Überflieger, Schieß-Debakel, Dopingfragen - eine Biathlon-WM-Bilanz

Biathlon-Weltmeister 2020: Dorothea Wierer

Biathlon-WM 2020 in Antholz

Überflieger, Schieß-Debakel, Dopingfragen - eine Biathlon-WM-Bilanz

Von Bernd Eberwein

Die Überflieger aus Norwegen, eine neue italienische Nationalheldin, deutsche Pleiten am Schießstand und das Doping-Dilemma - was von der Biathlon-WM 2020 hängen bleibt: ein Rückblick.

Die Überflieger: Marte Olsbu Röiseland und Johannes Thingnes Bö

Vor allem bei den Männern hätte man eine recht einseitige WM befürchten können. Der Norweger Johannes Thingnes Bö war bis zu einer Babypause im Januar außergewöhnlich dominant durch den Weltcup gepflügt. Die Weltmeistertitel in den Einzelrennen schienen praktisch schon vergeben.

Und dann das: Der Russe Alexander Loginow gewinnt den Sprint, der Franzose Emilien Jacquelin die Verfolgung und sein Landsmann Martin Fourcade das Einzel - der vermeintliche Top-Favorit Johannes Thingnes Bö musste in den Solorennen bis zum Schlusstag warten, dann schnappte er sich im Massenstart die Goldmedaille. Mit insgesamt sechs Medaillen (drei Mal Gold, drei Mal Silber) avancierte Bö am Ende zum erfolgreichsten Starter der WM in Antholz bei den Männern.

Die Gewinner waren vor allem die Fans: Denn der Ausgang der WM-Rennen war so unvorhersehbar, wie lange nicht bei Titelkämpfen. Auch bei den Frauen setzte sich dieser Trend fort. Die Norwegerin Marte Olsbu Röiseland, seit 2012 im Weltcup unterwegs und bis zur WM erst vier Mal in Einzelrennen siegreich, gewann im Sprint den ersten Einzel-Weltmeistertitel ihrer Karriere überhaupt - und legte im Massenstart ein zweites Einzel-Gold nach.

Sieben WM-Medaillen: Röiselands historischer Triumph

Mit fünf Gold- und zwei Bronzemedaillen war Röiseland die erfolgreichste Athletin dieser WM - und nicht ihre zuvor hoch gehandelte Landsfrau Tiril Eckhoff, die Gesamtweltcupzweite, die "nur" zwei Goldmedaillen in den Staffelrennen gewann. Zum allerersten Mal überhaupt gewann eine Biathleten sieben Medaillen bei einer einzigen WM.

Biathlon-Weltmeister 2020: Marte Olsbu Röiseland mit ihren sieben WM-Medaillen

Marte Olsbu Röiseland mit ihren sieben WM-Medaillen

Dorothea Wierer sorgt für Biathlon-Begeisterung beim Heimspiel

Eine zweite Königin der Solorennen war - sehr zur Freude der italienischen Fans - Dorothea Wierer. Die Südtirolerin, die bei der WM 2019 in Östersund die erste WM-Medaille einer Italienerin überhaupt gewonnen hatte, siegte in der Verfolgung und im Einzel, daneben gab's Silber in Mixed-Staffel und Massenstart. Dorothea Wierer, nur rund 20 Kilometer von Antholz entfernt in Bruneck geboren, sorgte dafür, dass ihr Heimatland ganz langsam Begeisterung für einen eigentlich alten, aber in Italien scheinbar neuen Sport entdeckt.

"Sehr unterhaltsam, aber schwer zu praktizieren", schrieb die Gazzetta dello Sport, die Wierer längst in eine Reihe mit italienischen Sportgrößen wir Marco Pantani (Radsport), Valentino Rossi (Motorrad) oder Schwimm-Olympiasiegerin Federica Pellegrini stellt. Offen ist nur, wie lange Wierer die italienische Biathlon-Begeisterung noch hochhalten wird. Ob sie bis zu den Olympischen Winterspielen 2022 weitermacht, ließ die 29-Jährige bisher noch offen.

Die Weltmeisterinnen und Weltmeister von Antholz

Die Norwegerin Marte Olsbu Röiseland ist die erfolgreichste Athletin der Weltmeisterschaft in Antholz, bei den Männern räumte Johannes Thingnes Bö am meisten Medaillen ab. Alle Biathlon-Weltmeisterinnen und Weltmeister 2020 im Überblick.

Biathlon-Weltmeister 2020: Marte Olsbu Röiseland, Tiril Eckhoff, Johannes Thingnes Bö, Tarjei Bö (v.l.)

Mixed-Staffel: Norwegen

WM-Auftakt fast wie erwartet: Norwegens Biathletinnen und Biathleten untermauern zum Auftakt ihre Vormachtstellung. In der Besetzung Marte Olsbu Röiseland, Tiril Eckhoff, Johannes Thingnes Bö, Tarjei Bö (v.l.) gewinnen die Skandinavier die Mixed-Staffel.

