European Championships als "Referenzveranstaltung" Deutsche Olympiabewerbung - Der DOSB gibt die Hoffnung nicht auf

Stand: 16.08.2022 08:09 Uhr

Die European Championships in München sollen Anschubhilfe für eine neue deutsche Olympiabewerbung sein. Doch nach vielen Bewerbungspleiten braucht der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) Geduld.

Von Hajo Seppelt und Jörg Mebus

Anfang Juli schaute Thomas Bach mal wieder in München vorbei. Er steckte seinen Kopf durch einen der olympischen Ringe an der neuen Skulptur im Olympiapark und lächelte in die Kameras. Bei der Auftaktveranstaltung zum 50. Jubiläum der Sommerspiele 1972 sagte der deutsche Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, er hoffe, "dass wir das auch wieder mal bei uns im Lande erleben können".

Ob Olympische und Paralympische Spiele allerdings noch zu Lebzeiten Bachs mal wieder in Deutschland ausgetragen werden, ist selbst dann ungewiss, sollte der heute 68 Jahre alte "Herr der Ringe" noch ein sehr langes und erfülltes Leben genießen.

Auch wenn in München, wo zu den European Championships derzeit Tausende Athletinnen und Athleten zusammenkommen, wieder mal Olympiastimmung aufkommt: Deutschland ist sehr weit davon entfernt, Olympiagastgeber zu werden. Das liegt auch daran, dass der deutsche Sport im vergangenen halben Jahrhundert kaum etwas gründlicher verbockt hat als seine Olympiabewerbungen.

Sieben Bewerbungspleiten seit 1986

Nach der Ausrichtung der Spiele 1972 wurden die Bewerbungskampagnen von Berchtesgaden 1992 (im Jahr 1986), Berlin 2000 (1993), Leipzig 2012 (2004), München 2018 (2011), München 2022 (2013), Hamburg 2024 (2015) und Rhein/Ruhr 2032 (2021) mehr oder weniger leichtfertig vor die Wand gefahren.

Spätestens nach dem Debakel im vergangenen Jahr in Nordrhein-Westfalen, als einige an der Kampagne Beteiligte offenbar aus den Medien erfuhren, dass sich das IOC längst für das australische Brisbane entschieden hatte, verstummten die üblichen öffentlichen Debatten.

Jenseits der Grundsatzfrage, ob eine Bewerbung generell sinnvoll ist, waren auch vorübergehend die Standard-Fragen kaum mehr zu hören: Wann ist eine Bewerbung sinnvoll? Für welches Jahr und in welcher Region? Sommer- oder Winterspiele? Darf man sich auch für 2036 bewerben, 100 Jahre nach den Nazi-Spielen in Berlin?

DOSB will nachhaltiges Konzept

Die Zahl derer, die angesichts von Pandemie, Krieg, Inflation und Energiekrise derzeit Olympia vor der Haustür herbeisehnen, dürfte nicht gerade groß sein. Das weiß auch der Deutsche Olympische Sportbund. Weil der Dachverband auch unter dem neuen Präsidenten Thomas Weikert eine Olympia-Bewerbung als eine Art Selbstzweck betrachtet, wird das Traumziel weiterverfolgt. Aber die Krisenlage und fehlende Rückendeckung aus Politik und Gesellschaft zwingen die Verantwortlichen, langfristig zu planen. Sehr langfristig.

DOSB-Präsident Weikert im Interview

Sportschau, 16.08.2022 16:30 Uhr

Bentele: "Die Menschen einbinden"

"Wenn wir ein Konzept haben, das die Menschen mit einbindet, das nachhaltig ist, dann werden wir hier auch eine Begeisterung für die Olympischen und Paralympischen Spiele auslösen können. Und das ist jetzt unser Job, und daran werden wir arbeiten", sagt DOSB-Vizepräsidentin Verena Bentele der Sportschau.

Events wie die European Championships, aber auch die Special Olympics in Berlin 2023, die Fußball-EM 2024 oder die Universiade in Nordrhein-Westfalen 2025 sollen helfen, wieder Olympiabegeisterung zu entfachen. Schon die laufende Multi-EM in München, so Bentele, sei eine "Referenzveranstaltung", die zeigen soll: "Wir haben es wirklich drauf."

Beziehungen zum IOC verbessern

Doch über das grundsätzliche Bekenntnis für eine Olympiabewerbung hinaus ist vom DOSB derzeit wenig Konkretes zu hören. Zunächst soll die Imagepflege nicht nur national, sondern auch international Wirkung entfalten. Hinter den Kulissen wird fieberhaft versucht, die Beziehungen zum IOC und zu wichtigen Playern in der Ringe-Welt zu verbessern. Sie hatten in der Amtszeit von Weikerts Vorgänger Alfons Hörmann, der sich im Zuge der Abfuhr für Rhein-Ruhr sogar mit Bach persönlich anlegte, schweren Schaden genommen.

Doch selbst wenn sich das Klima zwischen den Dachorganisationen wieder verbessert, gibt es Dinge außerhalb des Einflussbereiches des DOSB, die dem IOC an Deutschland missfallen dürften: eine sehr unbequeme unabhängige Athletenvertretung, IOC-kritische Medien und eine Gesellschaft, in der eine Mehrheit bei Bürgerbefragungen zu Olympia alles andere als selbstverständlich ist.

Keine deutsche Olympia-Bewerbung ohne Referendum

Die letzten beiden Referenden führten zum vorzeitigen Aus der Initiativen von München 2022 und Hamburg 2024. Und im aktuellen Koalitionsvertrag von SPD, Grünen und FDP ist die Einbeziehung der Bevölkerung in einem möglichen neuen Bewerbungsprozess klar festgehalten. Heißt: keine neue Bewerbung ohne ein Pro-Olympia-Referendum.

Bentele sagt, "der Wille aller Beteiligten, der politisch Verantwortlichen, der Sportverbände und der Menschen im Land" sollten entscheiden, "wann Deutschland reif ist für eine Bewerbung". Sie würde, sagt die 40 Jahre alte Paralympics-Siegerin, Olympische und Paralympische Spiele in Deutschland "auf jeden Fall gerne noch erleben". Doch obwohl Bentele erheblich jünger ist als Bach - sicher kann sie sich da nicht sein.