ATP-Tennissaison - Frage nach Wachablösung bleibt unbeantwortet

Daniil Medvedev (L) während des Endspiels der ATP Finals gegen Dominic Thiem (R)

Fazit nach den ATP Finals

ATP-Tennissaison - Frage nach Wachablösung bleibt unbeantwortet

Von Jannik Schneider

Nach dem Titel von Daniil Medwedew bei den ATP Finals in London am Sonntag (22.11.20) stellt sich wieder mal die Frage: Folgt jetzt die Wachablösung der nächsten Tennis-Generation bei den Grand Slams? Dieses verrückte Coronajahr darf nur bedingt als Maßstab für eine Beantwortung dienen.

Vor dem Beginn des letzten Mastersturniers 2020 in Paris-Bercy Anfang November haderte Daniil Medwedew mit sich und seiner Tenniswelt. Der Aufsteiger des Jahres 2019 hatte damals im Spätsommer Turnier um Turnier gewonnen. Erst Rafael Nadal stoppte ihn auf die knappste aller Arten im US-Open-Finale. Und nun? Kein einziger Turniersieg in dieser verkürzten Corona-Saison - nicht mal einen seiner Top-10-Kollegen vermochte er zu besiegen.

Drei Wochen später stehen sieben Siege gegen Top-10-Spieler in den Statistiken. Der 24-Jährige hat nicht nur Paris-Bercy (im Finale gegen Alexander Zverev) gewonnen. Am Sonntag sicherte er sich in einem teils hochklassigen Endspiel bei den ATP Finals (das Event der besten acht Spieler des Jahres) gegen Dominic Thiem den größten Karrieretitel. Dabei besiegte der Russe als erster Spieler überhaupt bei diesem so besonderen Event die Nummer eins (Djokovic), zwei (Nadal) und drei (Thiem). Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass Siege beim letzten Turnier des Jahres aber nicht gleichzusetzen sind mit durchschlagendem Erfolg auf Grand-Slam-Ebene.

Die vergangenen vier Sieger von London (Grigor Dimitrow, Zverev, Stefanos Tsitsipas und eben Medwedew) hatten zum Zeitpunkt ihres Triumphs noch keinen Erfolg bei den vier wichtigsten Turnieren des Jahres gesammelt. Nur Thiem änderte das bisher für sich – in dieser verrückten und unvorhersehbaren Coronasaison zeigte er auf dem Weg zu seinem US-Open-Titel vor zwei Monaten vor leeren Rängen im größten Tennisstadion der Welt ein nahezu vollständiges spielerisches Repertoire. Federer (Knieverletzung), Nadal (Absage wegen Corona-Bedenken) und Djokovic (Disqualifikation) stellten sich dem 27-Jährigen dabei aber nicht in den Weg. Für Djokovic bedeutete ein gegen die Blickrichtung weggeschlagener Ball im Achtelfinale gegen den Spanier Pablo Careno Busta, mit dem er eine Linienrichterin traf und verletzte, das Turnier-Aus.

Thiem vs. Zverev und das Drama von New York

So kam es nicht zur Neuauflage des Australian-Open-Endspiels, in dem Djokovic Anfang des Jahres Thiems Angriffe nochmal knapp abwehrte. In New York musste Zverev deshalb kein sportliches Schwergewicht besiegen und das deutschsprachige Publikum bekam ein nächtliches Tennisdrama geboten, das vielen Schlaf und Nerven raubte. Thiem drehte einen 0:2-Satzrückstand, beide Spieler quälten sich teils unter Krämpfen in den entscheidenden Tiebreak von Satz fünf. Thiem gewann 2:6, 4:6, 6:4, 6:3, 7:6 (6) in einem nicht hochklassigen, aber immer spannenden Finale. Bei Zverev, der sich als fairer Verlierer präsentierte und kurzzeitig viele Sympathien gewann, flossen bei der Siegerehrung bittere Tränen.

Schon zwei Wochen später bei den verlegten French Open schied das Duo im Viertelfinale aus. Paris-Dominator Rafael Nadal demütigte den keinesfalls schlecht spielenden Djokovic im Finale mit einem glatten Erfolg für Paris-Titel Nummer 13. Im Grand-Slam-Wettstreit schloss der Mallorquiner zu Federer (20) auf. Djokovic lauert bei 17. In Paris krönten sich Andreas Mies und Kevin Krawietz mit ihrer Titelverteidigung endgültig zum besten deutschen Doppel der Open Era.

