Die verkorkste Biathlon-WM des Erik Lesser

Erik Lesser

Biathlon-WM

Die verkorkste Biathlon-WM des Erik Lesser

Von Raphael Honndorf

Drei siebte Plätze in den verschiedenen Staffeln und ein 66. Platz im Sprint ist das ernüchternde WM-Ergebnis für Erik Lesser. Dabei galt der Thüringer seit 2013 gerade bei Großveranstaltungen wie Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen als eine sichere Bank im deutschen Team. Lediglich 2017 in Hochfilzen stand er nicht auf dem Podest. Doch auf der Pokljuka war er der Sorgenfall der DSV-Skijäger.

Schon im ersten Rennen der Titelkämpfe auf der Pokljuka lief es für Lesser sehr bescheiden. Vier Nachlader und eine mittelmäßige Zeit in der Loipe sorgten für eine große Hypothek, die er als Startläufer in der Mixed-Staffel seinem Team mit auf den Weg gab.

Lesser hadert mit sich selbst

Im Anschluss gab er selbstkritisch zu Protokoll: "Ich weiß nicht, womit ich zuerst unzufrieden sein soll. Bei einer Mixed-Staffel stellen alle Nationen ihre besten Leute auf. Ich gehörte da heute nicht dazu." Das Podest wurde als Siebte schließlich klar verpasst.

"Wir bauen Erik jetzt auf, zum Glück ist er so ein Charakter, der das schnell abschütteln kann", kündigte Schlussläuferin Franziska Preuß mentale Unterstützung für Lesser an.

Biathlon-WM: Die Mixed-Staffel in der Zusammenfassung Sportschau 10.02.2021 03:47 Min. Verfügbar bis 10.02.2022 Das Erste

Abwärtstrend setzt sich fort

Doch es schien, als sei Lesser da bereits früh in einen Negativstrudel geraten, aus dem er sich im Verlauf der zwei Wochen auf der Pokljuka nicht mehr richtig befreien konnte. Mit Platz 66 im Sprint zwei Tage später - seinem schlechtesten WM-Einzelergebnis überhaupt - verpasste er sogar die Qualifikation für den Verfolger. Ein Novum für den Verfolgungs-Weltmeister von 2015.

Und Lesser ging wieder hart mich sich selbst ins Gericht: "Mein Körper hat heute nicht funktioniert. Nach der ersten Runde hatte ich gemerkt, dass es nicht das ist, was ich mir vorgestellt habe. In der zweiten Runde habe ich mich dann schwer getan. Hinten raus bin ich total krachen gegangen. Zwischendurch habe ich mich gefragt, warum ich Teil der WM-Mannschaft bin."

Kirchner verzichtet im Einzel auf Lesser

Nach dem verpassten Verfolgungsrennen bekam Lesser im Klassiker eine Verschnaufpause. Bundestrainer Mark Kirchner ließ im Einzel Johannes Kühn starten. Statt also die 20 Kilometer zu absolvieren, stand Regeneration für die Staffeleinsätze an. Dies wurde schon beim letzten Weltcup in Antholz so abgesprochen.

Erik Lesser: "Das war außergewöhnlich schlecht" Sportschau 18.02.2021 03:39 Min. Verfügbar bis 18.02.2022 Das Erste

Single-Mixed ein "Haufen ins Klo"

Sechs Tage nach dem Sprint-Desaster brachte aber auch die Single-Mixed nicht den erwünschten Erfolg. Zwar klappte es auf der nur 1,5 Kilometer langen Strecke diesmal läuferisch, dafür waren in seinem ersten Stehendanschlag selbst drei Zusatzpatronen nicht genug. Lesser musste in die Strafrunde ("Das war außergewöhnlich schlecht!") und kommentierte den siebten Platz im Endklassement mit den Worten: "Ich hab den Haufen ins Klo gemacht, und die Franzi hat dann runtergespült."

Herrenstaffel als Tiefpunkt - keine Erklärung

Den traurigen Tiefpunkt fanden Lessers Titelkämpfe schließlich in der Staffel am Samstag. Nach einem Leistungsabfall auf der Strecke übergab er als Startläufer des deutschen Teams mit deutlich mehr als einer Minute Rückstand auf die Spitzenreiter.

"Eine wirkliche Erklärung haben wir nicht", konstatierte DSV-Arzt Jan Wüstenfeld im Anschluss. Benedikt Doll suchte eine Erklärung in den Rückenproblemen, mit denen sich Lesser in den vorangegangen Tagen umhergeplagt hatte, ohne aber näher darauf eingehen.

Video - Früher Einbruch bringt deutsche Biathlon-Staffel um alle Chancen Sportschau 20.02.2021 02:10 Min. Verfügbar bis 20.02.2022 Das Erste

Lesser fühlte sich stets fit

Hier muss aber die Frage erlaubt sein, ob es angesichts der bekannten Probleme nicht besser gewesen wäre, Lesser in der Staffel nicht starten zu lassen und ihn so möglicherweise vor einer weiteren Enttäuschung zu schützen. Er selbst hatte in den Interviews stets erklärt, dass es seinem Rücken "ok" gehe, die medizinische Abteilung sich darum kümmere und er nicht wüsste, was gegen einen Start sprechen solle.

Peiffer tut es leid

Ein Blick in die Zahlen der Männer-Staffel zeigt bei Lesser lediglich die 22. Laufzeit innerhalb seiner Gruppe, selbst dem deutlich schwächeren Japaner Mikito Tachizaki konnte der Oberhofer auf der Strecke nicht mehr folgen. Teamkollege Arnd Peiffer nahm ihn anschließend in Schutz: "Wenn man mal so einen Tag erwischt und es einen schon in der zweiten Runde schlecht geht, wird die dritte umso schlimmer. So etwas hat jeder schon einmal erlebt. Es tut mir leid für Erik."

Läuferisches Muster in allen drei Rennen

Auffällig bleibt, dass Lesser in der Mixed-Staffel, dem Sprint und der Männer-Staffel früh in läuferische Probleme geriet, in der zweiten Runde meist zurückfiel und dann schließlich komplett den Anschluss verlor. So richtig erklären konnte er sich das in keinem Rennen. Aber wie sagt man so gerne: 'Wenn es einmal nicht läuft, ...'

Lesser aber hat in seiner Karriere schon häufiger bewiesen, dass er sich von Rückschlägen erholen kann. Mehrfach galt er schon als abgeschlagen und stieg dann wie der Phönix aus der Asche. Auch wenn ihm mit seinen 32 Jahren die Zeit langsam davonläuft und die Konkurrenz nicht schwächer wird, hat Lesser sicherlich noch einige starke WM-Rennen im Köcher. Es bleibt ihm zu wünschen, dass er sich nicht mit so einem Negativerlebnis von der ganz großen Biathlon-Bühne verabschieden muss.

Biathlon-WM - die Stimmen zur Biathlon-Staffel der Männer Sportschau 20.02.2021 07:56 Min. Verfügbar bis 20.02.2022 Das Erste

Stand: 20.02.2021, 18:45

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