Frank Busemanns EM-Kolumne Bloß kein Ohrenhängenbleiber

Stand: 18.08.2022 08:42 Uhr

Es gibt Profimedaillenüberreicher und solche, die es werden möchten. Sportschau-Experte Frank Busemann ist ein Azubi - und beschäftigt sich mit Nachhaltigkeit und Momenten, die bleiben.

Von Frank Busemann

Mit den Siegerehrungen ist das ja immer so eine Sache. Für den Athleten selbst scheint die Teilnahme an einer solchen recht erstrebenswert. Der Zuschauer mag die Abwechslung mitunter, ein wenig seichten Klängen zu lauschen und sich dabei die Beine zu vertreten. Die Honoratioren hingegen überreichen Medaillen und Blumen und Glückwünsche. Der Profimedaillenüberreicher macht das locker aus der Hüfte und schafft das Umhängen des Medaillenbandes ohne den obligatorischen Ohrenhängenbleiber.

Ich durfte heute als Azubi übrigens auch das erste Mal ran. Nach diversen Siegerehrungen bei Schülersportfesten und Firmenjubiläen heute also Big Sports. Mit der Übergabe des Blumentopfes konnte ich die erste Lektion im großen Ehrungsdiplom proben. In der Gartenabteilung heißt das wohl Basilikumbringer. Hier war ich der Blumenboy. Offizielle Bezeichnung Flower Presenter. Das hört sich schwierig an. War es aber nicht.

Siegerehrungen gehören dazu - und stören doch

Mein Geschenk heute wird nachhaltig. Die Blumen werden sogar eingepflanzt. Und weil nicht ich die nachher gießen muss, werden die auch eine gewisse Zeit überleben. Sonst ist die Halbwertzeit eines Siegerehrungsblumenstraußes genau drei bis acht Sekunden. Das ist das erste, was der Geehrte ins Publikum feuert. Was will er auch damit? In den Koffer packen und nach einer 15-stündigen Heimreise in die heimatliche Blumenvase stellen? Nein. Weg damit.

Und Siegerehrungen gehören zum Wettkampf. Nichterscheinen kann mit nachträglicher Disqualifikation geahndet werden. Aber sie stören auch den Wettkampf anderer extrem. Findet diese im Stadion statt, müssen alle Wettbewerbe für die Hymne unterbrochen werden. Das ist nicht leistungsfördernd. Deshalb werden seit einiger Zeit dieser Bestandteil des Wettkampfes vom restlichen Geschehen getrennt.

In Eugene bei der WM rollte man das Podium auf die Bahn, schaffte die Sieger drauf, Medaille umgehängt, Blume überreicht, Foto, Hymne, Foto und weg. Nächste Siegerehrung. Alles nach oder vor der eigentlichen Session. Zuschauer? Kaum da. Aber gestört hat es keinen. Es war ein bisschen Schülersportfestfeeling… – ääh, also das hätte ich mir zugetraut. Damit habe ich Erfahrung.

Momente, für die Sportler Sport machen

In München gibt es einen eigenen Ort dafür. Mitten im Olympiapark. Das war hingegen genau richtig. Unzählige Menschen flanieren ohnehin umher, machen so einen Stopp und sind Zeuge dieses tollen Moments. Keiner wird gestört, der Fokus liegt nur auf den Athleten selbst und die Ehre kommt nicht zu kurz.

Die Hinfahrt zur Ehrungslocation erfolgte ganz gediegen mit dem Floß. Und ein Floß ist langsam. Und der Motor tuckert. Trotzdem hatte es was. Wenn man mit Marcell Jacobs, Gina Lückenkemper oder Simon Ehammer zur Zeremonie tuckert. Auf dem Floß. Das wird es nicht mehr geben. Aber auch das werden die Athleten behalten.

Wobei sich die Sprinter wahrscheinlich noch nie so langsam in ihrem Leben fortbewegt haben. Aber es ist nicht schlecht, in Zeiten der Unruhe und des Wettkampfstresses inne zu halten und einfach nur im Moment zu sein. Und genau für solche Momente machen Sportler eben diesen Sport. Dass sie Erlebnisse kreieren, die sie ein Leben lang begleiten.

Das ist Frank Busemann

Geboren:
26. Februar 1975 (Recklinghausen)
Disziplinen:
Zehnkampf, Hürdensprint
Sportliche Erfolge:
Olympia-Silber 1996 (8.706 Punkte)
WM-Bronze 1997 (8.652 Punkte)
U23-Europameister 110 m Hürden 1997 (13,54 Sek.)
Juniorenweltmeister 110 m Hürden 1994 (13,47 Sek.)
Auszeichnungen:
Rudolf-Harbig-Gedächtnispreis 2004
Sportler des Jahres 1996
Karriereende:
23. Juni 2003
Karriere nach der Karriere:
Vorträge/Seminare zum Thema Motivation
Buch-Autor
ARD-Leichtathletik-Experte
(Morgenmagazin, Das Erste, sportschau.de)