Die Renaissance von Inter Mailand

Inters Investor Steven Zhang, Antonio Conte, Romelu Lukako vor dem Logo von Inter Mailand

Europa League Finale

Die Renaissance von Inter Mailand

Von Christian Mixa

Inter Mailand, Gegner des FC Sevilla im Europa-League-Finale, ist nach dürren Jahren wieder in der europäischen Spitze angekommen. Auch dank der Investitionen des Besitzers aus China.

Es ist das derzeit spektakulärste Transfergerücht: Dass Lionel Messi zur kommenden Saison im Trikot von Inter Mailand auflaufen wird. Aber es ist eben auch nur ein Gerücht. Im Wesentlichen entstanden daraus, dass das Bild der Barca-Ikone Ende Juli auf einmal als riesige Projektion auf dem Mailänder Dom erschien. Fast zeitgleich mit der Meldung, dass die Familie des Argentiniers eine Luxus-Immobilie in Mailand gekauft habe.

Gegen einen bevorstehenden Wechsel des Weltfußballers, beim schwer angeschlagenen Barca in der Sinnkrise, sprechen wiederum mehrere, gewichtige Tatsachen: Zum einen ist in Messis Vertrag eine Ablösesumme von 700 Millionen Euro festgeschrieben. Außerdem ein Jahresgehalt, das sich im Bereich von 50 Millionen Euro bewegen soll. Andererseits: Wenn es einen Verein gibt, der im Moment überhaupt in der Lage wäre, einen solchen Mega-Deal finanziell zu stemmen, dann ist es wohl Inter Mailand.

Übernahme 2016 durch Suning-Konzern

Seit 2016 ist der Traditionsklub im Mehrheitsbesitz des chinesischen Großkonzerns Suning, der bei Inter zunächst 68 Prozent übernahm. Den Rest der Anteile kaufte im vergangenen Jahr die chinesische Investfirma Lionrock, die wiederum an Suning Sports, einer Tochtergesellschaft der Suning-Holding beteiligt ist. Seitdem haben die Chinesen bei Inter komplett das Sagen, es ist die erste Übernahme eines großen europäischen Klubs durch Investoren aus China.

Suning ist ein chinesischer Handelsriese. Neben Kaufhäusern und Elektromärkten mischt der Konzern auch im Geschäft mit Sportrechten mit: unter anderem als Mehrheitseigner des Streamingdienstes PPTV, der die Übertragungsrechte an allen großen europäischen Ligen besitzt.

Der Plan der Chinesen bei Inter

Von den Chinesen stammte auch die Idee mit der Messi-Installation auf dem Mailänder Dom, damit wollten sie das Duell zwischen Inter und Neapel auf der hauseigenen Plattform bewerben. Dies ist auch ein Zeichen dafür, dass sie sich den europäischen Renommierklub nicht nur aus Prestigegründen zugelegt haben, wie etwa die arabischen Eigner von PSG oder Manchester City.

Der Suning-Konzern verfolgt bei Inter einen Plan: Sie wollen ein globales Sport-Imperium aufziehen, mit weiteren Investitionen in Sportrechte und Vermarktungsagenturen. Und mit Inter als Aushängeschild: Der Verkauf von Fanartikeln der Nerazzuri in Supermärkten und den vielen anderen Suning-Filialen im Land soll die Umsätze weiter ankurbeln und noch mehr Inter-Fans in Fernost gewinnen.

Renaissance bei Inter - auch sportlich

Bei den Fans in Italien gab es nur zu Beginn Vorbehalte gegenüber den neuen Eignern, die sich die neben Juventus wertvollste Marke des Calcio unter den Nagel gerissen hatten: "Die Fans haben schnell gemerkt, dass sie bei Inter, bis dahin ein völlig chaotisch geführter Klub, wieder eine vernünftige Struktur hineinbringen wollten", sagt Nima Tavallaey Roodsari, Herausgeber eines Inter-Podcasts auf der Plattform "sempreinter.com". "Kritik gab es eher daran, dass Suning am Anfang nicht noch mehr Geld investiert hat."

