Bochum, Kiel, Osnabrück - zweistelliges Trio in der 2. Liga

Alexander Mühling, Benjamin Schmedes, Thomas Reis

Die Mannschaften hinter dem HSV

Bochum, Kiel, Osnabrück - zweistelliges Trio in der 2. Liga

Von Marcus Bark

Der Hamburger SV führt die Tabelle der 2. Liga souverän an. Das Trio dahinter mit zweistelliger Punktzahl freut sich über den gelungenen Saisonstart. Warum es beim VfL Bochum, Holstein Kiel und dem VfL Osnabrück gut läuft.

Freunde der deutschen Sprache werden die Nase rümpfen, wenn sie das Wort hören. Aber beim VfL Bochum trugen sie es einst voller Stolz auf der Brust. Die "Unabsteigbaren" waren seit 1971 häufig nahe dran, rettete sich aber immer, bis es sie dann 1993 doch erwischte. Danach entwickelte sich der Klub zu einer "Fahrstuhlmannschaft". Auch kein schönes Wort, aber immerhin mal zwischendurch wieder Bundesliga, zweimal schaffte es der VfL sogar in den UEFA-Pokal, der in die Europa League überging.

Seit 2010 stockt der Fahrstuhl jetzt in der 2. Liga, länger ist kein anderer der aktuellen Klassenrivalen dabei. Die Furcht, dass es weiter nach unten geht, war seitdem häufiger vorhanden als die Hoffnung, mal wieder die Bayern, Schalke oder Borussia Dortmund zu einem Ligaspiel an der Castroper Straße begrüßen zu dürfen.

Zarte Hoffnung

Derzeit keimt sie wieder, die Hoffnung. Ganz zart allerdings, denn es steht erst der siebte Spieltag an. Daher spricht Sebastian Schiendzielorz auch von einer "schönen Momentaufnahme". Der Geschäftsführer Sport des VfL ist einer - um bei schlimmen Fußballvokabeln zu bleiben - mit Stallgeruch. Er kam zum VfL, als er neun Jahre alt war, und ging als Profi nach einigen Zwischenstationen mit 34.

Acht Jahre lang spielte er in der Ära Fahrstuhlmannschaft zusammen mit Thomas Reis, der heute Cheftrainer der Profis ist, nachdem er viele Jahre als Trainer der VfL-Frauen, Amateure, U19 oder Assistent des Chefs dem Klub diente. Eindeutig Stallgeruch.

Vor dem Spiel am Samstag (07.11.2020) gegen die SpVgg Greuther Fürth wurde Schiendzielorz gefragt, ob es "vor allem schön oder auch ein bisschen anstrengend" gewesen sei, weil der VfL nach dem Sprung auf einen Aufstiegsplatz sogar überregional mal wieder ein bisschen Aufmerksamkeit bekommen habe. "Es stört definitiv nicht und ist auch nicht anstrengend, sich über Themen wie den zweiten Tabellenplatz zu unterhalten. Da hatten wir gerade zu Beginn der vergangenen Saison Themen, die waren wesentlich anstrengender", sagte der Sportchef.

In der vergangenen Saison holte der VfL nur zwei Punkte aus den ersten fünf Spielen. Schindzielorz holte seinen guten Bekannten Reis, der zum VfL Wolfsburg gewechselt war und dort drei Jahre lang die U19 trainiert hatte. Es wurde solide gepunktet, aber in der engen Liga dauerte es lange, bis der Klassenerhalt feststand.

Thomas Reis, Trainer des VfL Bochum

Sehr solide Arbeit: Thomas Reis

Thomas Reis entwickelte die Mannschaft in kleinen Schritten in die richtige Richtung, vor allen Dingen wieder zu einer Mannschaft. "Es ist etwas gewachsen in den vergangenen Monaten, ein Zusammenhalt", sagte Schindzielorz in einem Gespräch mit dem Sport-Informationsdienst, das als Beleg für das überregionale Interesse schon reicht.

"Hier, wo das Herz noch zählt, nicht das große Geld", heißt es in Herbert Grönemeyers Hymne "Bochum". Klingt romantisch, trifft aber aktuell zu, auch weil sie das große Geld nie hatten und vermutlich nie haben werden.

"Wir haben schon Punkte verschenkt"

Thomas Reis holte 1,57 Punkte im Schnitt, seitdem er im September 2019 als Chef begann. Diesen Wert muss er steigern, um tatsächlich um den direkten Aufstieg mitspielen zu wollen. Für die Saison liegt er bei einem Schitt von 1,83, und niemand wird Reis widersprechen, wenn er sagt: "Wir haben schon Punkte verschenkt." Zum Auftakt holte der FC Sankt-Pauli mit zwei späten Treffern einen 0:2-Rückstand in Bochum auf, bei Eintracht Braunschweig verlor der VfL trotz einer 1:0-Führung und späterer Überzahl.

"Ein wesentlicher Punkt ist, die einfachen Dinge gut zu machen. Sei es in der Vorbereitung auf ein Training, im Training selbst, in der Vorbereitung auf ein Spiel und dann natürlich im Spiel. Sich auf das zu fokussieren, was man beeinflussen kann, hilft enorm", sagte Schindzielorz auf die Frage der Sportschau, wie der VfL das Niveau halten und noch steigern will. Weitere Faktoren: "Gerade in der gegenwärtigen Pandemie-Situation kann es von Vorteil sein, wenn man von Corona-bedingten Absagen oder Ausfällen weitestgehend verschont bleibt. Auch Verletzungen oder Sperren können eine Rolle spielen."

