Tuvalu und die FIFA - Kölner Mathematiker kämpft für kleinen Inselstaat

Sascha Duerkop, Tuvalu

Kleiner Inselstaat will in die FIFA

Tuvalu und die FIFA - Kölner Mathematiker kämpft für kleinen Inselstaat

Von Olaf Jansen

Auf Tuvalu gibt es keine Profis und nur ein einziges Stadion - trotzdem will der kleine Pazifikstaat in den Fußball-Weltverband FIFA. Ein Kölner Mathematiker mit Sammelleidenschaft soll dabei helfen.

Wenn Etimoni Timuani und seine Freunde mal wieder Lust auf eine Partie Fußball haben, machen sie sich auf den Weg zum Flughafen. Dort, auf der betonierten Landebahn des "Funafuti Airports", finden sie eine der wenigen Flächen Tuvalus, die genügend groß und flach ist, um einigermaßen spielen zu können.

Dabei verfügt der kleine pazifische Inselstaat auch über ein eigenes Stadion, den "Tuvalu Sports Ground". Doch das holprige Geläuf mit den paar restlichen Rasenflecken muss vor allem für Ligaspiele im Rugby herhalten und entsprechend geschont werden.

Das alles könnte natürlich besser sein - zum Beispiel, wenn man einen schönen Kunstrasenplatz hätte. Dafür aber fehlt das Geld. Tuvalu hat mit seinen gerade einmal 12.000 Einwohnern eine der kleinsten Volkswirtschaften der Welt.

Einnahmen generiert der Mini-Staat, der aus mehreren kleinen Atollen besteht und nur rund 25 Quadratkilometer Landmasse aufweist, beinahe ausschließlich aus dem Verkauf von Fischerei-Lizenzen. Und seit ein paar Jahren aus dem weitaus lukrativeren Vertrieb des Länderkennzeichens TV - die Domain ".tv" ist gewissermaßen der Verkaufsschlager Tuvalus.

"Zu klein, zu wenig Dokumentation"

Dennoch: Für so etwas wie Fußball gibt’s kein Geld auf Tuvalus Inseln - es müsste schon von außen kommen. Vom Fußball-Weltverband FIFA zum Beispiel. "Die haben doch Geld genug", sagt Soseala Tinilau, der Umweltminister des Landes, der gleichzeitig auch Präsident des Fußballverbandes ist.

Tuvalu

Tuvalus Hauptinsel Funafuti

Und so versuchen sie es seit Jahren mit großer Beharrlichkeit: Den ersten Versuch, der FIFA beizutreten, unternahmen Tinilau und seine Leute 2008. Damals besuchte Tuvalus damaliger Premierminister Apisai Ielemia Brüssel, um eine offizielle Vertretung in Europa zu eröffnen. Bevor er in den Pazifik zurückkehrte, machte er einen Abstecher nach Zürich und traf FIFA-Präsident Joseph Blatter. Vergeblich.

Ein zweiter Antrag wurde 2011 abgegeben - und erneut abgelehnt. Von "zu klein" über "zu wenig Infrastruktur" und "zu wenig Dokumentation" reichten die abschlägigen Argumente der FIFA, außerdem war die Inselgruppe ja noch nicht einmal vollwertiges Mitglied des Ozeanischen Fußballverbandes. Und auch dort wollte man nichts wissen von Tuvalu, wehrte alle Anfragen kommentarlos ab.

Vom Trikotsammler zum Verbandsfunktionär

Bis Sascha Düerkop aus Kerpen bei Köln auf den Plan trat. Düerkop, Mathematiker mit ausgeprägter Sammel-Leidenschaft von Fußball-Nationaltrikots, ist seit 2013 einer der wichtigsten Männer der CONIFA, einem Dachverband für Nationalmannschaften außerhalb der FIFA.

