European Championships | Leichtathletik Klosterhalfen bejubelt EM-Titel - und greift nach der Welt

Stand: 19.08.2022 08:33 Uhr

Konstanze Klosterhalfen hat sich selbst überrascht und ist bei der Heim-EM in München nach schwierigen Zeiten sensationell zum Titel über 5.000 Meter gestürmt. Es soll eine Initialzündung sein für das Leichtgewicht, das sich schinden kann wie kaum eine Zweite.

Von Bettina Lenner, München

Als der geschichtsträchtige Coup gelungen und Konstanze Klosterhalfen über 5.000 Meter nach einer grandiosen Vorstellung ins Ziel geprescht war, tat sie das, was sie eigentlich immer tun will: Sie lief einfach weiter. Direkt auf die Ehrenrunde. Nichts konnte sie stoppen an diesem Abend. Eine Befreiung. "Diese Euphorie, ich hätte immer weiterlaufen können. Gerade nach den letzten zwei Jahren bedeutet mir dieser Titel so viel", jubelte sie. "Das ist der schönste Moment in meinem Leben. Es ist ein Traum."

Viel Verletzungspech und dann Corona

Erst Probleme an der einen Hüfte, dann an der anderen wegen einer Überlastungsreaktion, 2020 musste die WM-Dritte von 2019 über 5.000 Meter lange auf Wettkämpfe verzichten. Die vergangene Hallensaison brach sie wegen einer Oberschenkelverletzung nach einem Sturz im Januar ab. Und die deutschen Meisterschaften Ende Juni verpasste Klosterhalfen wegen einer Corona-Infektion, die sie sich im Höhentrainingslager in der Schweiz zugezogen hatte. 15 Tage war sie positiv. "Wenn man da durchkommt, hat man auch noch einmal charakterlich eine andere Einstellung", sagte die 25-Jährige nach ihrem Triumph in München.

Konstanze Klosterhalfen hat bei den European Championships in München als erste Deutsche überhaupt Leichtathletik-EM-Gold über 5.000 Meter gewonnen.

Nicht, dass es an ihrem Willen jemals auch nur den Hauch von Zweifeln gegeben hätte. Im Gegenteil. "Sie ist die zäheste Athletin, die ich je trainiert habe. Sie gibt dir immer mehr, als sie eigentlich hat", berichtete ihr Trainer Pete Julian in München. "Sie will alles. Es ist mein Job, das in vernünftige Bahnen zu lenken und ihr Geduld beizubringen." Der Coach, bei dem Klosterhalfen auch nach dem Aus des Nike Oregon Project geblieben war, war kurzfristig am Tag des 5.000-Meter-EM-Finals aus den USA eingeflogen. "Er war erstmals bei einem Wettkampf in Deutschland dabei. Er hatte wohl gesehen, wie voll es hier im Stadion ist", sagte Klosterhalfen.

"Das Publikum war Wahnsinn"

Auch sie trugen rund 35.000 frenetische Fans im Olympiastadion ins Ziel. Wie schon einige Teamkollegen zuvor. Das hatte sie verfolgt. Und sich darauf gefreut. "Ich bin echt nicht alleine gelaufen. Schritt für Schritt wurde das Publikum lauter. Es war Wahnsinn", berichtete sie. Erst recht, als sie 650 Meter vor dem Ziel an der führenden 10.000-Meter-Europameisterin Yasemin Can aus der Türkei vorbeiging und ihren Vorsprung angetrieben von den Zuschauern immer weiter ausbaute. "Es war so laut, ich habe noch nicht einmal das Klingeln von der letzten Runde gehört."

Klosterhalfen: "Ich bin unfassbar glücklich"

Sportschau, 18.08.2022 22:00 Uhr

Nun also Europameisterin über 5.000 Meter. Als erste Deutsche. Ihr erster Titel. Völlig unverhofft, nachdem sie drei Wochen zuvor bei der WM in Eugene über 5.000 Meter entkräftet im Vorlauf ausgeschieden war. Und auch mit ihrer Leistung über 10.000 Meter am Montag (15.08.2022) in München war sie nicht zufrieden, obwohl sie als Vierte in 31:05,21 Minuten nur vier Sekunden über ihrem deutschen Rekord geblieben war. Aber das Training hatte mehr versprochen. Jedoch das "Renngefühl" war nicht da; nicht die volle Power.

Coach Julian setzt sich kurzfristig in den Flieger

Jetzt ist es zurück. Und Konstanze Klosterhalfen überglücklich. "Vielleicht waren es die Wochen, die gefehlt haben von der Regeneration. Irgendwie hatte es bisher noch nicht recht gepasst. Aber heute habe ich mich keine Sekunde müde gefühlt", sagte sie strahlend. Dabei hatte bis zum Vortag gar nicht festgestanden, dass sie noch einmal bei der Heim-EM antreten würde. Der Trainer war dagegen. Doch sie setzte sich durch. Und der Coach sich in den Flieger.

"Ich wollte unbedingt hier laufen, auch für das Publikum. Egal, wie's wird. Ich habe wirklich nicht damit gerechnet, dass das ein Superrennen wird. Ich konnte es bis zum letzten Schritt nicht glauben."

"Ziel bleibt, die Welt zu schlagen"

Der erste große Titel ihrer Karriere gibt der 25-Jährigen Selbstvertrauen. Für die Zukunft und die ganz großen Aufgaben auf allerhöchstem Niveau. Die sind im Langstrecken-Metier mit der afrikanischen Konkurrenz gigantisch. "Das erste Ziel bleibt, die Welt zu schlagen. Ich war schon einmal vom Training her ganz nah dran, da vorne mitzuhalten. Aber dieser Schritt zeigt, dass man auch aus Tiefs wieder herauskommen kann", erläuterte das leichtgewichtige Laufwunder.

"Sie ist noch immer sehr jung"

"Ja, sie wirkt zerbrechlich", sagte Julian. "Aber sie wird stärker und achtet mehr auf sich. Es ist ein Reifeprozess. Sie weiß, was sie abseits der Bahn tun muss, um gesund zu bleiben." Der Coach sieht noch jede Menge Potenzial: "Die weltbesten Läuferinnen erreichen ihr Leistungshoch zwischen 30 und 35. Und Koko ist noch immer sehr jung." Bei der neuen Europameisterin klingt der Plan schlichter: "Wenn ich gesund bleibe, dann können wir hart trainieren."