Präsident Steven Zhang, Sohn des Suning-Patrons, räumte im Management auf, installierte mit Ex-Juventus-Manager Giuseppe Barotta einen erfahrenen Sportvorstand, der als rechte Hand und Vertrauter des jungen Inter-Bosses gilt. Auch den Bau eines neuen Stadions, als Ersatz für das marode San Siro, treibt die Zhang-Familie voran, gemeinsam mit dem Lokalrivalen Milan. Außerdem wurde kräftig in das heruntergewirtschaftete Team investiert: Vor allem die Ankunft von Antonio Conte im vergangenen Sommer leitete die sportliche Renaissance der Internazionale ein, auch wenn es in der Meisterschaft nur zum zweiten Platz hinter Abo-Meister Juve reichte. Dafür ist die Qualifikation für die Champions League gesichert, auch schon vor dem Europa-League-Finale am Freitag (21.08.2020) gegen den FC Sevilla.

Ein Hauch vom Triple-Inter unter Mourinho

Bei der 5:0-Demontage von Schachtjor Donezk im Halbfinale konnte man fast Mitleid bekommen mit Inters Gegner: Wohl selten hat eine Offensive, dazu noch mit spielfreudigen Brasilianern bestückt, in einem europäischen Halbfinale so hilflos ausgesehen wie Donezk. Ebenso humorlos schlugen die Mailänder auf der anderen Seite, im gegnerischen Strafraum zu. Dies erinnerte manchen Beobachter an die legendäre Triple-Saison 2010 unter José Mourinho, als die versammelte europäische Spitze, inklusive Messis Barcelona und der FC Bayern im Finale, an Inters Abwehrschirm abprallte. Und vorne Spieler wie Wesley Sneijder, Samuel Eto’o, und Diego Milito die Tore zum bislang letzten Europapokal-Triumph besorgten.

Die aktuellen Ausnahmekönner in der Offensive heißen Romelu Lukaku, Lautaro Martinez oder Alexis Sanchez. Doch ähnlich wie zuletzt vor zehn Jahren zeigt sich Inter insgesamt als taktisch beängstigend gut eingestelltes Team, mit einem kompakten Mittelfeld um den Dauerläufer Marcelo Brozovic, das ständig Druck auf den Gegner ausübt, vor allem auf den Außenbahnen, und die Wege in den Strafraum konsequent verbarrikadiert.

Diskussion um Conte vor dem Europa-League-Finale

Auch dies trägt die Handschrift von Conte, der es wie kaum ein zweiter Coach versteht, seine Spieler zu einer verschworenen Truppe zusammenzuschweißen, die wild entschlossen ist, seinen Plan umzusetzen. Zu Conte gehört aber auch ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein und ein schwer kontrollierbares Temparament, mit dem er sich schon bei früheren Klubs Feinde gemacht hat, wie jetzt auch bei Inter.

Im Ärger um die verpasste Meisterschaft setzte der Coach vor kurzem öffentlich zum Rundumschlag an: Gegen die Medien, die es im Zweifel immer mit dem ewigen Rivalen Juventus halten. Aber auch gegen die Besitzer, denen er mangelnde Rückendeckung vorwarf, und übertriebene Sparsamkeit. Im Anschluss ruderte er zwar zurück, doch die Chinesen waren empfindlich getroffen. Deswegen wird in Italiens Medien auch heftig darüber spekuliert, ob Conte über das Europa-League-Finale hinaus Trainer bei Inter bleibt.

Mailand träumt weiter von Messi

Ein Sieg gegen Sevilla, gleichbedeutend mit dem ersten Titel nach neun dürren Jahren, würde Conte sicherlich helfen. Und im kommenden Sommer, so hofft man in Mailand, wenn Messi ablösefrei ist, bringen die Bosse aus China dann tatsächlich den besten Fußballer der Welt zu Inter.

Stand: 20.08.2020, 14:00

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