Sascha Düerkop

Sascha Düerkop

Damals hatte er auf einer Konferenz CONIFA-Mitgründer Per-Anders Blind kennengelernt. Und den schwedischen Unternehmer von seiner Hartnäckigkeit im Umgang mit Fußball-Funktionären und -Verbänden überzeugt. Denn genau das hatte Düerkop bei seiner jahrelangen weltweiten Korrespondenz mit potenziellen Trikot-Besitzern beinahe bis zur Perfektion gelernt.

Düerkop machte Karriere bei der CONIFA, erwies sich bei der Organisation der Europa- und Weltmeisterschaften des Verbandes als Macher und Mädchen für alles. Sowohl bei der WM 2014 in Östersund, wie auch bei der folgenden EM 2015 in Debrecen, der WM 2016 in Abchasien und schließlich der WM 2018 in London kümmerte er sich um die schwierigen Fälle.

Düerkop: "Kleine Pazifikstaaten sollten FIFA-Mitglieder werden"

Sportschau 12.01.2021 03:40 Min. Verfügbar bis 12.01.2022 ARD


Sascha Düerkop - Mann für die schwierigen Fälle

2014 beispielsweise rang er bis zum Eröffnungstag der WM um die Teilnahme eines Teams aus Darfur, einer von heftigen kriegerischen Auseinandersetzungen gebeutelten Region im Westen des Sudans. Erst drei Stunden vor Abflug erhielten die Spieler ein von der französischen Botschaft ausgestelltes Visum. Dass sich fast alle der 23 Team-Mitglieder in Schweden vom Team absetzten und untertauchten, war so nicht geplant von der CONIFA, aber letztlich eine menschlich erfolgreiche Mission: "Alle Spieler sind in Schweden sesshaft geworden, fanden Jobs und konnten dort ein neues Leben beginnen", berichtet Düerkop.

Die Integration isolierter oder nicht akzeptierter Minderheiten ist gewissermaßen Alltagsarbeit bei der CONIFA. Ans Herz wuchsen Düerkop in dieser Zeit rasch auch die Leute aus Tuvalu, die 2016 der CONIFA beigetreten waren. Er trat in Kontakt mit Soseala Tinilau und übernahm sozusagen nebenbei Tuvalus Kampf um Aufnahme in den Ozeanien-Verband und die FIFA. Schrieb einen Antrag, machte die Sache durch einen Fachartikel öffentlich, fragte nach und blieb dran. Zudem erhielt Tuvalu eine Einladung zur CONIFA-WM 2018 in London.

40 Reisestunden zur WM in London

Sport auf dem Airport von Tuvalu

Trainiert wird auf dem Flughafen von Tuvalu

Tinilau und seine Leute sagten zu. Was sich einfacher anhört als es ist, denn die Reise ist beschwerlich und vor allem: teuer. Die Reisekosten übernahm letztlich die Insel-Regierung. Auf ihrer 40-stündigen Flugreise, die pro Kopf rund 4.000 Euro kostete, musste das Team viermal umsteigen, kam völlig übermüdet in der englischen Hauptstadt an.

Um nur 24 Stunden später auf einem ungewohnten Kunstrasenplatz am Rande Nord-Londons sein erstes WM-Spiel zu bestreiten. Gegen "Szekely Land" aus Ungarn setzte es ein 0:4. Tags drauf kam es gegen Turnierfavorit Padanien aus Italien noch schlimmer: 0:8. Und als es auch gegen das Matabeleland aus Simbabwe eine 1:3-Niederlage setzte, spielte Tuvalu nur noch darum, nicht Letzter des Turniers zu werden.

Torschütze Timuani - bei Olympia als Sprinter dabei

Den ersten und einzigen eigenen Treffer erzielte Etimoni Timuani. Der Angestellte des staatlichen tuvaluischen Rentenfonds ist sportlich vielseitig einsetzbar. Bei den Pacific Games 2015 in Papua Neuguinea war Timuani als 100-Meter-Sprinter im Einsatz. Und er schaffte es sogar zur Leichtathletik-WM im gleichen Jahr in Peking, wo für ihn nach dem Vorlauf und einer Zeit von 11,72 Sekunden Schluss war.

