Politik nimmt Eisschnelllauf unter die Lupe

Matthias Große

Eisschnelllauf

Politik nimmt Eisschnelllauf unter die Lupe

Von Felicitas Hölscher

Personalwechsel, Kommunikationsprobleme – die Deutsche Eisschnelllauf- und Shorttrack-Gemeinschaft kommt unter neuer Führung nicht zur Ruhe - auch wenn sie das jüngst zu demonstrieren versuchte. Nun befasst sich der Sportausschuss des Deutschen Bundestages mit der DESG.

Matthias Große hatte sich viel vorgenommen, als er im Juni 2020 zunächst kommissarisch das Präsidentenamt der DESG übernahm. Mit dem Lebensgefährten von Eisschnellläuferin Claudia Pechstein, der im September auch offiziell im Amt bestätigt wurde, sollte ein neues Verbandsmotto Einzug nehmen.

Von dessen Schlagworten "aufrichtig, ehrlich, zuverlässig, sorgfältig, miteinander" war zuletzt aber kaum etwas zu spüren. Spätestens der offene Brief der vier Sprinter um Joel Dufter, die sich über die Ausbootung von Sprint-Bundestrainer Danny Leger beschwerten, offenbarte: Die Kommunikationskultur zwischen Sportlern und Verbandsführung ist gestört.

"Hilfeschrei von Top-Athleten"

Die öffentliche Kritik alarmierte auch Dagmar Freitag, die Vorsitzende des Sportausschusses im Deutschen Bundestag. "Ich sehe diesen offenen Brief als Hilfeschrei von Top-Athleten, die sich eigentlich in Ruhe und gezielt auf Peking 2022 vorbereiten und teilweise jetzt ohne ihren langjährigen Trainer dastehen", erklärte die SPD-Politikerin im Interview mit der ARD am 12. Februar.

Den Vertrag mit Sprint-Bundestrainer Leger hatte die DESG auslaufen lassen. Große begründete diesen Schritt gegenüber der ARD damit, dass Leger während eines Weltcup-Finales selbst Skifahren gewesen sei. Ein Nachfolger für Leger ist bis heute nicht gefunden. "Die Zeit drückt, Olympia rückt immer näher", sagte Dufter zuletzt und liebäugelte mit einem Wechsel zum Training in die Niederlande.

"Wir haben uns als Sportausschuss des Deutschen Bundestages vor allem damit zu beschäftigen, was können wir dazu beitragen, dass die Athletinnen und Athleten bestmögliche Trainingsbedingungen vorfinden. Wenn uns das nicht sichergestellt erscheint, dann muss man genauer hinschauen", sagte Freitag.

DESG-Mitteilung spricht von einem "Erfolg"

Auf eine Erklärung für das Aus ihres Trainers warteten Stefan Emele, Hendrik Dombek, Jeremias Marx und Dufter rund zwei Monate vergeblich. Als Reaktion auf ihren offenen Brief kündigte der Verband zunächst Konsequenzen an. Erst am vergangenen Mittwoch (17.02.2021) kamen Sportler, Präsidium und sportfachliche Leitung in einer Videoschalte zusammen. Das Ergebnis laut DESG-Pressemitteilung vom Montag: ein "strategischer und inhaltlicher Erfolg".

Sanktionen blieben aus, auch weil die Sportler nach Darstellung der DESG zurückruderten. Man habe nicht beabsichtigt, "dem Verband durch unsere Art und Weise der Kritik zu schaden", werden sie in der offiziellen Verbandsmitteilung zitiert. Ihre Kernfragen seien im Gespräch "ausreichend beantwortet" worden.

Zweifel an der Darstellung der DESG

In der Verbandsmitteilung scheinen das Sprint-Quartett und die Verbandsführung versöhnt. Nach Informationen von sportschau.de aber sind Zweifel daran zulässig, ob alle Seiten die offizielle Version des Verbandes teilen.

Auch im Sportschau-Interview mit Joel Dufter am 10. Februar klang dessen Sicht noch anders. "Einschüchtern lasse ich mich nicht. Wenn sie (Anm. der Redaktion: die DESG) mich nicht mehr haben wollen, dann sollen sie mich rauswerfen. Ich mache weiterhin mein Ding und versuche, offen zu sein", sagte der 25-Jährige. Auf Nachfrage der Sportschau wollte er sich zur jüngsten Verbandsmitteilung nicht äußern.

Eisschnelllauf – Probleme im Verband - Probleme auf dem Eis Sportschau 14.02.2021 05:01 Min. Verfügbar bis 14.02.2022 Das Erste

Rücktritte nach kurzer Amtszeit im Dezember

Nun aber schien der Druck auf die Sportler doch zu groß. Der Gedanke, den sportlichen Werdegang ein Jahr vor den Olympischen Spielen in Peking zu gefährden, ist kein schöner. Das Gesprächsfazit von Präsident Matthias Große klingt hingegen viel besser: "Wir gehen nun alle gemeinsam als Team voran."

