Rollstuhlbasketball: Funktionäre und Athleten wollen Paralympics-Aus abwenden

Szene aus dem Spiel Deutschland - Argentinien

Paralympics Tokio 2020

Rollstuhlbasketball: Funktionäre und Athleten wollen Paralympics-Aus abwenden

Rollstuhlbasketball gehört zu den populärsten und erfolgreichsten paralympischen Sportarten. Für die Paralympics 2020 in Tokio droht der Disziplin nun das Aus. Verbände und Sportler wollen dies abwenden.

Das Internationale Paralympische Komitee (IPC) informierte den Internationalen Rollstuhlbasketballverband (IWBF) am Freitag (31.01.2020) über einen möglichen Ausschluss von den Paralympics 2020 (25. August bis 6. September). Hintergrund ist, dass der IWBF seine Regeln noch nicht an den gültigen Klassifizierungskodex des IPC angepasst hat. Dieser bestimmt den Grad der Behinderung der Athletinnen und Athleten sowie die Prozesse und Dokumentation der Klassifizierungen. Die Vorgaben wurden bereits 2015 geändert.

Para-Aus für Rollstuhlbasketball? Mittagsmagazin 14.02.2020 02:31 Min. Verfügbar bis 14.02.2021 Das Erste

IPC verlangt Umsetzung eines Aktionsplans bis zum 29. Mai

Der Tokio-Ausschluss ist durch die Umsetzung eines vom IPC verlangten Aktionsplans zur Verbesserung der Athleten-Klassifizierung bis zum 29. Mai abzuwenden. Das IPC hatte dem IWBF eine Übergangsphase im Hinblick auf Tokio zugestanden, in der alle Sportler ihre Spielberechtigung neu bewerten lassen müssten. Die verschärften Anforderungen zielen auf mehr als 50 Akteure, die mit 4,0 oder 4,5 Punkten eingestuft sind - die Klassifizierung mit einem vergleichsweise geringen Behinderungsgrad. Die Sportler müssen nachweisen, dass sie beeinträchtigt genug sind, um bei den Paralympics anzutreten.

Thomas Böhme versucht sich unter dem Korb gegen den physisch starken Spanier durchzusetzen

Deutschlands Thomas Böhme im Spiel gegen Spanien

Hintergrund: Beim Rollstuhlbasketball spielen Athleten mit großen und geringen Einschränkungen zusammen. Darauf ist auch das System zur Klassifizierung ausgerichtet. Je nachdem, welche Funktionen die Sportler ausüben können, wenn sie in einem Rollstuhl sitzen, werden sie in den Kategorien 1,0 bis 4,5 unterteilt. Während die am schwersten behinderten Ein-Punkt-Spieler den Rumpf nicht kontrollieren können, können 4,5-Punkte-Spieler den Rumpf uneingeschränkt bewegen. Ein Team darf 14 Punkte auf das Parkett bringen.

Parsons: "Athleten-Klassifizierung ein integraler Bestandteil"

Zudem teilte das IPC mit, dass sein Governing Board nach Diskussionen mit der IWBF entschieden habe, Rollstuhlbasketball aus dem Programm der Paralympics 2024 zu streichen. Diese Maßnahme könne zurückgenommen werden, sofern der Weltverband bis 31. August 2021 den IPC Athlete Classification Code vollständig erfüllt. "Die Athleten-Klassifizierung ist ein integraler Bestandteil aller paralympischen Sportarten. Wenn eine Sportart nicht mit dem IPC Athlete Classification Code übereinstimmt, ist dies ein ernstes Problem, da dies die Integrität des Wettkampfes gefährdet", sagte IPC-Präsident Andrew Parsons.

Andrew Parsons

Andrew Parsons

IWBF-Präsident Ulf Mehrens, auch Vorsitzender des Deutschen Rollstuhl-Sportverbandes, kündigte an, dass man in Zusammenarbeit mit den nationalen paralympischen Komitees und Verbänden alles Mögliche tun werde, "um sicherzustellen, dass bei den Paralympics 2020 sowie bei zukünftigen Paralympischen Spielen Rollstuhlbasketball gespielt wird". Die deutschen Frauen- und Männer-Teams sind bereits für Tokio qualifiziert - derzeit herrschen Unsicherheit und Unverständnis.

Nationalspielerin Miller: "Erschütternd und inakzeptabel"

Eine der erfolgreichsten deutschen Rollstuhlbasketballerinnen ist Mareike Miller, die vor ihren dritten Paralympics steht. Die 29 Jahre alte Spielführerin der deutschen Nationalmannschaft gewann 2012 die Gold- und 2016 die Silbermedaille. Der drohende Ausschluss ihrer Sportart schockiert die 4,5-Punkte-Spielerin: "Diese Nachricht wenige Monate vor Beginn der Spiele und durch eine Pressemitteilung zu erhalten, ist erschütternd und inakzeptabel", sagte Miller in einer Mitteilung des Vereins Athleten Deutschland, in dem sie Mitglied ist.

"Die Meldung des IPC hat uns Spielerinnen und Spieler tief getroffen. Wir alle haben unfassbar viel Zeit und Energie in die Qualifikation für Tokio 2020 und die laufende Vorbereitung gesteckt. Wir haben berufliche und private Ziele dem Sport untergeordnet", so Miller, die ihre Einschränkung vor den Paralympics ebenfalls neu belegen muss. Nach vier Kreuzbandrissen galt sie als Sportinvalidin, als sie mit Rollstuhlbasketball begann. Im Alltag geht Miller zu Fuß.

Herber: "IWBF und IPC müssen eine Regelung finden"

Ein mögliches Aus bei den Paralympics 2020 hat auch beim Verein Athleten Deutschland zu Kritik geführt. "Wir werden alles daransetzen, dass den Spielerinnen und Spielern die Teilnahme an den Paralympics nicht verwehrt wird. IWBF und IPC müssen eine entsprechende Regelung finden", betonte Geschäftsführer Johannes Herber. Er bemängelt "die fehlende Einbindung der Athletinnen und Athleten in die Entscheidungsprozesse des IWBF und die Intransparenz, die das Vorgehen des Verbands kennzeichnet".

Dieses Element beinhaltet Daten von Twitter. Sie können die Einbettung auf unserer Datenschutzseite deaktivieren.

Thema in: ARD-Mittagsmagazin, 12.02.2020

fth/dpa | Stand: 12.02.2020, 14:30

Darstellung: