Skispringen - Ruka vor Augen, die Skiflug-WM im Kopf

Skispring-Bundestrainer Stefan Horngacher

Skisprung-Bundestrainer Horngacher im Interview

Skispringen - Ruka vor Augen, die Skiflug-WM im Kopf

Die Skispringer sind nach dem starken Saisonauftakt in Ruka im Einsatz. Bundestrainer Stefan Horngacher setzt erneut auf die sieben Springer, die schon in Wisla im Einsatz waren. Die Weltcups am Wochenende sind für ihn ein erster "Gradmesser" für die Skiflug-WM.

sportschau.de: Herr Horngacher, Markus Eisenbichler und Karl Geiger werden nach dem erfolgreichsten Saisonstart seit 2000 und nur einem Weltcup schon hochgejubelt wie einst Martin Schmitt und Sven Hannawald. Wie reagiert man da als Bundestrainer?

Stefan Horngacher: "Wenn dem so wäre, müsste man definitiv auf die Bremse treten. Es war der erste Weltcup der Saison und der ist vom Ergebnis natürlich super ausgefallen. Das war so aber nicht absehbar. Wir haben im Sommer keine Wettkämpfe gehabt, wir haben nicht gewusst, wo wir stehen. Wir haben natürlich gesehen, dass die Trainingsdaten positiv waren."

sportschau.de: Aber Karl Geiger hat eine starke Saison hinter sich. Markus Eisenbichler sagte in einem Interview im BR, dass er durch den Sieg bei den deutschen Meisterschaften Selbstvertrauen getankt habe. Konnte man nach der Sommervorbereitung nicht doch absehen, dass die Springer einen raushauen könnten?

Horngacher: "Wir haben schon gewusst, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Aber Platz eins und zwei waren nicht absehbar. Das Mannschaftsspringen war schon o.k., aber da haben wir noch relativ viele Fehler gemacht und landeten trotzdem auf Platz zwei. Wir haben gesehen, dass wir viele Möglichkeiten haben."

sportschau.de: Einerseits die starke Frühform der Topspringer, auf der anderen Seite die Rückkehrer wie Andreas Wellinger und Severin Freund, die ihre einstige Bestform suchen. Erschwert das die Trainingsbedingungen, wenn man die Springer so unterschiedlich vorbereiten muss?

Horngacher: "Nein, das nicht. Wir sind glücklicherweise genügend Trainer im Team, um individuell mit den Springern arbeiten zu können. Wir haben schon immer versucht, individuelles Training für jeden durchzuführen an der Schanze und neben der Schanze, im Kraftraum. Ich glaube, das ist uns auch wieder ganz gut gelungen. Und die ehemaligen Verletzten wie Wellinger und Freund brauchen natürlich noch Zeit. Die können nicht beim ersten Weltcup voll zuschlagen, das war uns Trainern im Vorfeld klar. Wir müssen versuchen, die Springer Schritt für Schritt an die Weltspitze heranzuführen."

sportschau.de: Ist es schwierig, ausgewogen zu nominieren? Auch Richard Freitag und David Siegel haben Potenzial, durften aber in Wisla nicht starten. Bekommen sie eine Chance in Ruka?

Andreas Wellinger

Andreas Wellinger

Horngacher: "Wir haben ja mehrere Ausscheidungen gemacht im Vorfeld. Bis Nischni Tagil (Weltcups 4. bis 6. Dezember, Anm.d.Red.) werden wir die Mannschaft so lassen. Danach werden wir schauen: Wer braucht mehr Training und muss raus, wer kann rein, in welcher Form präsentieren sich die anderen Aktiven? Wir werden jetzt erstmal definitiv mit dem Team weitermachen. Aber es ist natürlich klar: Irgendwann muss sich jeder beweisen und Leistung bringen. Denn zu Hause warten mit Richard Freitag und David Siegel zwei, die auch im Weltcup springen wollen."

sportschau.de: Was fehlt Freitag und Siegel noch? Und was hat Wellinger beiden schon voraus?

Horngacher: "Bei Richard Freitag schaut es momentan gut aus. Bei ihm war im Sommertraining das Hauptproblem die Stabilität. Manchmal ist es sehr, sehr gut gegangen, dann wieder weniger. Aber die letzten Lehrgänge hat er sich schon verbessert.

