Konflikt zwischen Boxerin Scheurich und Verband eskaliert

Sarah Scheurich

Boxen

Konflikt zwischen Boxerin Scheurich und Verband eskaliert

Von Niklas Schenk

Im deutschen Boxen rumort es weiterhin. Athletinnen sprechen von einem Klima der Angst. Eine Antwort des Bundesinnenministeriums auf eine Kleine Anfrage der FDP entlastet den Boxverband zwar - aber die Diskussionen gehen weiter. Es geht auch um Millionen an Fördergeldern.

Anfang August hatten sechs Boxerinnen um die frühere Vize-Europameisterin Sarah Scheurich einen offenen Brief verfasst. Darin schrieben sie über "leistungs- und frauenfeindliche" Strukturen, sexualisierte Gewalt, "verbale Angriffe und körperliche Übergriffe" und ein Klima, in dem das "Grundrecht der Meinungsfreiheit eingeschränkt wird".

Innenministerium verweist auf Autonomie des Sports

"Frauen, die im Deutschen Boxen ihre Stimme erheben, von ihrem Recht auf Meinungsfreiheit Gebrauch machen, gelten als ´unführbar´", schrieben die Initiatorinnen. Sie forderten Unterstützung aus dem DOSB oder Bundesinnenministerium (BMI). Frühere Funktionäre des Boxverbandes unterzeichneten den Brief ebenfalls.

In einer Antwort auf eine Kleine Anfrage der FDP, die sportschau.de exklusiv vorliegt, nimmt das BMI nun Stellung. Über die Vorwürfe sexualisierter Gewalt gegen Beschäftigte aus Boxverbänden sei das BMI "informiert", auch die Vorwürfe von Scheurich seien dem Ministerium bekannt. Grundsätzlich gelte jedoch, dass "die Verbände ihre Angelegenheiten im Rahmen ihrer Verbandsautonomie selbst regeln". Für einen Regelungsbedarf sieht man im Ministerium "keine Anhaltspunkte". Konkrete Konsequenzen seien aktuell "nicht vorgesehen".

FDP nennt Antwort auf die Kleine Anfrage "ernüchternd"

Der Bundestagsabgeordnete Reginald Hanke (FDP), der die Anfrage noch vor der Wahl initiiert hatte, nennt die Antwort des BMI "ernüchternd". Die Bundesregierung könne nicht nur auf die Autonomie des Sports verweisen: "Das BMI hat die Pflicht zu prüfen, ob dem Verband ein Fehlverhalten vorzuwerfen ist. Umfassende Aufklärung bedeutet vor allem, dass ein Austausch mit Betroffenen von sexualisierter Gewalt und willkürlichem Führungsstil stattfinden muss, anstatt nur einseitig mit dem DBV in Verbindung zu treten".

"Diese Antwort ist eine Katastrophe, das ist gar nichts", findet auch Rainer Proch, Vater von Sarah Scheurich. Mit seiner Tochter habe niemand gesprochen. Sie könne aktuell nicht trainieren, sei im deutschen Boxen seit ihrem offenen Brief völlig isoliert. Aktuell trainiere sie teilweise auf einem Dachboden, da sie auch im Stützpunkt in Hannover, wo sie vor kurzem hingezogen war, nicht trainieren dürfte.

Am Donnerstag (30.09.2021) scheidet Scheurich nun auch offiziell aus dem DBV-Perspektivkader aus. Sie hält die Streichung für eine Folge ihrer Äußerungen im offenen Brief und in den Jahren zuvor. Scheurich hatte schon 2018 mit der Aktion "Coach don´t touch me" erstmals auf sexualisierte Gewalt im Boxen hingewiesen. Zahlreiche Corona-Infektionen bei einem Trainingslager vor einem Jahr kritisierte sie lautstark. Der Verband hingegen spricht von sportlichen Kriterien, die zur Entscheidung geführt hätten, Scheurich aus dem Kader zu streichen.

Vater von Sarah Scheurich: "Doppelmoral und Heuchelei"

In den vergangenen Jahren habe man "null Unterstützung" von der Politik erhalten, sagt ihr Vater: "Das ist an Doppelmoral und Heuchelei nicht zu überbieten, dass das BMI mündige Sportler fordert, dann aber eine Sportlerin vor allen Augen denunziert und demontiert wird. Dabei hat sie nur von ihrer Meinungsfreiheit Gebrauch gemacht."

Die FDP fordert dringend eine unabhängige Anlaufstelle für Betroffene sexueller Gewalt, ein sogenanntes "Zentrum für Safe Sport". Diese Idee hatte die Vereinigung "Athleten Deutschland" Anfang 2021 ursprünglich initiiert.

