Craig Reedie - der WADA-Boss taumelt

Der WADA-Vorsitzede Craig Reedie

Medientag in London

Craig Reedie - der WADA-Boss taumelt

Von Jörg Winterfeldt und Hajo Seppelt

In London hatte die Welt-Anti-Doping-Agentur zum Medientag geladen. Es lief nicht wie gewünscht für den angeschlagenen Präsidenten Craig Reedie. Weil er die WADA in die schwerste Glaubwürdigkeitskrise ihrer Geschichte geführt hat, geriet die Veranstaltung zum Tribunal.

Der rüstige Rentner machte sich keine Mühe zu verbergen, wie angeknockt er war. Zuletzt hatte eine "Vereinigung für glaubwürdigen Radsport" gefordert, der umstrittene Schotte Reedie möge endlich den Vorsitz in der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) niederlegen. Am Donnerstag (01.11.2018) hatte Reedie in London internationale Medien in die ehrwürdige Cricket-Anlage Lord’s eingeladen. Mit teilweise hochrotem Kopf sagte Reedie: "Immer mal wieder bietet mir die Frau, mit der ich über 50 Jahre zusammenlebe, die Option an: Rücktritt oder Scheidung.“

Doch Reedie, 77, der die WADA mit seinem Umgang mit dem staatlich geförderten Doping in Russland in die schwerste Glaubwürdigkeitskrise ihrer Geschichte geführt hat, mag nicht einfach hinwerfen. Dass er gleichzeitig auch noch im Internationalen Olympischen Komitee sitzt, bis vor zwei Jahren in einer im Sport nicht seltenen Ämterhäufung gar als Vize-Präsident, bemängeln seine Kritiker zudem wegen der offensichtlichen Gefahr der Interessenkollision.

Doch Reedie hängt an dem Amt, das ihm im hohen Alter noch Macht und Einfluss beschert. "Mein Mandat endet im frühen November 2019, und ich halte es für mehr als angemessen, dass ich bis dahin die Probleme löse, über die wir zur Zeit gerade reden. Ich würde meine Amtszeit gerne zu Ende bringen.“

Auftritt im Weißen Haus

Zuletzt hatte vor allem das Einknicken der WADA gegenüber Russland Reedie in die Bredouille gebracht. Die Kriterien der Wiederzulassung der Russischen Anti-Doping-Agentur RUSADA wurden entscheidend aufgeweicht. Die Russen müssen plötzlich nicht mehr jenen McLaren-Bericht öffentlich anerkennen, in dem ihnen ein staatlich gefördertes Doping nachgewiesen wurde. Die WADA führt als Begründung an, dass die Russen im Gegenzug Rohmaterial zu Dopingproben übergeben, mit dessen Hilfe gegen Sportler aus bis zu 70 Verbänden Verfahren womöglich gerichtsfest gemacht werden können.

Die Allianz der Kritiker erhielt erst in dieser Woche weitere Aufwertung, als im Weißen Haus ein PR-Termin veranstaltet wurde, in dem sie sich präsentieren konnten. Mehr als der Inhalt der Veranstaltung, in der mehrere Sportler darlegten, sich im Stich gelassen zu fühlen, bewegte die WADA aber offenkundig die gekränkte Eitelkeit ihrer Führung: Reedie, der sich immer mal wieder von der Queen adeln lassen durfte, mal für seinen Beitrag, London die Olympischen Spiele 2012 verschafft zu haben, mal für seine WADA-Herrschaft, war nicht geladen.

Vize-Präsidentin zur Ordnung gerufen

Dass stattdessen eine seiner schärfsten internen Kritikerinnen, Norwegens Ministerin für Kinder und Gleichberechtigung, Linda Hofstad Helleland, zur erlesenen Schar gehörte, wurmt den britischen Sir offenbar mächtig. "Als Madame Helleland mir sagte, dass sie fährt, habe ich sie an unsere Strukturen erinnert: dass ich tatsächlich denjenigen nominiere, der die WADA bei einer Veranstaltung wie der in Washington repräsentiert“, jammerte Reedie in London mit einer verwegenen Logik, „ich habe sie gefragt, ob sie irgendein Briefing oder eine Befugnis von den öffentlichen Institutionen erhalten hat, die sie repräsentieren soll. Aber falls sie ihren Besuch als Einzelperson vornahm, erwarte ich von ihr, dass sie sich als Vizepräsidentin der WADA loyal zu den demokratischen Entscheidungen zeigt, die der Vorstand auf den Seychellen gefällt hat. Ich habe nichts von einer Antwort gehört.“