David Siegel ist nach seiner Verletzung noch gehandicapt. Körperlich ist er noch nicht da, wo er vor seiner Verletzung war. Seine Sprünge sind teilweise schon sehr gut, aber auch ihm fehlt noch die Stabilität. Für beide ist es jetzt wichtig, sich weiter in Ruhe vorbereiten zu können, um sich dann spätestens für einen Einsatz beim Weltcup in Engelberg (18. bis 20. Dezember, Anm.d.Red.) oder bei der Vierschanzentournee anzubieten.

Andreas Wellinger ist wieder voll belastbar und kann die Trainingsumfänge absolvieren. Wir müssen bei ihm Geduld haben. Bei ihm kann es auch schnell gehen, dass der Knoten platzt."

sportschau.de: Sie gehen also die nächsten Springen mit den sieben Weltcupstartern an, die auch in Wisla im Einsatz waren?

Horngacher: "Ja, genau. Es wäre nur jetzt die Möglichkeit da gewesen, zu wechseln, weil wir ab jetzt coronabedingt in dieser 'Charterflug-Blase' sind."

sportschau.de: Wie fühlt man sich in der Corona-Blase im Wintersport?

Horngacher: "Wir sind froh, dass wir überhaupt Wettkämpfe bestreiten können. Und die FIS (Weltskiverband, Anm.d.Red.) hat bei uns viel organisiert mit Charterflügen, Coronatests und Hygienekonzepten, so dass man sich relativ sicher fühlt. Ganz sicher ist man natürlich nie, das weiß man. Wir versuchen, alle Wettkämpfe zu springen. Wir halten uns extrem an die Regeln, um uns selbst zu schützen. Prinzipiell habe ich ein gutes Gefühl."

sportschau.de: In Ruka erwartet das Team eine Schanze, die in Sachen Anlauf- und Schanzentischneigung der Skiflug-Schanze in Planica ähnelt. Dort ist Mitte Dezember die WM. Ist das Ruka-Wochenende nicht nur ein Weltcup, sondern auch eine Art WM-Generalprobe?

Horngacher: "Beides. Ich würde allerdings Ruka nicht mit Planica vergleichen, - der Vergleich hinkt doch beträchtlich. Die Schanze in Ruka gehört, was Größe und  Flugkurve betrifft, zu den Großschanzen. Daher ist das schon ein Gradmesser: Wer kann gut fliegen? Wie funktioniert das Material? Aber mit Planica würde ich die Schanze nicht vergleichen wollen."

sportschau.de: "Fliegen" ist ein gutes Stichwort. Bei Eisenbichler und Geiger sieht vieles schon sehr gut aus, andere Ihrer Athleten hadern noch mit den Regeländerungen. In den Schuhen sind neue, symmetrische Keile vorgeschrieben. Wie schwer fiel den Springern die Umstellung?

Horngacher: "Natürlich war das eine Herausforderung für alle - erstens für diejenigen, die die Keile bauen. Zweitens für uns Trainer, und natürlich war die Herausforderung für die Athleten am allergrößten. Die Umstellung ist ein individueller Prozess: Beim einen ging es etwas schneller, der andere hat etwas länger gebraucht. Aber wir haben da Hand in Hand gearbeitet. Wir konnten individuelle Abstimmungen für jeden Aktiven finden."

Sven Hannawald erklärt die Anpassung der Keile im Skispringen Sportschau 22.11.2020 06:27 Min. Verfügbar bis 22.11.2021 Das Erste

sportschau.de: Einer, bei dem die Materialabstimmung bei einzelnen Sprüngen gut funktioniert hat, ist Martin Hamann. Hat er sie überrascht am Wochenende?

Hornbacher: "Es hat mich überrascht, dass er erst den letzten Sprung so gut gemacht hat (lacht). Er war im Vorfeld viel, viel besser und ist in der Vorbereitung sehr gut gesprungen. In Wisla stand er ein bisschen unter Spannung und hat nicht ganz so seine Sprünge abrufen können.

Mit Martin ist definitiv zu rechnen. Wenn er seine Qualitäten zeigt, kann es weit nach vorne gehen. Es ist kein Zufall, dass er bei den deutschen Meisterschaften Zweiter geworden ist. Mit ihm kann auch in Ruka schon zu rechnen sein.""

Das Interview führte Bernd Eberwein.

Skispringen - Markus Eisenbichler mit starkem Auftakt in Wisla Sportschau 22.11.2020 04:20 Min. Verfügbar bis 22.11.2021 Das Erste

Stand: 25.11.2020, 10:10

Darstellung: