC Chelsea wird sein, dem planlosen Team eine Struktur zu geben. Er könnte Erfolg mit den Londonern haben - nur sollte niemand darauf wetten, dass dieser von langer Dauer ist.

Die Sprache ist natürlich eine andere. Statt auf Französisch muss er künftig auf Englisch kommunizieren. Auch der Arbeitsort ändert sich. Statt in Paris wird er seine Tätigkeit neuerdings in London ausüben. Die grundsätzliche Aufgabe für Thomas Tuchel bleibt allerdings gleich. Wie schon bei Paris Saint-German, wo er vor einem Monat unwürdig aus dem Amt geschieden ist, muss er auch bei seinem voraussichtlich neuen Verein FC Chelsea ein Star-Ensemble moderieren, dessen Zusammenstellung willkürlich wirkt. 

Fast eine Viertelmilliarde Euro haben die Londoner im Sommer für neues Personal ausgegeben. Unter anderem kamen Timo Werner von RB Leipzig und Kai Havertz von Bayer Leverkusen. In England bestand schon damals der Eindruck, dass der FC Chelsea diese Anschaffungen nicht aus Notwendigkeit tätigt, sondern weil er es eben konnte nach einer abgelaufenen Transfersperre. Genauso wie Paris in den vergangenen Jahren Stars wie Neymar, Kylian Mbappé oder Ángel Di María angehäuft hat, ohne übermäßig Wert auf die Balance des Kaders zu legen. 

Überangebot an fußballerischem Können, aber nur Platz neun

Bei Chelsea ist das Ergebnis des Kaufrauschs im Sommer ein Überangebot an fußballerischem Können, vor allem in der Offensive, das gerade Klub-Ikone Frank Lampard den Job gekostet hat. 13 Jahre hat er an der Stamford Bridge als Spieler gedient, doch als Trainer hielt er sich nur anderthalb Jahre im Amt.

Nach dem ordentlichen vierten Platz in der Vorsaison war er in dieser Spielzeit damit überfordert, ein System zu finden, in dem Werner, Havertz, Hakim Ziyech, Callum Hudson-Odoi, der Ex-Dortmunder Christian Pulisic, Tammy Abraham und Olivier Giroud ihr Können maximieren. 

Der Trainer stellte immer wieder um, probierte verschiedene Varianten, machte Kompromisse, zum Beispiel bei Werner, den er vornehmlich auf dem linken Flügel einsetzte anstatt auf dessen favorisierter Position in der Sturmmitte. Das Ergebnis waren eine zerfahrene Spielweise, mehrere teure Zugänge außer Form und Tabellenplatz neun nach fünf Niederlagen aus den jüngsten acht Premier-League-Partien.

Auf Tuchel wartet eine so junge wie talentierte Mannschaft

Tuchel könnte der richtige Mann sein, um dem planlos wirkenden Ensemble einen Plan zu vermitteln. Die Mannschaft dürfte von seinem intensiven Coaching und seiner Detailversessenheit profitieren. Mit einer klaren Linie hat er außerdem das Zeug, Werner und Havertz aus ihrem Leistungsloch zu befreien. Die emotionale und sprachliche Nähe zwischen den beiden Nationalspielern des DFB und dem einstigen Trainer von Mainz 05 und Borussia Dortmund ist ebenfalls ein Vorteil.

Die "Blues" haben sich bei der Suche nach einem Nachfolger für Lampard nicht umsonst auf dem deutschen Markt umgeschaut. Auch Ralf Rangnick (als Interimslösung) und Julian Nagelsmann sollen Kandidaten gewesen sein. Das Potenzial von Werner und Havertz zu entfesseln, sieht der Verein offensichtlich als Schlüssel zum Erfolg an.

Tuchel kommt auch entgegen, dass Chelsea über ein junges Team verfügt. Bei der 0:2-Niederlage vor einer Woche bei Leicester City, die Lampard am Ende den Job kosten sollte, waren sieben Spieler aus der Startelf 24 Jahre alt oder jünger. In Mainz und in Dortmund hat Tuchel jeweils erfolgreich mit jungen Mannschaften zusammengearbeitet und Talente verbessert.

Wiedersehen mit Thiago Silva

Am anderen Ende des Altersspektrums steht bei Chelsea der 36 Jahre alte Abwehrchef Thiago Silva, der vor dieser Saison an die Stamford Bridge gewechselt war - von Tuchels Paris Saint-Germain. Dass der Trainer mit einem seiner wichtigsten Profis schon zusammengearbeitet hat, dürfte ebenfalls hilfreich sein. Auch Antonio Rüdiger, von Lampard im Sommer aussortiert und zuletzt wieder begnadigt, wird von Tuchel geschätzt. 

Die größten Gefahren liegen neben dem Platz. Der Trainer ist bekannt für seine undiplomatische und komplizierte Art. Bei seinen bisherigen Stationen hat er sich immer wieder mit seinen Vorgesetzten verkracht, zuletzt in Paris, wo er sich einen offenen Streit mit Sportchef Leonardo lieferte.

Geduld ist für die Chelsea-Bosse ein Fremdwort

Bei Chelsea sind Klubbesitzer Roman Abramowitsch und Sportchefin Marina Granovskaia ungeduldig und gnadenlos. Selbst Lampard nützte sein Status als Klub-Ikone nichts, als die Ergebnisse schlechter wurden und es außerdem Uneinigkeiten über Transfers gegeben haben soll. 

Tuchel bei Chelsea - das ist ein hochexplosives Gemisch. Trotzdem hat die Zusammenarbeit natürlich das Potenzial zum Erfolg. Denn bei den Londonern hat ein Trainer grundsätzlich nicht die Aufgabe, als charismatischer Anführer eine Ära zu prägen, anders als zum Beispiel beim FC Liverpool, wo Jürgen Klopp ein langfristiges Projekt betreut - nach dem Vorbild von Bob Paisley und Bill Shankly. Von einem Chelsea-Trainer werden kurzfristig Titel verlangt. 

Trainer beim FC Chelsea - es gibt leichtere Jobs

Wer sich an der Stamford Bridge an die Seitenlinie stellt, muss sich im Klaren über die eigene Austauschbarkeit sein. Diese Herangehensweise ist kalt und unromantisch, doch sie funktioniert für Chelsea. Seit der Übernahme durch Abramowitsch im Sommer 2003 beschäftigten die "Blues" 14 Trainer, darunter illustre Namen wie José Mourinho, Carlo Ancelotti und Rafael Benítez. In dieser Zeit gewann der Verein jeweils fünfmal die Meisterschaft und den FA Cup, zweimal die Europa League und einmal die Champions League.   

Tuchel ist nicht als Fußball-Romantiker bekannt, im Gegenteil, er schien sich in Paris damit arrangiert zu haben, ein Trainer auf Zeit zu sein. Neben den erwarteten Titeln in den nationalen Wettbewerben führte er den Verein so nah an den ersehnten Gewinn der Champions League wie keiner seiner Vorgänger, nämlich bis ins Finale. Dort war in der abgelaufenen Saison erst gegen den FC Bayern Schluss. Auch bei Chelsea kann Tuchel erfolgreich sein - nur sollte niemand darauf wetten, dass der Erfolg von langer Dauer sein wird.

Stand: 26.01.2021, 10:32

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