Michael Smith (l.) und Jonny Clayton (r.) klatschen sich ab

Darts | WM in London Darts-WM - zwischen Liebeserklärung und Bankrotterklärung

Stand: 30.12.2021 15:47 Uhr

Die Darts-WM wird trotz Corona fortgesetzt. Das hat der Verband PDC am Donnerstag (30.12.2021) bekanntgegeben. Eine WM zwischen allen Stühlen. Zwischen täglich neuen Positiv-Meldungen und Weltklasse-Sport. Ein Dilemma.

Von Frank Meyer

Am besten brachte es der Twitter-User und Journalist Tobias Potratz auf den Punkt: "Nur die Triple 20 ist froh, dass dieses Match zwischen Clayton und Smith jetzt vorbei ist." Jonny Clayton gegen Michael Smith, "The Ferret" gegen den "Bully Boy" - es war das beste Dartsspiel, das ich jemals in meinem Leben gesehen habe.

Es hatte alles, wirklich alles, was die Faszination Darts ausmacht. Nervenkitzel, Dramatik, Momentum und Weltklasse-Sport. Reihenweise High-Finishes, 25 180er, über 60 140er, ein einziges Trommelfeuer auf die Triple 20. Wäre Kult-Caller Russ Bray nicht per se schon heiser, er wäre es nach diesem Spiel.

Clayton und Smith "in the zone"

Und dann die beiden Hauptdarsteller. Clayton und Smith. Wie das schon klingt! Wie eine britische Krimiserie. Clayton und Smith, zwei Spieler, die eins zu sein schienen mit der Bühne, mit der Atmosphäre im "Ally Pally", mit der Scheibe und mit sich. In the zone. Und die gezeigt haben, was wahren Sportsgeist ausmacht. Zwei Gegner, die sich berauschten an ihrem gemeinsamen Spiel. Die sich immer wieder anschauten, anlächelten, zunickten, Respekt zollten. Es war eine Nacht, um sich in Darts zu verlieben. Wenn man alles andere ausblendet.

Zum Beispiel, dass die Darts-WM längt zu einer sportlichen Farce und einem gesundheitlichen Risiko geworden ist. Während draußen in London der Katastrophenfall ausgerufen ist, feiern drinnen im Alexandra Palace 3.000 Menschen eine feucht-fröhliche Party mit dem Virus als Stargast.

Michael Smith (r.) feiert, Jonny Clayton (l.) klatscht Beifall

PDC: Die WM wird zu Ende gespielt

Bereits fünf Spieler haben sich infiziert, drei davon im laufenden Turnier, sie wurden disqualifiziert, die Gegner kamen per Freilos in die nächste Runde. Wenn das so weiter geht, ist es denkbar, dass der Sieger des Endspiels am 3. Januar per negativem Test proklamiert wird. Und das, obwohl sich nach Michael van Gerwen und Gerwyn Price nun der nächste Top-Star eingeschaltet hat. Gary Anderson plädierte mit einem ebenso eindeutigen wie versöhnlichen "Lasst es gut sein" für ein vorzeitiges Ende der WM.

Doch die veranstaltende Professional Darts Corporation PDC machte heute unmissverständlich klar, dass die WM zu Ende gespielt wird. Endlich ein Statement, nachdem in den vergangenen Tagen außer Schweigen zur Gesamtsituation lediglich Meldungen über einzelne Corona-Ausschlüsse veröffentlicht wurden, die so lapidar klangen als hätte ein Spieler einmal zu oft am Oche übergetreten und müsste deshalb disqualifiziert werden.

Eine Bankrotterklärung

Dabei kommen die Zustände im Alexandra Palace, was Sicherheitsvorkehrungen angeht, einer Bankrotterklärung gleich. Das belegen Aussagen von Spielern und Journalisten. "Die PDC hat selbst keine PCR-Tests durchgeführt, sondern lediglich Schnelltests angeboten und die konnte jeder ohne Kontrolle machen", sagte ein Spieler, der anonym bleiben möchte, der Sportschau. Beim nächsten Spiel Tage später habe er noch nicht einmal einen aktuellen Test vorzeigen müssen: "Man hat mir gesagt, das sei nicht nötig, weil man meinen Test ja schon gesehen habe."

Auf Zuschauer-Seite ist es noch chaotischer. 3G heißt es am Eingang, aber eine genaue Test-Kontrolle? "Ich hätte auch den U-Bahn-Plan von London vorzeigen können", schrieb Lutz Wöckener in der Zeitung "Die Welt". Die PDC bestätigte heute gegenüber der Sportschau, streng nach Protokoll zu verfahren und alle Vorgaben der britischen Regierung umzusetzen. Die WM soll ohne Änderungen und ohne weitere Maßnahmen zu Ende geführt werden.

Hohes Ansteckungspotenzial im Alexandra Palace

Dabei ist die Situation gerade während der Darts-WM besonders brisant, vor allem vor dem Hintergrund der in England sehr weit verbreiteten Omikron-Variante. "Bei dieser Variante spielt der so genannte Nahfeld-Kontakt, besser bekannt als die 1,50-Meter-Abstand-Regel kaum eine Rolle", so der Hygiene-Experte Dr. Florian Kainzinger gegenüber der Sportschau. Viel gravierender für das Ansteckungspotenzial bei Omikron sei der Fernfeld-Kontakt, also das Ansteckungspotential über die Aerosol-Konzentration in der Luft.

Mehrere verkleidete Zuschauer:innen feiern gemeinsam

Kainzinger berät diverse Profi-Ligen in Deutschland bei Corona-Hygiene-Konzepten. Ein wesentlicher Bestandteil für ein funktionierendes Konzept von Hallensportarten ist dabei die Belüftung, die es laut PDC auch im Alexandra Palace gibt. Kritisch ist die Situation dennoch.

Ein Dilemma für den Dartssport

Die Atmosphäre in der gedrungenen West Hall des Alexandra Palace, die eher mit einem vollbepacktem Festsaal denn mit einer großen, modernen Sporthalle vergleichbar ist, ist erfüllt vom Atem von 3.000 Fans, mehrheitlich Engländer, die über vier Stunden (so lange dauert im Schnitt eine Darts-Session mit drei bis vier Spielen) lauthals singen und schreien und dabei keine Maske tragen. "In einer solchen Situation ist es möglich, dass sich nicht nur Zuschauer untereinander anstecken sondern auch, dass Spieler durch Zuschauer angesteckt werden", so Kainzinger. Michael van Gerwen war überrascht, als er positiv getestet wurde, er wisse nicht, wo er sich angesteckt habe. Vielleicht hat er jetzt eine Idee.

Am Ende der gestrigen Darts-Nacht, nach dem epischen Spiel zwischen Jonny Clayton und Michael Smith, standen die beiden, Sieger und Besiegter, wie Gladiatoren vor dem enthusiastischen Publikum und wussten, dass sie gerade Teil von etwas ganz Großem gewesen sind. Und ich saß vor dem Fernseher und hatte Gänsehaut. Kein Gedanke an Corona. Einfach nur geflasht und glücklich. Ob ich darf? Ja, ich darf das. Aber ich bin ja auch nicht die PDC.