Ukraine-Krieg und European Championships Russland und Belarus hoffen auf Comeback im Weltsport

Stand: 14.08.2022 08:05 Uhr

Wegen des Angriffs auf die Ukraine sind die meisten Sportler aus Russland und dem verbündeten Belarus von internationalen Wettbewerben ausgeschlossen. Nun wird die Kritik daran immer lauter.

Von Hajo Seppelt und Peter Wozny

Richard McLaren ist nicht gerade als Verbündeter des russischen Sports bekannt. Als Chef-Ermittler hat der kanadische Rechtsprofessor im Auftrag der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) das russische Staatsdoping im Nachgang der Olympischen Winterspiele 2014 von Sotschi aufgearbeitet - mit verheerenden Folgen für den russischen Sport. Nun bricht McLaren allerdings eine Lanze für die Athletinnen und Athleten aus Russland und Belarus: "Wie mit ihnen umgegangen wird, ist nicht fair", sagt der 77-Jährige.

Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine hatte das Internationale Olympische Komitee (IOC) den Weltsportverbänden empfohlen, russische und belarussische Sportler von internationalen Wettbewerben auszuschließen. Und fast alle folgten dieser Empfehlung. Im Mai hatten auch die Veranstalter der European Championships bekannt gegeben, dass die russischen und belrussischen Mannschaften von den neun Europameisterschaften in München ausgeschlossen sind.

McLaren kritisiert im Interview mit der Sportschau, dass die Athleten für die Politik ihrer Länder in Mithaftung genommen würden: "Die Sportler haben diesen Konflikt nicht angezettelt und sind auch nicht für seinen Verlauf verantwortlich. Das sind zwei gute Gründe, sie wieder teilnehmen zu lassen."

Putin-Vertraute behalten Spitzenämter

Während die Sportler kaltgestellt sind, dürfen russische Funktionäre weiter die Strippen im internationalen Sport ziehen. Denn die Empfehlung des IOC, Russen und Belarussen auszuschließen, bezieht sich nur auf Wettkämpfe, nicht auf die Politik dahinter. Ein bewusster Schachzug?

Obwohl viele russische Sportfunktionäre im Gegensatz zu den meisten Sportlern eng mit der russischen Regierung verbandelt sind, müssen sie um ihre Posten nicht fürchten. Im Gegenteil: Der Weltboxverband IBA hat im Mai den umstrittenen Umar Kremlew als Präsidenten bestätigt.

Der Welt-Schachverband wählte im August Arkadi Dworkowitsch erneut an seine Spitze. Beide gelten als Putin-Vertraute. Und im IOC sitzt Russlands Stabhochsprung-Legende Jelena Issinbajewa, eine glühende Putin-Anhängerin.

"Ausgehöhlt, unterminiert, korrumpiert"

Die grüne Europapolitikerin Viola von Cramon, vor ihrem Wechsel nach Straßburg Mitglied im Sportausschuss des Bundestages, überrascht der milde Umgang mit den Funktionären nicht. "Russland hat es geschafft, über Jahre hinweg seinen Einfluss zu optimieren - über sehr generöse finanzielle Zuwendungen an den internationalen Sport, an nationale Sportverbände, an Fachverbände, an Veranstalter", sagt von Cramon der Sportschau: "Es hat damit die Institutionen von innen so ausgehöhlt, unterminiert, korrumpiert, dass es niemand mehr wagt, gegen diese russischen Funktionäre vorzugehen. Russland kann nach wie vor seinen Einfluss nutzen, auch wenn die Athletinnen und Athleten nicht mehr starten dürfen."

Angesichts der Nähe russischer Funktionäre zum russischen Staat ist es für von Cramon höchste Zeit, alle russischen und belarussischen Funktionäre, die in internationalen Sportverbänden noch stimmberechtigt sind, "zu suspendieren, zu sanktionieren und ihnen die kompletten Rechte zu entziehen". Dafür möchte von Cramon auch deutsche Akteure in die Pflicht nehmen: "Ich wünsche mir, dass der DFB und der DOSB Führungsrollen übernehmen."

Spaltung der Sportwelt?

Die Russen sehen sich indes weiterhin als "vollwertiges Mitglied der Olympischen Bewegung", so NOK-Chef Stanislaw Posdnjakow auf Telegram: "Wir setzen unsere systematischen Vorbereitungen für die Spiele fort." Nächste Olympia-Stationen sind Paris 2024 und Mailand/Cortina d'Ampezzo 2026.

Russland will eigene Wettbewerbe mit befreundeten Ländern ausrichten. Plant Putin eine Parallelstruktur im internationalen Sport? Eine Spaltung der Sportwelt als Druckmittel für die Wiederaufnahme von Russland und Belarus? Sportrechtler Richard McLaren glaubt nicht, dass russische Athleten auf diesem Weg zurück in die internationale Sportgemeinschaft finden: "Solange der Konflikt andauert, wird die internationale Sportgemeinschaft ihre einmal getroffene Entscheidung nicht ändern."

Doch McLaren rechnet damit, dass einige russische und belarussische Sportler vor den Internationalen Sportgerichtshof CAS ziehen, um ihr Startrecht einzuklagen. McLaren: "Sollte der CAS zugunsten der Sportler entscheiden, wären die Verbände gezwungen, sie wieder antreten zu lassen." Eine Prognose, wie die Chancen der Russen vor dem Gericht stehen, wollte der erfahrene Sportrechtler nicht abgeben: "Das ist vollkommen offen."