Mixed-Staffel: Norwegen

WM-Auftakt fast wie erwartet: Norwegens Biathletinnen und Biathleten untermauern zum Auftakt ihre Vormachtstellung. In der Besetzung Marte Olsbu Röiseland, Tiril Eckhoff, Johannes Thingnes Bö, Tarjei Bö (v.l.) gewinnen die Skandinavier die Mixed-Staffel.

Sprint Frauen: Marte Olsbu Röiseland (Norwegen)

Die 29-jährige Marte Olsbu Röiseland ist die erste Einzel-Weltmeisterin der WM 2020 in Antholz. Die Norwegerin siegt im Sprintrennen und feiert ihren ersten Einzeltitel bei einer Weltmeisterschaft. Zuvor war sie "nur" in WM-Staffelrennen auf Platz eins gestürmt.

Sprint Männer: Alexander Loginow (Russland)

Ein Weltmeistertitel mit schalem Beigeschmack: Alexander Loginow, zwischen 2014 und 2016 zwei Jahre wegen EPO-Doping gesperrt, gewinnt zum ersten Mal in seiner Karriere WM-Gold. Acht Tage nach dem Triumph stürmen italienische Polizisten das Hotelzimmer des Russen und starten eine Razzia wegen Dopingverdacht.

Verfolgung Frauen: Dorothea Wierer (Italien)

Am vierten Wettkampftag gibt es die erste Goldmedaille für die Gastgeber: Dorothea Wierer, bei der WM 2019 in Östersund erste italienische Biathlon-Weltmeisterin überhaupt, gewinnt auch 2020 Gold, diesmal in der Verfolgung.

Verfolgung Männer: Emilien Jacquelin (Frankreich)

Nicht Martin Fourcade, nicht Quentin Fillon Maillet, nicht Simon Desthieux: Ausgerechnet Emilien Jacquelin, der zuvor noch nie ein Weltcuprennen gewinnen konnte, sorgt für die erste Goldmedaille Frankreichs bei der WM in Antholz.

Einzel Frauen: Dorothea Wierer (Italien)

Der zweite Heimsieg bei der WM in Antholz: Dorothea Wierer ermöglicht den nächsten italienischen Feiertag und gewinnt ihre zweite Goldmedaille im dritten Einzelrennen von Antholz.

Einzel Männer: Martin Fourcade (Frankreich)

Das zweite Gold in einem Einzelrennen bei der WM für Frankreich: Martin Fourcade feiert seinen bis dahin 17. Weltmeistertitel (mit der Männerstaffel kam später noch Nummer 18 dazu). In einem WM-Einzelrennen ist es Fourcades elfte Goldmedaille - damit zieht Fourcade mit der norwegischen Legende Ole Einar Björndalen gleich. Der Norweger Johannes Thingnes Bö, als Topfavorit vor der WM gehandelt, ist erneut geschlagen, gewinnt aber immerhin die Silbermedaille.

Single-Mixed-Staffel: Norwegen

Norwegen gewinnt auch die zweite Staffel-Entscheidung der Biathlon-WM in Antholz. Marte Olsbu Röiseland und Johannes Thingnes Bö siegen im Single-Mixed-Rennen vor dem deutschen Duo Franziska Preuß und Erik Lesser.

Staffel Frauen: Norwegen

Auch in der dritten Team-Entscheidung der WM steht Norwegen ganz oben auf dem Podest. Das skandinavische Quartett Marte Olsbu Röiseland, Tiril Eckhoff, Ingrid Landmark Tandrevold und Synnöve Solemdal (v.l.) muss aber kämpfen: Deutschland kommt mit nur zehn Sekunden Rückstand auf den Silberrang.

Staffel Männer: Frankreich

Im vierten Staffel-Rennen der WM sind die Norweger erstmals geschlagen: Frankreich feiert die Goldmedaille im Männerrennen in der Besetzung Quentin Fillon Maillet, Simon Desthieux und Emilien Jaquelin (v.l.). Die Entscheidung allerdings erst beim letzten Schießen: Deutschlands Schlussläufer Benedikt Doll patzt, muss erst Frankreich davonziehen lassen und wird am Ende sogar noch von Norwegens Johannes Thingnes Bö abgefangen.

Massenstart Frauen: Marte Olsbu Röiseland (Norwegen)

Dass sie stark ist, wusste jeder. Aber dass sie gleich zwei Einzeltitel bei dieser WM feiert? Marte Olsbu Röiseland gewinnt nach dem Sprint auch das Verfolgungsrennen. Mit insgesamt fünf Gold- und zwei Bronzemedaillen ist Röiseland die erfolgreichste Athletin der Weltmeisterschaft in Antholz. Mehr noch: Sieben Medaillen bei einer WM - das glückte vor Röiseland noch nie einer Biathletin.