Es scheint, als wolle der Verband vor der Sitzung des Sportausschusses die Wogen glätten. Dessen Vorsitzende Dagmar Freitag aber erklärte noch am 12. Februar gegenüber der ARD: "Eine Krise ist nicht vorbei, wenn es einer sagt, sondern wenn tatsächlich so gehandelt wird, dass sich alle hinter den Maßnahmen wiederfinden können."

Jenny Wolf, neue Bundestrainerin der DESG

Ex-Bundestrainerin Jenny Wolf und die ehemalige Schatzmeisterin der DESG, Marina Wunderlich, konnten das nicht. Sie traten im Dezember nach kurzer Amtszeit zurück. "Beide haben ihre Rücktritte ja auch damit begründet, dass ihnen der aktuelle Kurs unter Herrn Große nicht passt und er nicht ihren Vorstellungen von einem modernen Verband entspricht. Auch die Hintergründe dazu interessieren uns natürlich", erklärte Freitag.

Freitag und Große mit gemeinsamer Vergangenheit

Große wiederum freut sich auf den Austausch im Deutschen Bundestag. Mit "breiter Brust" gehe er in die Sitzung: "Sämtliche Fragen, die ich gestellt bekomme, werde ich wahrheitsgetreu, ehrlich und klar beantworten."

Bereits im Herbst hatte die Fraktion "Die Linke" den 53-Jährigen zur Sportausschuss-Sitzung einladen wollen. Große wäre der Einladung damals schon gerne gefolgt, wie er sagt, dem Antrag der Links-Partei stimmten die anderen Fraktionen allerdings nicht zu. Einladungen in den Sportausschuss des Deutschen Bundestages seien "kein Wunschkonzert", betonte Freitag, allerdings habe sich in der DESG mittlerweile "einiges ergeben, was der Klärung bedarf."

Freitag erwirkte ein Hausverbot gegen Große

Bereits im Jahr 2010 pochte Große im Kampf gegen eine Sperre von Claudia Pechstein wegen erhöhter Blutwerte auf ein Gespräch mit Freitag. Nach dutzenden Telefonanrufen Großes, die ihre Mitarbeiter entgegennahmen, fühlte sich die SPD-Politikerin bedroht und erwirkte ein Hausverbot für den Berliner.

Dagmar Freitag, Bundestagsabgeordnete für die SPD.

Dagmar Freitag, Bundestagsabgeordnete für die SPD.

"Ich habe noch nie in meinem Leben mit Dagmar Freitag gesprochen", sagte Große im Juni 2020 gegenüber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". "Wie also soll ich sie bedroht haben?" Er habe "bestimmt fünfzig Mal" vergeblich versucht, Dagmar Freitag und deren SPD-Kollegen telefonisch zu erreichen. "Da habe ich gesagt, wenn die beiden Abgeordneten im Wahlkampf einen Auftritt haben, fahre ich hin. Richten Sie bitte aus, ich werde sie und ihn stellen und fragen, warum sie nicht mit der Sportlerin sprechen, die sie öffentlich verunglimpfen", so Große im "FAZ"-Interview 2020.

Worauf sich Große am Mittwoch einzustellen habe? "Ich werde zu Beginn der Sitzung das Prozedere erklären. Ich werde ihm und allen Sachverständigen auch erklären, dass sie die Fragen der Abgeordneten zu beantworten haben und dass es keine Plauderstunde sein wird, um persönliche Befindlichkeiten auszutauschen", so die Sportausschuss-Vorsitzende.

Klima der Angst?

Am Mittwoch soll also Tacheles geredet werden. Neben Große werden auch Dirk Schimmelpfennig, Vorstand Leistungssport beim DOSB, sowie DESG-Athletensprecher Moritz Geisreiter teilnehmen. Zur Gesprächsrunde zwischen den vier Sprintern und der Verbandsspitze, bei der auch Geisreiter anwesend war, wollte sich der Athletensprecher gestern nicht äußern. Auch Freitag ließ die Verbandsmitteilung auf erneute Anfrage unkommentiert. 

Besorgt äußerte sich Geisreiter zuletzt aber über das Verbandsklima. Im ARD-Interview am 10. Februar berichtete der ehemalige Langstreckler von einer anonymen Umfrage unter 15 Eisschnelllauf-Kaderathleten. Auf die Frage, welche Gründe dagegen sprächen, "sich laut über Missstände im Verband zu äußern", gaben neun Athleten in einer Mehrfachauswahl an, dass sie unter der neuen DESG-Führung Sorge um eine Schlechterstellung hätten. "Das finde ich schon alarmierend", sagte Geisreiter seinerzeit.

Große wiederum betont dazu, er halte nichts von anonymen Umfragen. "Mit mir kann man immer reden", sagte der Berliner Unternehmer, der am Mittwoch vor allem eines muss: Antworten liefern.

Bronze für Dufter, aber Krise im Verband - ein Kommentar von Ralf Scholt Sportschau 17.01.2021 03:12 Min. Verfügbar bis 17.01.2022 Das Erste

Stand: 23.02.2021, 14:00

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