JS Saint-Pierroise - 18.000-Kilometer-Reise für ein Pokalspiel

Blick auf Saint Pierre in La Réunion

Pokalwettbewerb in Frankreich

JS Saint-Pierroise - 18.000-Kilometer-Reise für ein Pokalspiel

Von Tim Beyer

18.000 Kilometer im Flugzeug für ein Spiel: Als Meister der Insel La Réunion nimmt JS Saint-Pierroise am französischen Pokal teil - und schreibt dort gerade Fußball-Geschichte.  

Wenn auf der Titelseite der französischen Sport-Tageszeitung "L‘Équipe" nicht Superstars wie Neymar oder Kylian Mbappé zu sehen sind, sondern jubelnde Amateurspieler von der Insel Réunion, dann muss etwas Besonderes passiert sein. Zwei Wochen ist es her, dass JS Saint-Pierroise den Zweitligisten Chamois Niort 2:1 besiegt und damit als überhaupt erst zweite Mannschaft aus Übersee die K.o.-Runde des französischen Pokals erreicht hatte. "Les clés du paradis", die Schlüssel zum Paradies, nannte das die "L‘Equipe".

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Am Tag nach dem Spiel trennte sich Niort von Trainer Pascal Planque. Im französischen Fernsehen aber zeigten sie lieber den Siegtreffer von Ryan Ponti, wieder und wieder. Man sah auch, wie die Spieler von Saint-Pierroise jubelten und mit ihnen die vielen mitgereisten Fans aus Réunion. Sogar die britische "BBC" berichtete.

Elliot Grandin ist der bekannteste Spieler bei JS Saint-Pierroise

Elliot Grandin ist der bekannteste Spieler bei JS Saint-Pierroise

"Das ist historisch, einfach außergewöhnlich", sagte Yves Etheve, der Präsident des Ligasystems von Réunion, der "L’Équipe". "Das geht über den Fußball hinaus. Es ist eine großartige Werbung für unseren Sport, aber auch für unsere Insel." Mehr als 9.000 Kilometer Luftlinie trennen die Insel Réunion, die knapp 700 Kilometer östlich von Madagaskar und 200 Kilometer entfernt von Mauritius im indischen Ozean gelegen ist, vom französischen Festland. Ein Flug dorthin dauert fast 14 Stunden.

Der Pokal und die Däumlinge

Der "Coupe de France" ist ein Pokal mit einer ganz eigenen Geschichte: Über 7.000 Teams nehmen jedes Jahr teil, die Profimannschaften überspringen die ersten Runden. Überraschungen gibt es immer wieder, etwa 2012, als der Drittligist US Quevilly Olympique Marseille und Stade Rennes besiegte und erst im Endspiel an Olympique Lyon scheiterte.

In Frankreich sei der Pokal auch deshalb sehr beliebt, sagt der Journalist Julien Duez sportschau.de: "Wir lieben es, wenn ein Underdog es schafft, einen großen Klub zu schlagen." Sie nennen das "Le Petit Poucet", der kleine Däumling. Es ist eine Hommage an das gleichnamige Märchen von Charles Perrault, in dem der jüngste von sieben Söhnen, bei der Geburt soll er kaum größer als ein Däumling gewesen sein, immer wieder sein eigenes Leben und das seiner Brüder rettet und es auch zu einigem Reichtum bringt.

Das Bayern München von La Réunion

Und ein solcher Däumling, das ist in diesem Jahr das Team von JS Saint-Pierroise. Teilnehmen am französischen Pokal dürfen nämlich auch Meister und Pokalsieger aus Übersee-Départments, aus Ländern also, die einst Kolonien waren und noch heute zu Frankreich gehören. Guadeloupe und Martinique zählen dazu, aber auch Réunion. Und dort, das ist für diese Geschichte von einiger Bedeutung, war die Frage nach dem Meister zuletzt ähnlich leicht zu beantworten wie in Deutschland, nur hieß die Antwort dort JS Saint-Pierroise und nicht Bayern München.

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Einundzwanzig Meistertitel hat Saint-Pierroise auf Réunion gewonnen, zuletzt vier in Folge. Dimitry Payet, der mit Frankreich 2016 Vize-Europameister wurde, hat als Kind für Saint-Pierroise gespielt, Roger Milla - in der Saison, bevor er 1990 mit Kamerun bei der Weltmeisterschaft für Furore sorgte - und Djibril Cisse waren auch mal da. 2015 war das, und Cisse im Herbst seiner Karriere, nach wenigen Monaten war er wieder weg.

"Spuren hinterlassen"

Bis zum Sommer hat auch Florent Sinama-Pongolle für Saint-Pierroise gespielt. Er ist auf der Insel geboren, hat 2008 ein Länderspiel für Frankreich bestritten und noch früher für den FC Liverpool gespielt. Beim Spiel gegen Niort war Sinama-Pongolle im Stadion, später sagte er der "L’Équipe": "Das Größte, was du im Fußball schaffen kannst, ist Spuren zu hinterlassen, die auch für zukünftige Generation noch sichtbar sind." Und das, so sieht es Sinama-Pongolle, hätten seine ehemaligen Mitspieler an diesem denkwürdigen Tag Anfang Januar geschafft.

Am Samstag (18.01.2020) trifft JS Saint-Pierroise in der Runde der letzten 32 auf den Viertligisten SAS Épinal. Seit einigen Tagen sind die Spieler wieder in Frankreich, sie haben gerade in einem Testspiel gegen eine B-Mannschaft des Zweitligisten AS Nancy 2:2 gespielt und bereiten sich nun auf das größte Spiel ihres Lebens vor. Der Mittelfeldspieler Elliot Grandin, 32, ein Franzose, der früher mal in der Premier League und der Ligue 1 gespielt hat, hat der "BBC" gesagt: "Für die Insel ist das bereits Fußballgeschichte, aber wir werden alles tun, um es auch in die nächste Runde zu schaffen." 

In Èpinal wohnen die Spieler von Saint-Pierroise in einem Hotel, nicht weit entfernt vom Stade de la Colombière. Wenn sie sich auf den Weg zum Stadion machen, werden sie auch über den "Chemin du Petit Poucet" gehen, den Weg der kleinen Däumlinge.

Stand: 16.01.2020, 11:40

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