Eishockey | WM DEB-Team: Nur keinen WM-Fehlstart hinlegen

Stand: 12.05.2022 20:14 Uhr

Zum 85. Mal wird eine Eishockey-Weltmeisterschaft ausgetragen, dieses Mal in Helsinki und in Tampere. Mit dabei ist eine deutsche Mannschaft, die sich in einem hoffnungsvollen Umbruch befindet. Hoffnungsvoll vor allem deshalb, weil die klägliche Vorstellung bei den Olympischen Winterspielen in Peking den Umbau des Kaders forciert hat.

Von Burkhard Hupe

An das Geräusch muss man sich erst einmal gewöhnen. Dieses leise, gleichmäßige Knirschen auf den Straßen. Aber es ist so: In Helsinki sind noch immer viele Autofahrer auf Spikes unterwegs. Der Winter ist gerade erst verschwunden. Im Central Park haben noch viele pappige Schneehaufen die ersten vorsichtigen Sonnenstrahlen überdauert. Das zarte Grün der Bäume wirkt schüchtern. Spaziergänger tragen Mütze und Schal.

Zurück zu den Wurzeln

Nahe des Central Parks, am Fuße des Olympiastadions von 1952 steht die Helsingin Jäähalli, die während der Weltmeisterschaft als Helsinki Ice Hall bezeichnet wird. Normalerweise spielt hier der traditionsreiche Helsingfors IFK, in dem auch der deutsche Bundestrainer Toni Söderholm seine sportlichen Wurzeln weiß. Zehn Jahre lang hat er das Trikot des HIFK getragen. „Natürlich ist es speziell. Da braucht man gar nicht drüber zu reden“, sagt Toni Söderholm, „aber ich will es auch genießen.“

2011 wurde Söderholm in dieser Halle finnischer Meister. Zusammen mit einem finnischen Eishockey-Volkshelden: Angreifer Ville Peltonen. Söderholms Trainer hieß damals Kari Jalonen, mit dem es bei der Weltmeisterschaft ein Wiedersehen geben kann, denn Jalonen ist seit März der neue Nationaltrainer Tschechiens. Voraussetzung für dieses besondere Treffen hinter der Bande wäre allerdings, dass die deutsche Mannschaft die Hauptrunde übersteht, um dann in den K.o.-Runden eventuell auf die Tschechen zu treffen.

Wiedersehen mit Kanada

Der Weg dahin ist kompliziert, aber sicherlich nicht unmöglich. Nur eines darf der DEB-Auswahl nicht passieren: ein ähnlicher Fehlstart wie bei Olympia, als der Auftaktgegner auch Kanada hieß und schon nach zehn Minuten klar wurde – auf diesem Niveau war die deutsche Mannschaft überfordert, aus welchen Gründen auch immer. Am Ende stand es 1:5, gefühlt war es eine zweistellige Niederlage.

Vorsicht nach Bauchlandung

Die große Frage vor diesem Turnier lautet deshalb: Waren die Olympischen Spiele von Peking nur ein Ausrutscher? Toni Söderholm gibt sich geläutert, auch wenn er das selbst so nicht sagen würde. „Ich werde keine Ziele nennen. Das führt zu nichts. Das erste Ziel ist der erste Punkt im ersten Spiel“, erklärt der Bundestrainer und der Unterton ist klar: Bloß keine Nachfragen. Vor ein paar Monaten in Peking hatten Söderholm und seine Mannschaft noch von der „Vision Goldmedaille“ gesprochen und waren dabei fürchterlich auf die Nase gefallen – da hätten auch Spikes nicht geholfen.

In Helsinki versucht Söderholm nun, mit einer deutlich veränderten und verjüngten Mannschaft an den WM-Erfolg von Riga im vergangenen Jahr anzuknüpfen. In Lettland endete eine rauschhafte Reise damals erst im Halbfinale. Vorsichtiger Optimismus ist tatsächlich angebracht. Es gibt einige verheißungsvolle Spieler im deutschen WM-Kader. Verteidiger Moritz Seider zum Beispiel, der in Detroit eine fantastische Premierensaison in der NHL absolviert hat und zum besten Neuling der besten Liga der Welt gewählt werden könnte.

Bärenstarkes Torhütertrio

Da ist natürlich auch Angreifer Tim Stützle zu nennen, der mit Ottawa sein erstes Jahr in der NHL erlebte und dabei auf bemerkenswerte 68 Scorerpunkte kam. Da sind die Angreifer Daniel Fischbuch und Alexander Ehl von der Düsseldorfer EG, die mit Tempo und Raffinesse in engen Spielen den Unterschied bedeuten können. Und natürlich die Torhüter: Meistergoalie Matthias Niederberger aus Berlin und Philip Grubauer, der in Übersee gerade sein zehntes NHL-Jahr in Seattle gespielt hat. Nicht zu vergessen der dritte Keeper, Dustin Strahlmeier aus Wolfsburg, der ebenfalls ein Spiel entscheiden kann.

Doch was ist nun mit den sportlichen Wunden von Peking? Nun, unter dem Strich lässt sich sagen: Mit kühnen Reden wurde noch nie ein Spiel gewonnen und schon gar kein Turnier. Marcel Noebels aus Berlin sagt, „so ein Rückschlag tut zwar weh, ist aber wahrscheinlich auch normal.“ Aber der Kapitän der meisterlichen Eisbären weiß natürlich auch, dass die Erwartungen heute anders sind als vor neun Jahren, als er ebenfalls in Finnland seine ersten WM-Spiele für Deutschland bestritt.

Worum es geht

„Von Spiel zu Spiel denken“ – das ist die Floskel, die man vor dem WM-Auftakt gegen Kanada derzeit am häufigsten vernimmt. Vielleicht ist das ein guter Rat. Keine rhetorische Mondlandung, aber darum geht und ging es im Eishockey nie. Es geht um das Blocken von Schüssen, um klare Entscheidungen an der Scheibe, um Bereitschaft, Kompaktheit und Schnelligkeit. Gerade in einem Auftaktspiel gegen den aktuellen Titelträger aus Kanada.

„Guter Rat ist wie Schnee, je leiser er fällt, desto länger bleibt er liegen“, heißt es in einem finnischen Sprichwort. In Finnland liegt der Schnee ein bisschen länger als üblich, vielleicht eine Erklärung dafür, dass die Finnen vor kurzem sehr überraschend zum ersten Mal Olympiasieger geworden sind.