"Es gibt keinen Streit wie beim Fußball"

Fans bei der Biathlon-WM

Biathlon-WM in Antholz

"Es gibt keinen Streit wie beim Fußball"

Von Jonas Schützeberg und Uri Zahavi

Während bei der Biathlon-WM in der Loipe um Medaillen gekämpft wird, findet auf den Tribünen und entlang der Strecke eine große internationale Party statt. Viele Fans haben besondere Geschichten, bei denen es sich lohnt, genauer hinzuschauen.

Es ist 08:20 Uhr, sie sitzen auf kleinen Holzbänken mit selbst gehäkelten Deckchen. 19 feierwütige und begeisterte Biathlonfans aus dem Spessart bereiten sich auf einen langen Renntag vor. Schnell noch einen Kaffee, zwei Brötchen und dann laufen sie wie wild durcheinander: "Wir sind Fans und wollen an der Strecke sein, ganz nah dran an den Athleten. Es ist immer super, gestern habe ich zum Beispiel ein Autogramm von Erik Lesser bekommen", erklärt Agathe.

Mit dem Reisebus nach Antholz

Bereits zum siebten Mal kommen die "Biathlon Freunde Main-Spessart" nach Antholz, jedes Jahr mit dem eigenen Reisebus. Sie wohnen in einem traditionellen holzgetäfelten Südtiroler Haus in Niederrasen.

Nachdem alle ihr Markenzeichen angezogen haben, die grüne Jacke mit dem Wildschwein-Logo auf der Brust, werden noch schnell Deutschland-Fähnchen auf das Gesicht gemalt und schon kann es losgehen. Mittlerweile ist es 09:11 Uhr, durch die Straßen schallt ein lautes, nicht jeden Ton treffendes "Cordula Grün". Ihr Ziel an diesem Tag ist die Huber-Alm.

Die alte Dame und die vier Teletubbies

Der wohl beliebteste Zuschauer-Hotspot aber ist die Haupttribüne. Sie bietet einen Anblick, den man so schnell nicht mehr aus dem Kopf bekommt. Unten auf der Strecke toben die Athleten und oben auf der Tribüne, da toben die Fans. Inmitten Tausender beseelter und bestens gelaunter Biathlon-Anhänger, steht eine Fünfer-Gruppe. Vier junge Männer aus Kaiserslautern tänzeln um eine ältere Frau herum. Die vier tragen Ganzkörper-Teletubby-Kostüme in grün, gelb, rot und lila und grölen inbrünstig die einschlägig bekannten Schlager mit.

"Schatzi, schenk mir ein Foto"

Als der Refrain von Mallorca-Ikone Mickie Krauses Song, "Schatzi, schenk mir ein Foto", vor allem die deutschen Fans in Extase versetzt, wirbelt Gregor, der rote Teletubby, die ältere Dame herum. Fast schon grazil bewegen sich die beiden auf engstem Raum. "Das ist einfach das Schöne beim Biathlon", erzählt Gregor, "es ist völlig egal wo du herkommst, wie alt du bist oder was du beruflich machst - hier feiern alle gemeinsam."

Fans bei der Biathlon-WM

Fans bei der Biathlon-WM

Zuschauermagnet Huber-Alm

Dicht gedrängt steht die fränkische Reisegruppe um 09:25 Uhr im Shuttlebus nach oben auf die Antholzer Hochebene. Lange warten mussten sie nicht, denn nur die härtesten Fans fahren schon fünf Stunden vor Rennbeginn ins Stadion. "Der Schweiß läuft, es kann nur eine Steigerung geben. Die haben wir heute, denn Deutschland gewinnt", beginnt Agathe bevor ihre Stimme im Bus in den "Vanessa Hinz - Vanessa Hinz"-Rufen untergeht.

09:54 Uhr, die 19 Biathlon-Freunde aus dem Spessart erreichen das Stadion. Ein kurzes Piepen der kleinen Laserscangeräte und sie sind drin. Sie passieren die Volunteers am Eingang, noch einmal rechts abbiegen und vor ihn türmt sich die Huber-Alm auf. Um ihre Schultern hängen Holzgewehre, "selbst gebaut", erzählt Sabine. "Den Lauf hat mein Mann gemacht, da gehen zweieinhalb Schnaps rein und für die WM 2020 habe wir eine Spezialedition."

"Wir jubeln jedem Sportler zu"

Um 10:35 haben sie dann endlich ihren Platz erreicht. Der Wettkampf startet zwar erst in knapp vier Stunden, aber die Ersten sind sie nicht. Und jetzt rennen wieder alle durcheinander, leeren ihre Rucksäcke. Von der selbst gebackenen Nussstange, über Bierkrüge im Zwergenformat bis hin zu rosafarbenen Seidenrose in der Keramikvase, alles muss raus - bevor das lange Warten auf die Biathlon-Stars beginnt.

"Es ist egal wer vorbei kommt, wir jubeln jedem Sportler zu. Es ist einfach nur geil auf der Huber-Alm", sagt eine strahlende Agathe mit Vorfreude im Gesicht.

"Beim Biathlon ist man nie wirklich allein"

Es mag kitschig klingen, aber es sind genau solche Geschichten, wie die der älteren Dame und ihrer vier Teletubbies oder der fränkischen Reisegruppe, die die Biathlon-WM zu einem besonderen Event machen. "Wir haben hier ein paar Tage nebeneinander auf der Tribüne gestanden und sind ins Gespräch gekommen", berichtet die 76-jährige Ingrid und lacht. "Und jetzt haben wir zusammen Spaß." Ingrid ist schon das zehnte Jahr in Folge in Antholz. Nach Südtirol kommt sie alleine, aber das findet sie überhaupt nicht schlimm - im Gegenteil. "In Antholz beim Biathlon, da ist man ja nie wirklich allein", führt Ingrid aus. "Und das Schöne ist: Hier gibt es keinen Streit wie beim Fußball."

"Man findet immer Freunde"

Bleibt also eigentlich nur noch die Frage zu klären, warum vier Männer aus der Pfalz mit Teletubby-Kostümen zum Biathlon kommen. "Das ist eine gute Frage. Ist uns eines Morgens einfach in den Kopf geschossen", berichtet Gregor. "Aber das Gute ist: Hier in Antholz ist es egal, wie man aussieht. Man findet immer Freunde - manche vielleicht fürs Leben." Ja, auch das klingt irgendwie zu kitschig um wahr zu sein. Aber wer Gregor oder Ingrid oder den vielen anderen Fans ins Gesicht schaut der spürt: Die meinen das ernst.

Thema in: Wintersport im Ersten, 23.02.2020, Ab 10.00 Uhr

Stand: 21.02.2020, 19:30

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