FC Sevilla vs. Inter Mailand - ein ungleiches Duell

Das Finale der Europa League: FC Sevilla gegen Inter Mailand in Köln

Europa-League-Finale

FC Sevilla vs. Inter Mailand - ein ungleiches Duell

Von Tim Beyer

Inter Mailand mag die besseren Einzelspieler haben, aber es ist Europa League und da haben sie beim FC Sevilla zuletzt in einiger Regelmäßigkeit große Erfolge gefeiert. Ein Überblick vor dem Finale.

Es sind keine ganz leichten Zeiten für Spaniens Fußball. Die Halbfinals der Champions League fanden gerade ohne einen einzigen Klub aus Spanien statt, zuletzt war das vor 13 Jahren so: Real Madrid war schon im Achtelfinale gescheitert, der FC Barcelona und Atlético Madrid eine Runde später. Immerhin haben sie in Spanien noch den FC Sevilla - und der steht mal wieder im Finale der Europa League.

In der Wertschätzung spanischer Medien jedenfalls erlebt der FC Sevilla in diesen Tagen ein geradezu historisches Hoch. Bei der Fachzeitschrift "Marca", bei der man es sonst eher mit Barca hält, war zu lesen, Sevilla sei der "Stolz Spaniens". Und die Konkurrenz von "AS", in Madrid beheimatet und eher nicht bekannt für eine sehr kritische Berichterstattung über Real, überlegte gar, die Europa League gleich in "Sevilla League" umzubenennen.

Ganz so leicht sollte man es sich dann aber doch nicht machen, schließlich erlebt auch Inter Mailand, der Finalgegner am Freitagabend, gerade eine unerwartete Renaissance. Man kann sich da schon fragen: Was spricht vor dem Endspiel eigentlich für den FC Sevilla und was für Inter Mailand? Ein Überblick.

Die Europa-League-Bilanz

Man muss tatsächlich einige Jahre zurückschauen, um den letzten Titel einer italienischen Mannschaft im zweitwichtigsten europäischen Pokalwettbewerb zu finden. Im Sommer 1999, da hieß der Wettbewerb noch UEFA-Cup und nicht Europa League, war das, damals gewann der AC Parma (heute Parma Calcio 1913) mit Spielern wie Gianluigi Buffon, Lilian Thuram oder Hernan Crespo im Finale 3:0 gegen Olympique Marseille. Inter Mailand hat den Pokal bislang dreimal gewonnen, zuletzt 1997/98, der Gegner damals: Lazio Rom.

Man wird hingegen sehr schnell fündig, wenn man nach Titeln des FC Sevilla sucht, es sind immerhin einige. Am Ende der Spielzeit 2005/06 gewann der Klub aus Andalusien zum ersten Mal, es folgten vier weitere Titel, niemand hat den Wettbewerb öfter gewonnen. Am Freitag, da sind sie sich bei der Zeitung "AS" sicher, wird Titel Nummer sechs hinzukommen. "Wenn das Team erst einmal im Viertelfinale steht, treten die Spieler immer in eine mystische, himmlische Dimension, die sie unweigerlich und unabhängig von Umständen zum Titelgewinn führt." Na dann.

Einen wie Romelu Lukaku hat Sevilla nicht

Kürzlich wurde José Castro, der Präsident des FC Sevilla, gebeten, er möge doch die finanziellen Möglichkeiten seines Vereins einmal beschreiben. "Alle drei Gegner, die wir in diesem Turnier ausgeschaltet haben, hatten deutlich größere Budgets als wir", sagt Castro und meinte damit die AS Rom, die Wolverhampton Wanderers und Manchester United. Und im Finale, sagt Castro, werde sich das auch nicht ändern. "Inters Etat ist mehr als doppelt so hoch wie unserer, außerdem spielen sie ein hervorragendes Turnier. Aber wir mögen schwierige Aufgaben."

Eine schwierige Aufgabe wird das ganz sicher für Sevilla, das zwar über einige hervorragende Fußballer, allen voran Èver Banega oder Lucas Ocampos, verfügt, doch die hat Inter auch. Man muss sich ja nur einmal in Erinnerung rufen, dass zuletzt oft Spieler wie Christian Eriksen oder Alexis Sánchez auf der Bank saßen. Einen Spielmachertyp wie Eriksen, so war in Italien zu lesen, mag Conte gar nicht so gerne, er passt eher nicht perfekt ins System. Dass auch Sánchez oft nur Joker ist, hat dann tasächlich mit einigen kleineren Verletzungen zu tun - aber eben auch mit der Klasse der Konkurrenz: Lautaro Martínez war nie besser und einen wie Romelu Lukaku hat Sevilla auch nicht.

Antonio Conte oder Julen Lopetegui - eine Frage des Systems

Das Duell zwischen dem FC Sevilla und Inter Mailand wird aber unweigerlich auch zu einem der Trainer, es wird dann auch um die Taktik gehen. In Sevilla heißt der Trainer seit einem Jahr Julen Lopetegui, 53, der hat zuvor auch schon Spaniens Nationalmannschaft und Real Madrid trainiert, war dabei aber ohne Titelgewinn geblieben. Mancher in Spanien wird sich noch an die WM 2018 erinnern, bei der Lopetegui eigentlich die Nationalmannschaft trainieren sollte, aber noch vor dem ersten Spiel entlassen wurde, weil er zuvor seinen Wechsel zu Real bekanntgebeben hatte.

Lopetegui lässt eigentlich immer in einem 4-3-3 spielen, das mitunter zu einem 4-2-3-1 wird, die Übergänge sind fließend. Das ist dann oft sehr nett anzusehen, mit vielen kurzen Pässen, beinahe Tiki-Taka, es ist aber auch erfolgreich. In La Liga wurde Sevilla gerade Dritter - hinter Real und Barca, aber noch vor Atlético. Inter und Conte wurden in Italiens Serie A immerhin Zweiter, es fehlte nur ein Punkt auf Serienmeister Juventus.

Conte lässt Fußball ganz anders spielen als Lopetegui, rustikaler, auch nicht so anschaulich und eigentlich immer in einem 3-5-2. Dafür hat der Trainer Conte im Vereinsfußball bislang eigentlich überall Titel gewonnen, in Bari, bei Juve und mit Chelsea, nur mit Inter ist er noch ohne. Conte sagt: "Wir wollen den Pokal zurück nach Italien bringen."

Sevilla ist seit 20 Spielen ungeschlagen

Gut in Form sind vor diesem Endspiel beide Mannschaften. Inter hat sich in diesem Europa-League-Finalturnier stetig gesteigert, das 5:0 im Halbfinale gegen Donezk war vielleicht der beste Auftritt in dieser Saison. Außerdem hat Inter in den letzten sieben Pflichtspielen nur einen einzigen Gegentreffer kassiert, auch das ist beeindruckend. "Wir haben bewiesen, dass Inter bereit ist für große Dinge und für das Finale", sagt Lautaro Martinez - und wer mag ihm da schon widersprechen?

Sevilla hingegen ist sogar seit Februar ungeschlagen und stellt kürzlich einen Vereinsrekord auf: 20 Spiele ohne Niederlage, das gab es noch nie. "Das Wort Team hat bei uns eine ganz große Bedeutung", sagt der Trainer Lopetegui. "Harte Arbeit, Solidarität und ein ausgeprägtes Gemeinschaftsgefühl helfen uns, auch große Herausforderungen zu überwinden."

mit Material von sid und dpa | Stand: 20.08.2020, 19:06

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