Massenstart Männer: Johannes Thingnes Bö (Norwegen)

Vor der WM als Topfavorit gehandelt, in den ersten Einzelrennen der WM aber von Loginow, Jacquelin und Fourcade düpiert: Erst am Schlusstag holt sich Johannes Thingnes Bö seine erste Einzel-Goldmedaille bei der WM in Antholz. Das aber mit außergewöhnlicher Dominanz: Als Einziger der 30 Starter bleibt er im Massenstartrennen ohne Fehler. Mit drei Gold- und drei Silbermedaillen ist er der erfolgreichste Starter der WM.

Deutschland erstmals seit 2013 ohne Goldmedaille - liegt's am Schießen?

Was sich im Weltcup angedeutet hatte, bestätigte sich bei der Weltmeisterschaft: Deutschlands Biathletinnen und Biathleten können an guten Tagen zwar in der Weltspitze mitlaufen. Für den Sprung nach ganz oben aufs Podest muss aber wirklich alles passen. Vorbei sind die Zeiten, in denen Ausnahmesportlerinnen wie Laura Dahlmeier, Magdalena Neuner & Co. für WM-Glanzpunkte sorgen.

Deutschland ohne WM-Goldmedaille, im Medaillenspiegel von Antholz nur auf Platz fünf. Es wirkt fast surreal, dass die herausragende WM 2017 in Hochfilzen mit sieben deutschen Goldmedaillen gerade einmal drei Jahre zurückliegt.

Woran es hakt? Bei der Analyse scheiden sich im Deutschen Skiverband (DSV) die Geister. Vor allem am Schießstand fehlt die Konstanz. "Ein Schießproblem sehe ich bei uns nicht", betont allerdings Bernd Eisenbichler, der sportliche Leiter. Aber vor allem in den Einzelrennen schossen Denise Herrmann, Arnd Peiffer & Co. teilweise unterirdisch. Überzeugen am Schießstand konnte das deutsche Team fast nur in den Staffeln.

Beim DSV steht die große Aufarbeitung an, zu "schauen, wo man punktuell ansetzen muss." Selbst die Verpflichtung eines ausländischen Schießtrainers ist im einst so treffsicheren Verband "etwas, was wir uns im Frühjahr anschauen werden", sagt Eisenbichler.

Doping - die Angst vor dem nächsten Knall

Die Biathlon-WM hatte gerade so begonnen, da war der erste Doping-Skandal schon da - wenn es auch die Schatten der Vergangenheit waren, die Antholz erreichten. Der Weltverband IBU teilte mit, dass diverse Ergebnisse des früheren russischen Biathleten Jewgeni Ustjugow gestrichen werden, weil er des Dopings beschuldigt wird. Da Ustjugow zur siegreichen russischen Männerstaffel bei den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi gehörte, könnte er auch die Olympiamedaille verlieren. Gold-Nachrücker wäre Deutschland. Noch bis Anfang März kann Ustjugow allerdings Einspruch beim Internationalen Sportgerichtshof CAS einlegen.

Am selben Tag, dem dritten Wettkampftag am 15. Februar, überstrahlte das Doping-Thema dann auch die WM-Entscheidung des Tages, den Sprint der Männer. Der Russe Alexander Loginow gewann zum zweiten Mal in seiner Karriere ein Einzelrennen und damit gleich den WM-Titel. Der Haken: Auch Loginow hat eine Doping-Vergangenheit. Er war von 2014 bis 2016 zwei Jahre gesperrt. Die Konkurrenz gratulierte artig-skeptisch.

Biathlon-WM - Loginow überrascht die Favoriten Sportschau 15.02.2020 01:33 Min. Verfügbar bis 15.02.2021 Das Erste

"Ich gehe davon aus, dass er jetzt sauber ist und regelmäßig kontrolliert wird", sagte Olympiasieger Arnd Peiffer beispielsweise. Nur eine Woche später verfinsterte sich seine Miene - und auch die zahlreicher weiterer Antholz-Starter: Die italienische Polizei führte am frühen Morgen eine Razzia in Loginows Hotel durch. Der russische Weltmeister steht erneut unter Dopingverdacht. "Ich hoffe einfach, dass da nicht wieder was ist und sich keine Verdachtsfälle erhärten. Das wäre mein Wunsch", sagte Peiffer diesmal - und drückte damit die Hoffnung einer ganzen Sportart aus, die sich so sehr nach Sauberkeit sehnt.

Dopingermittlungen gegen Russland: Razzia vor Staffelrennen Sportschau 22.02.2020 01:16 Min. Verfügbar bis 22.02.2021 Das Erste

Sprint-Weltmeister Loginow startete am Tag der Doping-Razzia zwar in der Staffel. Auf das abschließende Massenstart-Rennen am Schlusstag der WM verzichtete er aber. Der 28-Jährige sei "nicht in einem optimalen psychischen Zustand", teilte Russlands Verband in den sozialen Netzwerken mit.

Stand: 24.02.2020, 07:58

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