Von Mitte März bis tief in den August hinein standen die Profitouren bei den Damen und Herren wegen der globalen Pandemie still. Für diesen so internationalen Sport mit wöchentlich dutzenden Spielerinnen und Spielern und ihren Betreuern in unterschiedlichen Konstellationen an immer neuen Turnierorten waren die Hygiene- und Quarantänemaßnahmen sehr schwer umzusetzen. Es zeigte sich erneut, dass es bei drei Verbänden (ATP, WTA, ITF), zahlreichen großen Turnierveranstaltern, Landesverbänden sowie einflussreichen Einzelsportlern schwer ist, zeitnahe und für alle zufriedenstellende Lösungen zu finden. Der sportpolitische Alleingang der French-Open-Veranstalter ließ viele ratlos zurück. Die Franzosen verlegten ihr Event ohne Absprache tief in den September. Es folgten ein kommunikativer Zusammenschluss der anderen großen Turniere sowie der Verbände und ein politischer Machtkampf um Einfluss. Die Wimbledonveranstalter dagegen stiegen zum eindeutigen Punktsieger der globalen Krise auf. Die Londoner hatten sich als einziges Turnier vor einer Pandemie versichert. Sie sagten das Event frühzeitig ab (erstmals seit dem 2. Weltkrieg) und zahlten sogar Preisgelder aus.

Spieler flüchten vor Pandemie

Hängen bleibt die im Nachhinein richtige, damals brutal kurzfristige Absage des kombinierten Masters-Events von Indian Wells im März. Nahezu alle Spielerinnen und Spieler waren bereits in Kalifornien und reisten aus Angst vor Quarantänepflicht zum Teil mit dem letztmöglichen Flieger ab. Beim zeitgleich ausgetragenen unterklassigen Challengerturnier im kasachischen Nur-Sultan legten die deutschen Spieler Yannik Maden und Mats Moraing innerhalb weniger Stunden eine filmreife Flucht hin, nachdem dem Duo mitgeteilt wurde, dass ihnen tags darauf eine zweiwöchige Quarantäne drohe.

Als sich die Coronazahlen im Frühsommer zu entspannen schienen, wurden Showevents und Turnierserien beliebt. Während der Deutsche Tennis Bund für die eigene zweite Garde ein erfolgreiches Format kreierte, das den weniger abgesicherten Spielern einige Einnahmen generierte, versank die von Novak Djokovic initiierte Adria-Tour durch die Balkanländer im Chaos. Im Einklang mit den sehr lockeren Regierungsregeln fanden Turniere mit Zuschauern und ohne Abstandsregeln statt. Mehrere Spieler und Betreuer steckten sich an. Alexander Zverev wurde mit Djokovic und anderen Spielern beim Feiern gesichtet.

Alexander Zverev schließt Tennisjahr als Siebter ab

In der Folgezeit war es immer wieder Zverev, der Probleme hatte, sich an die Coronaregeln zu halten. Der ein oder andere Fauxpas konterkarierte seine sportliche Weiterentwicklung im Jahr 2020, die ihn erstmals in die Vorschlussrunde und das erwähne New-York-Finale führten. In der Weltrangliste machte sich das wie für viele andere Spieler nicht wirklich bemerkbar. Zverev steht seit Beginn des Jahres auf Rang sieben.

Die Weltverbände speichern wegen der Pandemie zunächst bis Indian Wells 2021 sowohl die Ergebnisse und damit auch die Punkte aus den Jahren 2019 und 2020 ab. Deshalb steht Roger Federer, der nach den Australian Open die Saison wegen einer Knieverletzung beendete, noch immer sehr sicher in den Top 10. Der von den Ergebnissen her beste Newcomer Andrey Rublev lauert dank fünf Turniersiegen auf Position acht. Von Denis Shapovalov (11), seinem kanadischen Landsmann Felix Auger Aliassime (19) und dem Südtiroler Jannik Sinner (37) sind im kommenden Jahr aller Voraussicht nach die größten Sprünge zu erwarten. Die wichtigste Frage aber bleibt: Können die ersten Thronfolger um Thiem, Medwedew, Zverev und Tsitsipas einen der großen drei im "Best-of-Five-Format" besiegen? Erst dann scheint eine Wachablösung realistisch.

Stand: 23.11.2020, 14:33

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