Fan-Rückkehr - Diszipliniert im Zeichen der Hygiene

Fans von Eintracht Frankfurt tragen Masken im Stadion

Verhalten der Zuschauer

Fan-Rückkehr - Diszipliniert im Zeichen der Hygiene

Von Frank Hellmann (Frankfurt) und Marcus Bark (Dortmund)

Für den Stadionbesuch gelten neue Regeln. In Frankfurt legen zum Bundesliga-Start die zugelassenen 6.500 Zuschauer ein fast vorbildliches Verhalten an den Tag, das nicht nur Lob vom Stadionsprecher verdient. In Dortmund lief auch vieles gut, aber vor dem Stadion kam es zu Problemen.

Es hatte was von Gänsehaut-Stimmung, als am Samstag (19.09.20) um 14.45 Uhr in der Frankfurter Arena lauter Jubel losbrach. Dabei waren die blauen Sitzschalen zu diesem Zeitpunkt nur spärlich besetzt, was indes genügte, um allein das Warmlaufen von Kevin Trapp zum ersten emotionalen Aufreger werden zu lassen. Der Beifallssturm war so laut, dass der Nationaltorwart sichtlich gerührt gleich mehrfach die Hände hob.

Keine Frage: Das Verhalten der zugelassenen 6.500 Zuschauer in der Heimspielstätte von Eintracht Frankfurt beim Bundesliga-Start gegen Arminia Bielefeld (1:1) stand mindestens ebenso im Blickpunkt wie der sportliche Vergleich gegen den Aufsteiger. Stadionsprecher Bartosz Niedzwiedzki sprach hernach den Heimfans ein großes Lob aus: "Das hat wunderbar funktioniert. Danke für die Kooperation." Die Stimme der Eintracht hatte damit durchaus den Ton getroffen.

Sitzplan wird eingehalten

198 Tage nach dem letzten Heimspiel mit Zuschauern - dem DFB-Pokal-Viertelfinale gegen Werder Bremen (2:0) - sorgten die Fans zum einen für eine Atmosphäre, die sich wieder nach Bundesliga-Fußball anfühlte, zum anderen wirkten sie aber ausgesprochen diszipliniert. "Für den ersten Schritt in die Normalität", riet Niedzwiedzki vor Anpfiff, "müssen wir einige Auflagen im Hygienekonzept beachten. Wenn ihr essen oder rauchen wollt, dann bitte nur am Platz."

Zuschauer trotz Corona: Fans top, Funktionäre flop

Sportschau 20.09.2020 02:32 Min. Verfügbar bis 20.09.2021 ARD Von Jan Wochner

Bei der Ticketzuteilung hatte die Eintracht einen Belegungsplan hinterlegt, bei dem jeweils vier Plätze nach rechts und links frei blieben, zudem nach vorne und hinten mehr als 1,50 Meter Abstand eingehalten werden sollten. Dieser Zuteilung wurde auch dem Anschein nach artig Folge geleistet. Unter diesen Bedingungen war das Singen nicht nur erlaubt, sondern auch gewünscht: Das kleine Faltblättchen zum Spieltag führte im hessischen Dialekt die Aufforderung: "… und damit’s nach em volle Hüttsche klingt, wär’s schee, wenn ihr 8mal lauter singt …" Als die Eintracht-Hymne "Im Herzen von Europa" erklang, grölten viele tatsächlich so inbrünstig, als müssten sie für die fehlenden Mitstreiter mitsingen. Hinterher sparte auch Arminia-Trainer Uwe Neuhaus nicht mit Komplimenten: "Das war ein kleiner Anfang mit einer schönen Atmosphäre. Man hatte den Eindruck im Stadion, es interessiert sich wieder jemand für uns."

Kein Gedränge an den Kiosken

An den Verkaufsständen blieb es vergleichsweise ruhig. Zum einen, weil 6.500 Besucher in einem für 51.500 Zuschauer ausgelegten Fußballstadion nur 12,6 Prozent der zulässigen Kapazität bedeuten. Zum anderen vielleicht aber auch, weil kein Alkohol zu haben war. Darauf hatten sich die Vereine auf einer Liga-Versammlung bereits vor Wochen verständigt, auch das Verbot von Gästefans und der Verzicht auf Stehplätze - bis auf die Ausnahme Union Berlin - war damit verknüpft.

Was indes auf der Anreise im Frankfurter Stadtwald auffiel: Viele Fans schlürften auf dem Hinweg ihr mitgebrachtes Bierchen aus Halbliter-Dosen, auch der beliebte "Fan Treff Waldstadion" in unmittelbarer Nähe des Haupteingangs verkaufte alkoholische Getränke. Eine kleine Gruppe schleppte eine ganze Kiste Apfelwein an - aber das blieb die Ausnahme.

