Warum Fahrer und Fans Rennstrecken wie in Imola lieben

Impression vom Autodromo Enzo e Dino Ferrari in Imola

Großer Preis der Emilia Romagna

Warum Fahrer und Fans Rennstrecken wie in Imola lieben

Von Christian Hornung

Der Große Preis der Emilia-Romagna in Imola war kein Renn-Spektakel, aber doch höchst spektakulär: Der Traditionskurs begeistert die Fahrer. Die Corona-Saison 2020 hatte noch mehr solcher Austragungsorte - die zum Nachdenken über die Zukunft der Formel 1 anregen.

Der Blick auf die Burganlage Rocca Sforzesca aus dem 14. Jahrhundert, die aus einem kleinen Wäldchen herausragt, gehört untrennbar zu dieser kleinen Zeitreise des Motorsports. Rechts an die Strecke schmiegt sich dann gleich nach dem Start der Santerno, es scheint sogar so, als hätte der Kurs eine leichte Biegung des 103 Kilometer kurzen Flüsschens mit in sein Kurvenlayout aufgenommen. Linker Hand taucht dann plötzlich das kleine Fußballstadion "Romeo Galli" auf, in dem Imolese Calcio in der Serie C im November noch die Partien gegen Südtirol und Arezzo austrägt.

Anschließend rasen die Piloten der Königsklasse über den hügelig-welligen Asphalt mit 33 Metern Höhenunterschied auch noch an einer Häuserfront vorbei, wo es sich auf den engen Balkonen der 70.000-Einwohner-Stadt immerhin dann doch ein paar Motorsport-Fans gemütlich gemacht haben - trotz Zuschauerauschluss in der Corona-Zeit. "Es ist ein Traum, hier zu fahren", sagt Lewis Hamilton.

Hamilton: "Dieser Kurs ist Historie"

Hamilton schwärmte an diesem Wochenende natürlich ausgiebig. Er feierte seinen 93. Grand-Prix-Sieg und sorgte gemeinsam mit dem Zweitplatzierten Valtteri Bottas dafür, dass Mercedes zum siebten Mal in Serie die Konstrukteurs-Weltmeisterschaft eintütete.

Aber seine Gefühle für den Kurs in Imola hatte er auch schon am Tag vor seinem neuerlichen Triumph ausgedrückt: "Ich verstehe überhaupt nicht, warum heutzutage solche Strecken nicht mehr gebaut werden. Imola ist ein Klassiker, es ist unglaublich hier zu fahren. Auch die Geschwindkeit, die wir hier hinbekommen, ist unglaublich. Dieser Kurs hier ist Historie!"

Doppelsieg und Konstrukteurs-Titel: Mercedes feiert in Imola

Sportschau 01.11.2020 01:13 Min. Verfügbar bis 01.11.2021 ARD Von Volker Hirth


So sehen es auch die Konkurrenten. Max Verstappen feiert den "Autodromo Enzo e Dino Ferrari": "Die Strecke ist so cool. Es macht Freude, hier zu fahren. Anfangs hatte ich ja noch gedacht, es könnte ein bisschen zu eng sein für unsere Autos, aber es passt." Auch Valtteri Bottas liebt Imola: "Ich genieße diese Strecke. Wenn du hier mit Vollgas unterwegs bist, ist es herrlich."

Spa, Mugello, Nürburgring

Formel-1-Rennstrecke in Mugello

Formel-1-Rennstrecke in Mugello

Eine solche Begeisterung kam in dieser Saison schon mehrmals zum Ausdruck. Sebastian Vettel beispielsweise oder auch Mercedes-Teamchef Toto Wolff sind bekennende Fans des Nürburgrings, den die Corona-bedingt stark auf Europa konzentrierte Saison dieses Jahr am 11. Oktober wieder in den Rennkalender spülte.

Auch Spa-Francorchamps in Belgien, das ewige Lieblings-Rennen von Michael Schumacher, bei dem er regelmäßig von "Schmertterlingen im Bauch" sprach, war am 30. August 2020 dabei. Und sogar Mugello, wo die Piloten vor der San-Donato-Kurve mit 320 Stundenkilometern bergauf rasen und dann auf unter 90 runterbremsen, um nicht abzufliegen, durfte am 13. September den Großen Preis der Toskana austragen.

Noch mehr Schätze

Es gibt noch eine Menge mehr Schätze dieser Art in Europa. Der Circuito de Jerez in Andalusien beispielsweise gehört dazu, den sich viele Fans nicht nur als Teststrecke der Top-Teams, sondern auch für ein Renn-Comeback wünschen. Aber was steckt hinter dieser Retrowelle?

Geld, ein möglicher Blitzreflex der Kritiker des Motorsports, kann es diesmal nicht sein. Denn das lässt sich deutlich besser bei den schwerreichen Magnaten in Sotschi, Sachir in Bahrain, in Baku, Schanghai, Singapur oder Abu Dhabi in den Vereinigten Arabischen Emiraten verdienen.

Spaß am Racing und Nachhaltigkeit

Aber dort sind die Kurse nicht nur ultramordern, sondern oft auch einfach glattgebügelt. Kurven sind nach Sponsoren bekannt und nicht nach alten Helden. Man fährt durch Lichtermeere und Leuchtreklamen, aber nicht durch Waldstücke, selten bergauf und bergab, man sieht nicht die Nürburg und nicht die Rocca Sforzesca. Es muss also tatsächlich in Richtung Nostalgie gehen. Rennfahren ist auf den alten Kursen ursprünglicher - die Fahrer sind mehr gefordert und haben einfach mehr Spaß.

Deshalb könnte eine der Lehren aus dieser Corona-Saison sein, auch in Zukunft wieder mehr Rennen auf den Traditionskursen auszutragen. Fans und Fahrer wären begeistert. Außerdem hätten die Teams, die ihre Firmensitze ausnahmslos in Europa haben, weniger Reisestress und müssten nicht permanent Mensch und Material in riesigen Transportflugzeugen durch die Welt bewegen.

Schritt in Richtung der eigenen Zielsetzung

Die Königsklasse des Motorsports hatte ja bereits angekündigt, bis 2030 klimaneutral werden zu wollen und voll auf Nachhaltigkeit zu setzen. Traditionskurse zu nutzen, statt immer neue Geldquellen rund um den Globus aufzutun, wäre ein Schritt dorthin.

Stand: 01.11.2020, 17:39

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