Bester Torschütze aus dem Mittelfeld

In der Tabelle der 2. Liga ist es eng hinter dem Hamburger SV, der am Montag das Topspiel bestreitet. Holstein Kiel - elf Punkte wie der VfL Bochum - empfängt den Spitzenreiter als Tabellendritter.

Kiels Alexander Mühling

Schlüsselspieler bei der KSV Holstein Kiel: Alexander Mühling

Nur sieben Tore benötigte die KSV, um die Punkte zu sammeln. Zwei Eigentore und fünf Treffer, die sich auf Alexander Mühling und Janni Serra verteilen, gelangen den Kielern. Mühling gelangen als Mittelfeldspieler drei Tore. Damit unterstrich er seine Schlüsselrolle, die ihm Geschäftsführer Uwe Stöver zusprach, als im April ein neuer Vertrag unterschrieben worden war. "Wir haben eine wahnsinnig tolle Entwicklung genommen", sagte Mühling damals.

Zur wichtigen Achse bei Holstein gehört auch Jonas Meffert, der im zentralen Mittelfeld wichtige Arbeit verrichtet, ohne damit groß aufzufallen. Er spielt jetzt im dritten Jahr bei den Kielern, die im Sommer nur wenig Bewegung im Kader hatten, zumindest unter den Spielern des Stamms.

Die von Mühling angesprochene Entwicklung geriet zu Beginn der vergangenen Saison ins Stocken. Ein paar Wochen später als der VfL Bochum beurlaubte die KSV ihren Trainer. Auf André Schubert folgte - zunächst für zwei Spiele als Interimstrainer - Ole Werner, der zuvor die Reserve von Holstein trainierte. Seitdem holte er im Schnitt 1,44 Punkte. Das wird zu wenig sein, um den Platz halten zu können.

Osnabrück noch ohne Niederlage

Die einzige Mannschaft ohne Niederlage außer des HSV ist der VfL Osnabrück. Das erstaunt aus mehreren Gründen. Zum einen, weil die Osnabrücker vor der Saison ihren Trainer Daniel Thioune verloren - eben an jenen HSV. Zum anderen hat der VfL ein schwieriges Programm hinter sich mit Auswärtspartien bei Greuther Fürth und dem VfL Bochum. Beide Partien endeten unentschieden. Die beiden Siege gelangen gegen Hannover 96 und den SV Sandhausen, ebenfalls Klubs, die höher eingeschätzt wurden als der 13. der Vorsaison.

VfL Osnabrücks Sportdirektor Benjamin Schmedes

Kein Wikipedia-Eintrag, aber ein glänzendes Netzwerk: Benjamin Schmedes

Harald Pistorius begleitet den VfL als Reporter der "Neuen Osnabrücker Zeitung" seit nahezu 40 Jahren. Er führt den guten Saisonstart vor allem auf die gute Arbeit von Benjamin Schmedes zurück.

"Prototyp des neuen Managers"

Pistorius bezeichnet den Sportdirektor als "Prototyp des neuen Managers". Schmedes war kein bekannter Profi, er fiel auch in seinen acht Jahren beim Hamburger SV kaum jemandem auf. Dort arbeitete er als Scout und in anderen Bereichen.

Schmedes, der Sportmanagement studierte, ist nun seit drei Jahren beim VfL Osnabrück in der ersten Reihe. Er hat zwar immer noch keinen Eintrag bei Wikpedia, dafür aber die Telefonnummer von Ramón Planes. Oder er verfügte über die Kontakte, ein Gespräch mit dem Sportdirektor des FC Barcelona zu bekommen. Im Ergebnis steht jedenfalls fest: Schmedes schaffte es, Ludovit Reis vom katalanischen Nobelklub auszuleihen, der 2019 mehr als drei Millionen Euro an den FC Groningen für den Mittelfeldspieler bezahlte.

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Christian Santos, der schon drei Tore in dieser Saison schoss, kam von Deportivo La Coruña aus der dritten spanischen Liga. Zuvor spielte er in den Niederlanden und Belgien, geboren wurde er in Venezuela. Er wuchs allerdings in Deutschland auf, spielte für den SV Lippstadt und Arminia Bielefeld. Über sein Netzwerk wurde Schmedes auf den Stürmer aufmerksam.

Sebastian Kerk und Etienne Amenyido sind zwei weitere Vwrpflichtungen, die bislang in Osnabrück überzeugten. Sie nutzen ihre weitere, vielleicht schon ihre letzte Chance im Profifußball.

Als Nachfolger von Thioune holte Schmedes den 48 Jahre alten Marco Grote. Es ist dessen erste Station als Cheftrainer einer Profimannschaft, nachdem er zuvor zwölf Jahre lang Jugendmannschaften von Werder Bremen trainiert hatte. Der VfL Osnabrück zeigt, dass es auch ohne Stallgeruch geht.

Stand: 06.11.2020, 08:00

2. Bundesliga | Tabelle

RangTeamSP
1.Greuther Fürth918
2.VfL Bochum917
3.Hamburger SV917
4.Holstein Kiel916
5.VfL Osnabrück916
 ...  
16.E. Braunschweig98
17.FC St. Pauli97
18.Würz. Kickers94

Der VfL Osnabrück in den Medien

Holstein Kiel in den Medien

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