2016 machte er als einziger Vertreter Tuvalus bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro Schlagzeilen. Als stolzer Fahnenträger seines Ein-Mann-Teams zog er ins Olympiastadion ein, wo er gegen Usain Bolt und Co. wenig später in den Vorläufen mit einer Zeit von 11,81 Sekunden naturgemäß den Kürzeren zog.

2018 spielt er wieder im Fußball-Nationalteam, was in Tuvalu durchaus nichts Ungewöhnliches ist. Mangels Masse an starken Sportlern sind Tuvalus Athleten eher breit aufgestellt. Timuanis Passgeber zu seinem Tor gegen Matabeleland war Okilami Tinilau, der 2008 bei den Olympischen Spielen dabei war. Der Routinier im Mittelfeld hält noch heute gleich vier Rekordmarken in der Leichtathletik seines Landes: über 100 und 200 Meter sowie im Weit- und Dreisprung.

Klimaerwärmung - Angst vor dem Untergang

Soseala Tinilau

Soseala Tinilau (mitte)

Eigentlich hat Tuvalu andere, drängendere Probleme als Fußball. Die Klimaerwärmung und deren Auswirkungen allen voran. In den vergangenen 25 Jahren stieg weltweit der Meeresspiegel durchschnittlich um etwa sieben Zentimeter an. Pazifikinseln wie Tuvalu gelten als erste Fleckchen Erde, die untergehen werden, wenn sich der Trend fortsetzt. Berechnungen zufolge wird der Großteil Tuvalus schon in diesem Jahrhundert unbewohnbar, wenn der prognostizierte Anstieg des Meeresspiegels von 40 Zentimetern Wirklichkeit wird.

Eine Umsiedlung der Bevölkerung, zum Beispiel nach Neuseeland, steht im Raum. Diese Idee trifft aber auf den harten Widerstand von Leuten wie Tuvalus Fußball-Generalsekretär Mati Fusi, der aktuell auch als Trainer der Nationalmannschaft in Amt und Würden steht. "Der Klimawandel und die Folgen der Umweltzerstörung sind nicht ein Problem Tuvalus, sondern der ganzen Welt", findet Fusi. Eine Umsiedlung sei daher in seinen Augen keine Lösung, weil sie nur die Folgen, nicht aber die Ursachen bekämpfe: "Wenn wir nicht so schnell wie möglich wirklich entschlossen beginnen, eine kleine Inselgruppe wie Tuvalu zu retten, verlieren wir bald die ganze Welt", sagt er.

Ein Schritt in Richtung Nachbarschaft

Tuvalu soll bleiben - und der Fußball sich entwickeln. Den Traum von der Mitgliedschaft im Weltverband wollen sie hier nicht aufgeben. "Vielleicht müssen wir da mit unseren Nachbarn zusammenarbeiten. Mit Fidschi zum Beispiel", glaubt Tinilau.

Die FIFA hat mitgeteilt, es müsse ein mindestens 3.000 Zuschauer fassendes Heimstadion zur Verfügung stehen und genügend Hotelkapazität, um beispielsweise ein kleineres Turnier ausrichten zu können. Beide Bedingungen erfüllt Tuvalu aktuell nicht. "Die Fidschis haben diese Kapazitäten. Vielleicht wäre es gut, wenn wir zunächst dort Heimspiele austragen könnten", sagt Tinilau.

Die Republik Fidschi rangiert derzeit auf Rang 164 der FIFA-Weltrangliste. Vor Jahren schaffte man es beinahe einmal in die Top 100. Die Platzierung ist den Fußballbegeisterten auf Tuvalua erst einmal egal - dabei sein ist für sie tatsächlich alles.

Stand: 27.01.2021, 08:45

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