Es ist Reedies latent aggressiver Ton, der die Grenzen zur Arroganz zuweilen mit erschreckender Selbstverständlichkeit nimmt, der Reedies Kritikergemeinde eint und schnell wachsen lässt. Zuletzt hatte die dem für viele faul wirkenden Russland-Kompromiss skeptisch gegenüberstehende Athletenvertreterin in der WADA, die Kanadierin Beckie Scott, ihren Rücktritt verkündet, weil sie den Versuch, sie auf den Russland-Kurs Reedies einzunorden, als Mobbing empfand. Reedie, der ein glänzender Zeuge sein könnte, verweigerte in London auf Nachfragen lieber jede Aussage zu dem Vorgang.

Mit Missachtung strafen

Im Weißen Haus hatte ausgerechnet Reedies Landsmann, Großbritanniens radelnder Olympionike Callum Skinner, schwere Geschütze aufgefahren: "Wen und was repräsentieren denn die WADA und das IOC wirklich?“, fragte Skinner rhetorisch, „die erste Antwort sollte lauten: die Athleten. Aber wie sieht es aus? Zwei Organisationen, die die Stimme der Athleten unterdrücken, mit Missachtung strafen und sie als uninformiert abtun, während sie Debatten der Athleten und Engagement begrüßen sollten.“

Wenn zuvorderst westeuropäische und nordamerikanische Athleten, aufgezogen im Geiste des demokratischen Diskurses, sich mit Kritik hervortun, kanzelt Reedie sie als nicht maßgeblich ab. "Wir haben ein kleines Athletenproblem. Es gibt zwei Meinungen unter den Athleten“, sagte der Sir in London, "es sind nicht alle Athleten, die glauben, dass wir falsch liegen.“ Er hadert grundsätzlich mit den Ungerechtigkeiten der Welt: "Wir haben wahrscheinlich den besten Ermittlungsdienst in der Welt des Sports, und niemand zollt uns dafür großes Lob.“

Attacke gegen Amerikas Lieblingssport

Mit jener Doppeltaktik aus Mitleid heischen und Konterattacken hofft der frühere Badmintonspieler Reedie, sich auch noch durch die verbleibenden Monate seiner Amtszeit zu hangeln. So kanzelt er auch den Chef der amerikanischen Anti-Doping-Agentur USADA, Travis Tygart, kurzerhand ab, weil der es wagt, auf die Interessenkollision von Reedies IOC-Mitgliedschaft und der WADA-Führung hinzuweisen und fordert, eine der beiden Funktionen aufzugeben.

"Ich würde sehr gerne denken, dass zu irgendeiner Zeit in der Zukunft die Anstrengungen der USADA sich auf das weite Feld des amerikanischen Sports ausrichten, das nicht vereinbar mit dem Welt-Anti-Doping-Kodex handelt und auf die Veranstaltungen, die sich nicht daran halten“, poltert Reedie zurück, „das wäre ein großartigerer Beitrag zu sauberem Sport in der Welt als fortlaufend zu bemängeln, was die WADA tut.“ Was Reedie nicht sagt: Tygarts USADA hat genau deswegen keine Handhabe gegen NFL, NBA oder MLB, weil die nicht den Kodex unterschrieben haben.

Am Ende der Londoner Veranstaltung schaut Reedie immer wieder auf seine edle Armbanduhr. Er hat sichtbar die Nase voll von seinem eigenen Medientag, den die Journalisten in ein Tribunal verwandelt haben. Fast ausschließlich kritische Fragen. Das ziemt sich nicht, findet der Sir. Zeit, wissen alle im Umfeld der WADA, kann ein zäher Begleiter sein.

Stand: 02.11.2018, 18:14

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