Die stillen Stars der Biathlon-WM

Lorenz Leitgeb, Wilfried Pallhuber und Johann Mair (v.l.)

Biathlon-WM

Die stillen Stars der Biathlon-WM

Von Jonas Schützeberg und Uri Zahavi (Antholz)

Mehr als zwanzig Länder übertragen die Biathlon-Weltmeisterschaften live im Fernsehen. 165.000 Zuschauer werden in den WM-Tagen in der Antholzer Arena dabei sein. Damit alles klappt, wird fernab vom Scheinwerferlicht rund um die Uhr gearbeitet. 1.500 Freiwillige sind im Einsatz - ohne diese drei "Chefs" würde nichts funktionieren: Lorenz Leitgeb (Organisation), Willi Pallhuber (Schießstand) und Johann Mair (Einlass).

Lorenz Leitgeb sitzt in seinem Büro im Antholzer Biathlon-Stadion. Wenn er aus dem Fenster schaut, kann er die Rennstrecke sehen. Aus den Stadion-Lautsprechern dröhnt laute Musik - gerade läuft Cordula Grün. "Ist doch cool, oder?", fragt er und lacht. Während andere Mitarbeiter von der Dauerbeschallung schnell genervt sein würden, macht das dem Präsidenten des Organisationskomitees nichts aus. Er summt sogar kurz mit. "Ach, und so oft bin ich ja momentan auch gar nicht im Büro", sagt der Antholzer.

Ein Mann koordiniert 1.500 Helfer

Die intensive Zeit der Arbeit und natürlich auch der Sorge, ob denn alles funktionieren würde, liegt bereits hinter dem 41-Jährigen. "Die Reise dahin", so nennt Leitgeb die Organisation dieses Riesen-Events: "Vor über drei Jahren hat es für uns angefangen. In dieser Zeit waren meine Arbeitstage auch mal zwanzig Stunden lang."

Für die WM mussten Tribüne und Pressezentrum unter anderem ausgebaut werden - eine Mammut-Aufgabe. Jetzt, wo alles geschafft ist, ist der gebürtige Südtiroler relaxt. Wenn es irgendwo brennt, kümmert er sich persönlich darum. "Manchmal sagen die Leute sogar, dass ich zu ruhig sei", berichtet er und schmunzelt. Insgesamt packen 1.500 Freiwillige mit an - für alle ist Lorenz Leitgeb verantwortlich.

"Willi the Kid" - sein Reich ist der Schießstand

Wilfried Pallhuber am Schießstand in Antholz

Den Namen Wilfried Pallhuber kennt in Antholz jeder. Während "The Kid" in den 90er-Jahren als Biathlet selbst fünf Mal Weltmeister wurde, hat Willi heute einen ganz anderen Job. "Ich bin Schießstand-Chef", sagt der 52-Jährige mit dem sympathischen Lächeln: "Das bedeutet eine riesige Verantwortung zu haben."

Der braungebrannte Mann mit den kurzen weißen Haaren steht mitten auf dem Schießstand - seinem Reich. "Mein Tag beginnt normalerweise um acht Uhr morgens", erzählt er: "Aber wenn es schneit, dann fangen wir um zwei Uhr in der Nacht schon an." Sportliche Arbeitszeiten.

Warum tut sich ein Ex-Biathlet solch einen Stress noch an? "Ich bin dem Sport immer verbunden geblieben", sagt Pallhuber und schmunzelt: "Ich bin auch noch Jugendtrainer. Das passte dann ganz gut zusammen." 60 Helfer muss der geborene Antholzer koordinieren und überwachen. "Da sollte man schon einen kühlen Kopf bewahren", schiebt er hinterher: "Wenn auch noch der Chef nervös wird, dann gibt es eine Katastrophe."

Pallhuber: "Von den Rängen bekomme ich nichts mit"

So richtig brenzlig wurde es in den drei Jahren im Job noch nicht. Eine Weltmeisterschaft vor der eigenen Haustür ist auch für Pallhuber etwas ganz Besonderes. Aber selbst nochmal in die Loipe, vor zwanzigtausend grölenden Fans performen - nein, das braucht Willi nicht mehr. "Ich bin während der Wettbewerbe so in meinem Element, da kriege ich von den Rängen ehrlich gesagt nichts mit", erzählt er. Wenn ein Renntag gut gelaufen ist, dann wird übrigens auch mal angestoßen, "mit einem Wein oder einem Bier."