Positiv: Beinahe vorbildlich wurden die Abstände auf den Tribünen, Treppen oder Umläufen eingehalten - besser als auf jedem Wochenmarkt oder in den Einkaufszentren der Mainmetropole. Die Eintracht hatte mit Sprühfarbe auf dem Pflaster zudem klar gekennzeichnet, wie die notwendige Distanz zum Vordermann einzuhalten sei. Vor dem großen Eintracht-Fanshop unter der Haupttribüne bildete sich eine Stunde vor Anpfiff eine lange Schlange, denn der Zutritt war streng reglementiert - auch hier gab es nichts zu beanstanden.

Gesundheitsamt fordert Verstärkung

Beim Abendspiel in Dortmund sah im Stadion auch alles bestens aus. Der Verein und auch die Politik zogen ein zufriedenes Fazit. "Kompliment an das Publikum für ein in jeder Beziehung diszipliniertes Verhalten", sagte Dortmunds Oberbürgermeister Ullrich Sierau in einer vom BVB verbreiteten Meldung. Dass nur 9.300 statt der möglichen 10.000 Zuschauer den 3:0-Sieg der westfälischen Borussia sahen, lag an einem vorgeschriebenen Verteilungsschlüssel. So musste die große Mehrheit der Käufer unter anderem einen Erstwohnsitz in Dortmund haben, um den Zuschlag zu bekommen. Dieses Kontingent wurde nicht voll ausgeschöpft.

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Von 16 bis 17 Uhr war der Eintritt für jeden Ticketinhaber möglich. Danach gab es zugeteilte Slots im Abstand von 15 Minuten, um den Andrang zu entzerren. Vor der ersten Kontrolle der Eintrittskarte kam es dabei zumindest am Eingang zur Südtribüne zu Warteschlangen, in denen die Mindesabstände missachtet wurden. "Wir brauchen hier Verstärkung", forderte eine Mitarbeiterin des Gesundheitsamtes, die mit zwei Kollegen den Zustrom beobachtete. Nach einer Aufforderung des Ordnungsdienstes rückten die Fans ein bisschen auseinander, von einem Abstand von 1,5 Metern waren sie aber meistens deutlich entfernt.

Der Einlass ist in Dortmund sicher noch verbesserungswürdig, nach dem Passieren der Stadiontore gab es keine auffälligen Verstöße gegen das Hygienekonzept, vielmehr war eine disziplinierte Einhaltung zu beobachten.

Zuschauer tragen artig Mund- und Nasenschutz

Auch in Frankfurt trugen die Besucher artig den geforderten Mund- und Nasenschutz auf den Zuwegen, in den Umläufen, auf den Treppen. Erst am zugeteilten Sitzplatz - so die Anweisung - sollten die Fans die Maske abnehmen. Mit Einblendungen auf dem nagelneuen Videowürfel unter dem Faltdach wurde das Publikum immer wieder mit den wichtigsten Regeln konfrontiert.

Der Gesamteindruck: Der Wille der Eintracht-Anhänger schien enorm hoch, das Konzept zu unterstützen. In den Sanitärbereichen - zuvor als Nadelöhr ausgemacht - bildeten sich auch keine Menschenansammlungen. Ob’s am fehlenden Bier lag? Vorsorglich war jedes zweite Urinal mit Plastikfolie überhangen, um hier keine unnötige Nähe zu erzeugen. "Wenn alle intrinsisch motiviert sind", hatte Vorstand Axel Hellmann vorher gesagt, könne das Konzept sehr leicht erfolgreich umgesetzt werden.

Der Verein werde bestimmt nicht "Pandemie-Polizei" spielen, um Zuschauer in die Schranken zu weisen. Die stimmgewaltigste Gruppierung, die Eintracht-Ultras, hatten keine Tickets erworben, weil sie die Rahmenbedingungen mit personalisierten Tickets nicht akzeptierten. Trotzdem freute sich auch Frankfurts Trainer Adi Hütter über die Akustik: "Die 6.500 Zuschauer haben das ausgezeichnet gemacht. Das war ein guter und richtiger Schritt - und eine tolle Atmosphäre."

Es spricht wenig gegen eine Aufstockung

Nach Abpfiff leerte sich das Stadion recht zügig, obwohl der Stadionsprecher aufgefordert hatte, nicht unmittelbar zu gehen, sondern die Pressekonferenz und die Bundesliga-Zusammenfassung auf dem Videowürfel zu verfolgen. Nur einer kleiner Teil machte von diesem Angebot Gebrauch. Zwei getrennte S-Bahnhöfe waren eingerichtet worden, um bei der Abreise nicht unnötig viele Kontakte zu produzieren.

Ein ordnungsgemäßer Ablauf ist elementar, um an Standorten wie Frankfurt vielleicht bald schon eine Aufstockung der Zuschauerzahl zu erreichen. Denn das "dynamische Zuschauerkonzept in Zeiten der Corona-Pandemie" sieht beim hessischen Bundesligisten in einer zweiten Variante eine Auslastung von 22 Prozent vor, das entspräche 11.275 Besuchern. Nach dem ersten Eindruck spricht nicht viel dagegen, das nicht zu erlauben.

Stand: 19.09.2020, 23:01

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