"So einen Tag erlebe ich vielleicht nie wieder"

Vanessa Hinz

"So einen Tag erlebe ich vielleicht nie wieder"

Von Jonas Schützeberg und Uri Zahavi

Große Sportereignisse leben von Überraschungen. Die Silbermedaille im WM-Einzelrennen von Antholz für Vanessa Hinz ist so eine. Die 27-Jährige konnte ihr Glück nach einer durchwachsenen Saison kaum fassen - und feierte mit ihrer Schwester einen Tag für die Ewigkeit.

Dieser Jubelschrei wirkte wie eine Befreiung. Als hätte sich Vanessa Hinz des ganzen Frusts der letzten Monate, aller Selbstzweifel und aller schlechten Erinnerungen an die Misserfolge gleichzeitig entledigt. Sie hatte wohl gerade das Rennen ihres Lebens abgeliefert. Glücklich, aber vollkommen ausgepowert lag die 27-Jährige im Antholzer Schnee. "Wer weiß, ob ich so etwas jemals wieder erleben darf", sagte sie später.

Biathlon-WM: Vanessa Hinz holt Silber Morgenmagazin 19.02.2020 01:35 Min. Verfügbar bis 19.02.2021 Das Erste

Langsam begann sie sich aufzurappeln. Man könnte meinen, es sei der Moment gewesen, in dem sie realisierte, was ihr da gelungen war. Sie nahm all ihre Kraft zusammen und schlug vor Freude mit der Faust auf den Boden. Rumms - gleich die nächste Befreiung hinterher.

Vanessa Hinz: "Bin überglücklich, dass es gereicht hat" Sportschau 18.02.2020 00:56 Min. Verfügbar bis 18.02.2021 Das Erste

WM der Überraschungen

Diese WM hat schon viele Überraschungen hervorgebracht. Gleich zu Beginn gewannen Susan Dunklee (USA) und Lucie Charvartova (Tschechien) Silber und Bronze im Sprint der Frauen. Im Verfolgungsrennen der Männer rang der Franzose Emilien Jacquelin den scheinbar übermächtigen Johannes Thingnes Bö ausgerechnet auf der Schlussrunde in der Spur nieder. Und auch, dass Marte Olsbu Röiseland vier Medaillen in vier Rennen gewann, hätten vorher wohl nur wenige erwartet. Der Coup von Vanessa Hinz führt diese Liste fort.

Die Siegerehrung der Frauen bei der Biathlon-WM in Antholz Sportschau 18.02.2020 07:43 Min. Verfügbar bis 18.02.2021 Das Erste

"Meine Schwester hat so viel mitgelitten"

Dass dieser Erfolg für Hinz viel mehr bedeutet, als ein Stück Metall um ihren Hals, zeigte sich spätestens in der Mixed-Zone - als sie auf ihre anderthalb Jahre jüngere Schwester Viktoria traf.  Stirn an Stirn standen sie da - was nur wenige Sekunden dauerte, erweckte den Eindruck einer Ewigkeit. Viktoria umklammerte den Hinterkopf von Vanessa und drückte ihn ganz fest an sich.

Vanessa Hinz

Vanessa Hinz nach dem Zieleinlauf in Antholz

Bis hierhin hatte es die Vizeweltmeisterin geschafft, doch jetzt brach es aus ihr heraus. Tränen flossen über das Gesicht der neuen Vize-Weltmeisterin. "Da konnte ich es dann nicht mehr zurückhalten", erzählte Vanessa. "Meine Schwester ist stellvertretend für meine Familie da. Ich weiß, wie oft sie mitleiden."

"Ich habe Vanessas Herzschlag gespürt"

Ein ergreifender Moment, natürlich auch für Schwester Viktoria, die selbst aus dem Leistungssport kommt und gut versteht, was Vanessa alles opfert. "Wir haben im ersten Augenblick gar nicht so viel geredet. Ich hab einfach Vanessas Herzschlag gespürt und sie meinen. Dann hab ich zu ihr gesagt: Siehst du, endlich hat sich die jahrzehntelange Arbeit ausgezahlt. Du hast es sowas von verdient."

Eiskalt zurück geschlagen

Ja, vor allem in der aktuellen Saison hatte Familie Hinz einige schwere Moment zu überstehen. Vanessa kam nicht so richtig in Tritt. Ein achter Platz im Sprint von Ruhpolding war bis zur WM ihre beste Platzierung in einem Einzelrennen der laufenden Weltcup-Saison gewesen.

Zu Beginn des Winters drohte die Saison ein Desaster für das deutsche Damen-Team zu werden. In Hochfilzen gab es im Sprint das historisch schlechteste Ergebnis aller Zeiten - Denise Herrmann landete als beste Deutsche auf dem 41. Platz. Dem folgte der nächste Negativ-Rekord, als die Staffel einen enttäuschenden zwölften Platz belegte.

"Der Druck ist schon groß, auch von den Medien. Wir sind selbst nicht zufrieden und für uns ist das am allerschlimmsten. Wir haben uns den ganzen Sommer den Arsch aufgerissen. Jetzt dürfen wir den Glauben nicht verlieren und irgendwann schlagen wir eiskalt zurück", hatte Vanessa Hinz nach der Hochfilzener Staffel erklärt. Besser hätte sie diesen Moment wohl nicht planen können. Das gilt allgemein für das deutsche Frauen-Team in Antholz.

Deutsches Ausrufezeichen bei der WM

Sieben Platzierungen unter den Top Ten haben Hinz, Herrmann und Preuß bei dieser WM schon erreicht, darunter zwei Silber-Medaillen. Spätestens mit dem Frauen-Einzel ist das Selbstvertrauen für die Staffel zurück.

Und da die Frauen am Mittwoch keinen Wettkampf haben und nur trainieren müssen, wird der Abend zumindest für Vanessa Hinz wohl etwas länger werden. "Also ich werde auf jeden Fall ein bisschen feiern. Ich bin immer gut für einen Gin Tonic, das sage ich ganz offen und das muss auch mal sein. So einen Tag erlebe ich vielleicht nie wieder in meinen Leben", sagte die Bayerin bei der Pressekonferenz und lachte.

Und wer weiß, vielleicht gibt es schon beim Männer-Einzel die nächste Überraschung dieser Weltmeisterschaften, aus Sicht des deutschen Ski-Verbandes am liebsten in schwarz-rot-gold.

Stand: 18.02.2020, 19:45

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