Johann - der Chef des Eingangs

Johann Mair in Antholz

Die Lachfältchen an seinen Augen sind aus dem Gesicht nicht wegzudenken. Johann Mair steht mit einem Dauergrinsen am Stadion-Eingang, hinter seinem Rücken türmen sich die Antholzer Bergketten auf. Der 62-Jährige ist der Chef des Einlasses. Wer hier rein will, der muss an Mair vorbei.

Er trägt die Verantwortung dafür, dass sich keiner an den Ordnern und ihren kleinen piependen Laser-Scan-Geräten vorbeimogelt. Das probiere so manch verrückter Fan, der keine Karte mehr bekommen habe, erklärt der Italiener.

Seit 37 Jahren beim Biathlon - noch nie einen Wettkampf gesehen

Seit der Weltmeisterschaft 1983 gehört er zu den freiwilligen Helfern in den blau-grünen Schneeanzügen. Ein Biathlon-Rennen im Stadion hat Johann Mair noch nie richtig miterlebt. Wie auch, seine persönliche Arena ist der Einlass. "Entweder du bist bei der WM dabei oder eben nicht. Da muss man zufrieden sein, auch wenn mein Arbeitsplatz hier draußen liegt, das ist ok", sagt er.

"Biathlonrennen kenne ich eigentlich nur aus dem Fernsehen", erklärt der Südtiroler. Trotzdem liebt er diesen Sport und freut sich ein Teil der Biathlon-Familie zu sein: "Mich motiviert die Faszination der Leute, die Freundlichkeit, einfach jeder sagt danke oder etwas anderes Nettes."

Am Anfang nur zu dritt, heute sind sie 60

Die Tage in den WM-Wochen beginnen früh für Johann Mair. Die ersten Fans kommen bereits fünf Stunden vor dem Start, um die besten Plätze an der Strecke oder auf der Tribüne zu ergattern. Da ist Johann Mair schon lang auf der Hochebene. Da ist es günstig, nur 15 Kilometer weiter unter im Tal in Niederrasen zu wohnen.

Wie er zum Biathlon gekommen ist, weiß er gar nicht mehr, so lang sei das schon her. Doch eines vergisst er nicht. 1983 waren sie gerade mal zu dritt am Eingang. Heute sind es 60 Helfer und Dank des Biathlon-Booms der letzten Jahren, werden das in Zukunft wohl auch eher mehr als weniger.

Vom Volunteer zum Präsidenten

Lorenz Leitgeb ist noch nicht so lang dabei, aber dafür umso gelassener. In Sachen Biathlon in Antholz hat er auf jede Frage eine Antwort: "Ich war früher selbst Freiwilliger. Zunächst als Streckenhelfer, dann in der Strafrunde, dann bei der Doping-Kontrolle und nebenbei noch bei den Verpflegungsständen." Allround-Talent nennt man das dann wohl. Vor drei Jahren wurde er Präsident des Organisationskomitees - ein logischer Schritt: "Man wächst mit dem Biathlon hier auf. Man lebt ihn."

Sobald der ehemalige Biathlon-Trainer sein Büro verlässt, beginnt das Hände schütteln: "Manchmal wird mir fast etwas schwindelig." Der große Stress ist zwar erstmal verflogen, doch das wird nicht lange so bleiben. "Am Montag nach der WM muss ich schauen, wie ich mich fühle. Ob traurig, dass es vorbei ist, oder einfach nur müde", wagt Leitgeb einen Blick in die Zukunft: "Aber im Anschluss beginnt sofort die Vorbereitung für den Weltcup 2021. Ach ja, und die Olympischen Spiele 2026 kommen auch noch. Das wird dann nochmal ein anderes Kaliber."

2026 wird Antholz der Austragungsort für die Olympischen Biathlon-Wettbewerbe sein. Die Phase der zwanzig-Stunden-Arbeitstage wird also wiederkommen. Doch jetzt kann er erstmal die WM genießen.

Stand: 16.02.2020, 10:17

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