Utah Jazz - auf einmal wieder Anwärter auf den NBA-Titel

Utahs Donovan Mitchell (l.) und Rudy Gobert

Basketball

Utah Jazz - auf einmal wieder Anwärter auf den NBA-Titel

Die Utah Jazz sind in der nordamerikanischen Basketball-Liga NBA auf einmal das Team der Stunde. Inzwischen wird dem ewig unterschätzten Team sogar zugetraut, um den Titel mitzuspielen.

Shaquille O’Neal und Charles Barkley sind zwei echte NBA-Legenden, inzwischen aber vor allem berühmt-berüchtigt als Experten-Combo beim TV-Sender TNT. Vor allem, was "Sir Charles" von sich gibt, sollte man eigentlich längst nicht mehr ernst nehmen. Zuletzt war es aber "Shaq", der sich mit einem Kommentar sehr weit aus dem Fenster lehnte.

Beim Spiel der Utah Jazz gegen New Orleans knöpfte sich O‘Neal Utahs Anführer Donovan Mitchell vor. Ein großartiger Spieler, sagte O’Neal, der es aber nie auf den nächsten Level, sprich: zum echten Superstar schaffen werde. Mit dieser Kritik konfrontierte "Shaq" den verdutzten Mitchell nach Spielende im Live-Interview. Mitchell, der gerade 36 Punkte für sein Team erzielt hatte, reagierte bemerkenswert gelassen, und meinte nur "Alright", mit einem nachsichtigen Lächeln.

O'Neal-Gate im Parlament von Utah

Dafür bekam es O’Neal im Anschluss von allen Seiten: Prominente Spieler kritisierten den "Diesel" und seine Expertenkollegen, die ihre oft durchschaubaren, ätzenden Kommentare zum Geschäftsmodell gemacht haben: "Die alten Jungs sollten wirklich einfach ihre Rente genießen", schrieb Kevin Durant bei Twitter. Das Landesparlament in Utah setzte sogar eine offizielle, nur halb im Scherz gemeinte Erklärung auf: Darin verbaten sie sich unter anderem "peinliche Übergriffe während Post-Game-Interviews" gegen Spieler der Jazz, und zählten die Karriere-Flops des TV-Experten O'Neal auf.

Der Klub aus Salt Lake City ist der Stolz des Mormomenstaates - aber außerhalb von Utah eben auch ein beliebtes Bashingopfer, weil er als notorisch erfolglos gilt: Immer wieder scheiterten die Jazz, auch in ihren besten Zeiten in den 1990er-Jahren mit dem legendären Hall-of-Fame-Duo John Stockton und Karl Malone konnten sie den ersehnten NBA-Titel nie gewinnen.

Utah das Team der Stunde in der NBA

Auch vor dem Start der neuen Saison flog Utah natürlich wieder unter dem Radar, die Rede war vor allem von den beiden Mannschaften aus Los Angeles und dem neuen Superteam aus Brooklyn. Doch das Team der Stunde in der NBA kommt aus Utah, nach dem Erfolg gegen die Knicks, dem neunten Sieg in Serie, sprangen die Jazz beim TV-Sender ESPN im Power Ranking nach oben und werden aktuell als drittbestes Team der Liga geführt. Mit einer Bilanz von 13 Siegen aus 17 Spielen sind sie in der traditionell stärkeren Western Conference weiter härtester Verfolger der Lakers, dem Meister und Spitzenreiter.

Utah Jazz - mehr als nur Donovan Mitchell

Einen großen Anteil daran hat sicherlich Allstar-Guard Mitchell, der trotz seiner gerade einmal 24 Jahre schon unter Beweis gestellt hat, dass er in der Lage ist, ein Playoff-Team anzuführen. Nur Michael Jordan, LeBron James und Luka Doncic haben in den ersten drei Jahren ihrer NBA-Karriere bessere Scoring-Werte erzielt als Mitchell, der auch in dieser Saison nach holperigem Start wieder zuverlässig liefert. Wie das komplette Team, das von seiner Geschlossenheit lebt, und von der Tiefe im Kader: Die Jazz sind das zurzeit gefährlichste Team bei den Würfen jenseits der Drei-Punkte-Linie, mit fünf Spielern, die regelmäßig mehr als 40 Prozent ihrer Würfe von "downtown" treffen.

Auch der kroatische Scharfschütze Bojan Bogdanovic, beim Playoff-Aus gegen Denver im vergangenen Jahr verletzt und schmerzlich vermisst, ist wieder fit. Pro Spiel versenken die Jazz im Schnitt fast 17 Dreier. Dass sie beim Offensive Rating zu den Top-Teams der NBA gehören, zeigt dabei, dass sie nicht nur wild drauf losballern, sondern auch eine effiziente Wurfauswahl haben.

Gobert - einer der Unterschätzten

Die große Stärke ist aber die Defensive, angeführt von Rudy Gobert. Der Franzose ist für einen Center ungemein beweglich, drittbester Rebounder und einer der besten Korbbeschützer der Liga. Am anderen Ende reißt Gobert mit seinen Korbattacken und Screens die gegnerische Defensive auseinander und ermöglicht dadurch erst viele freie Würfe aus der Distanz - auch dies ein Grund für Utahs starke Trefferquote.

Gobert gehört zu den Spielern, deren Wert für die Mannschaft sich erst bei genauerer Analyse erschließt. Dies passt zum Team der Jazz, die in ihren Reihen weitere oft unterschätzte Spieler haben wie Mike Conley oder Jordan Clarkson, der viel Energie von der Bank bringt und ein heißer Kandidat für den Titel des "Sixth Man of the Year" ist.

Kerr über die Jazz: "Mannschaft für den Titel"

Die starke Team-Performance und der beste Saisonstart in 15 Jahren hat bei den Experten zuletzt vermehrt die Frage aufgeworfen, ob Utah in dieser Saison tatsächlich eine größere Rolle spielen und den Titelfavoriten gefährlich werden könnte. "Sie werden versuchen, dieses Jahr den Titel zu gewinnen, und sie haben auch die Mannschaft dafür“, sagte Steve Kerr, Trainer der Golden State Warriors, nach dem Spiel gegen die Jazz und fühlte sich beim Gegner an die Meisterjahre seines eigenen Teams erinnert: "Sie sind jetzt an dem Punkt, wo wir vor drei, vier Jahren waren."

Was Utah bislang fehlt, zumindest wenn es nach der oft bemühten Erfolgsstory in der NBA geht, ist ein weiterer Superstar im Team. Vor der Saison wurden die Jazz immer wieder mit Philadelphias Big Man Joel Embiid in Verbindung gebracht. Das Etikett, ein Team ohne echte Stars zu sein, stachelt die Spieler inzwischen aber eher an: "Sie können uns nennen, wie sie wollen", sagte Rudy Gobert nach "Shaqs" Kritik. "Sie sollen sich einfach weiter unsere Spiele anschauen. Hoffentlich bis Juli.“ Dann finden die NBA-Finals statt.

red/mixa | Stand: 27.01.2021, 14:45

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