Interne Pläne vom BMI und DOSB und ein zehnseitiges Konzept, das sportschau.de vorliegt, sprechen von einer Anlaufstelle für Betroffene sexualisierter Gewalt im Sport, die geplant ist. Das Konzept ist weniger umfassend als ein "Zentrum für Safe Sport". Das BMI möchte einen Trägerverein gründen und wirbt dafür schon um Unterstützung.

DBV gibt Fehler zu - und erwägt Klage gegen Scheurich

An dem möglichen Verein wolle sich auch der Deutsche Boxverband (DBV) beteiligen, sagt Manfred Dörrbecker, beim DBV Referent für besondere Aufgaben. Das Problem sexualisierte Gewalt habe man "anfangs nicht ernst genommen", inzwischen "machen wir aber, was wir machen können". Außerdem gab Dörrbecker Versäumnisse zu: "Wir müssen unsere Kommunikation verbessern, transparenter sagen, wie sich Kader und Normen zusammensetzen."

Auf dem DBV-Kongress Ende November solle eine jüngere Führungsriege und neue Athletensprecher gewählt werden. Die Vorwürfe von Sarah Scheurich hingegen seien "unhaltbar", juristische Schritte "behalten wir uns ausdrücklich vor", sagt Dörrbecker. Aus dem sportlichen Kader sei Scheurich wegen "mangelnder internationaler Perspektiven und stagnierender Leistungen" genommen worden.

Schwaches Abschneiden bei Olympia

Für den Verband geht es um die eigene Zukunft. Zwar entlastet die Antwort des Innenministeriums den DBV, aber zu den Diskussionen um die Kultur im Verband kommen schwache sportliche Leistungen. Bei den Olympischen Spielen in Tokio schieden zwei von drei deutschen Boxern in der ersten Runde aus, Ammar Abduljabbar schaffte es immerhin ins Viertelfinale. DBV-Sportdirektor Michael Müller sprach dennoch von einer "sehr erfreulichen Bilanz. Wir haben die Weltspitze fast erreicht".

In der neuesten Potenzialanalyse (PotAS) der olympischen Sommersportverbände kommt der Deutsche Boxverband auf Platz 20 von 26. Fehlende Strukturen und Erfolge werden moniert, auch wenn das Leistungspotenzial im Verband vorhanden sei. Der DBV spricht von einem "erklärungsbedürftigen" Bericht und möchte mit der PotAS-Kommission über die Ergebnisse sprechen. Diese sind mitentscheidend für Kaderplätze bei Olympischen Spielen und die nationale Förderung. Womöglich erhält der Deutsche Boxverband zukünftig weniger Fördergelder als bisher.

"Flucht von Athletinnen"

Für die Kritiker des DBV hängen die sportlichen Leistungen eng mit den Problemen im Verband zusammen. Eine "Flucht von Athletinnen" sieht Horst-Peter Strickrodt, Anwalt für Sportrecht und früherer DBV-Sportdirektor. Strickrodt hatte den offenen Brief von Sarah Scheurich ebenfalls unterzeichnet. Junge Frauen würden den Verband "massenhaft verlassen" und teilweise zu den Profis wechseln oder mit dem Boxen aufhören.

Strickrodt hält die Antwort des Bundesinnenministeriums für "nicht befriedigend". Zwar sei die Verbandsautonomie ein hohes Gut, das es zu schützen gelte. Das BMI müsse sich aber fragen, ob man den DBV "noch in dieser Größenordnung" fordern müsse.

Strickrodt sieht insbesondere im Umgang mit Frauen im deutschen Boxen "immer wieder Rechtsverletzungen". Im Verband herrsche eine "Angstpolitik", der DBV würde Druck ausüben und wie im Fall Scheurich mit Klagen drohen: "Das wirkt sich maßgeblich auf die Athleten aus".

Imageschaden für das deutsche Boxen

Der Imageschaden für das deutsche Boxen ist schon jetzt gewaltig. Und der Fall Sarah Scheurich wird den DBV wohl auch in den kommenden Monaten beschäftigen. Scheurich will unbedingt weiterboxen, ihr Vater hält sie für die "aktuell beste deutsche Boxerin in ihrer Gewichtsklasse". Eine Klage prüfen aktuell beide Seiten. Vater Rainer Proch möchte auch einen Wechsel in einen anderen Nationalverband oder ins Ausland nicht ausschließen: "Wir werden alles tun, was möglich ist."

Stand: 30.09.2021, 10:21

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