Schachpartie unter dem Korb

Rollstuhlbasketballerinnen zur Para-Mannschaft des Jahrzehnts gewählt Sportschau 28.11.2020 01:31 Min. Verfügbar bis 28.11.2021 Das Erste

Rollstuhlbasketball-Team der Frauen

Schachpartie unter dem Korb

Von Burkhard Hupe

Die deutschen Rollstuhlbasketballerinnen wurden erwartungsgemäß zur Mannschaft des Jahrzehnts gewählt. In den vergangenen 15 Jahren hat dieses Team bei jedem Großereignis eine Medaille gewonnen. Soweit die Fakten. Was aber viel wichtiger ist: Rollstuhlbasketball hat den Behindertensport auf eine andere Stufe gehoben.

Es war nur die North Greenwich Arena, aber es hätte auch das Wembley Stadium oder die alte White Hart Lane sein können. Die Begeisterung der 12.000 Engländer auf den Rängen war jedenfalls gespeist von dieser Unbedingtheit, die keinen Raum für Zweifel ließ. Die Britinnen spielten gegen die deutschen Frauen. Es waren nur noch sechs Minuten im letzten Viertel, die Gastgeberinnen lagen mit drei Punkten vorne.

Trainer Holger Glinicki kennt Rollstuhlbasketball bis ins letzte Detail

An der Seite saß wie immer Holger Glinicki, leicht zusammengekauert in seinem Rollstuhl. Der deutsche Trainer war und ist ein Mann der eindeutigen Gesten. Er sprach in kurzen Sätzen zu seiner Mannschaft, was er sagte, hörte ich nicht, dafür war es zu laut. Aber sein Blick war fest und entschlossen. Die Halle sang "We will rock you" von Queen. Und die Briten ahnten nicht, dass die Königin des Spiels ein deutsches Trikot tragen würde. Ihr Name war Annika Zeyen und sie würde dieses Spiel tatsächlich rocken.

Vier Jahre zuvor, bei den Paralympics in Peking hatte ich Holger Glinicki kennengelernt. Auch 2008 war er schon als Coach der Rollstuhlbasketballerinnen dabei, damals hatte die deutsche Mannschaft im Finale gegen die USA verloren. Und wirklich jeder im Paralympics-Team der ARD hatte sich darum gerissen, von diesem Team berichten zu dürfen. Glinicki war selbst ein sehr erfolgreicher Spieler gewesen. Er kannte seinen Sport bis ins letzte Detail. In meinen Gedanken und Reportagen verglich ihn oft mit einem Schachspieler.

Rechnerei und Taktik als ständige Begleiter von Glinicki

Denn Rollstuhlbasketball war und ist ja wie Schach. Jeder Spieler hat nicht nur eine bestimmte Aufgabe, sondern auch eine individuelle Spielstärke. Es gibt solche Athleten, die im Alltag noch ohne Gehhilfen laufen können, denen beispielsweise "nur" ein Unterschenkel fehlt, deren Rumpf aber perfekt funktioniert – diese Spieler spielen mit einem Wert von 4,5 Punkten. Und dann gibt es die Spieler, die ihre Beine nicht bewegen, keine Kontrolle über ihren Rumpf ausüben können, die häufig das Gleichgewicht verlieren – diese Spieler spielen mit einem Wert von einem Punkt. Insgesamt darf die Spielstärke einer Mannschaft nur maximal 14 Punkte betragen.

Holger Glinicki musste also ständig rechnen, und er musste taktische Winkelzüge probieren, auf die es keine Antwort gab. Er musste, wenn man so will, die Britinnen mattsetzen. Nicht in einem Zug, aber in den sechs Minuten, die noch blieben, in diesem Viertelfinale der Paralympics von London.

Rollstühle als Spielgeräte

Glinicki zog seine weiblichen Offiziere unter dem eigenen Korb ins Zentrum. Läufer, Springer und Türme. Er ließ sie kreuzen und blockieren. Die Arme der deutschen Spielerinnen schienen mit jeder Sekunde zu wachsen. Die hünenhafte Marina Mohnen holte mit einer Eiseskälte die Rebounds, und dann spielte Deutschland ein perfektes Pick and Roll, weil der pfeilschnellen Annika Zeyen einfach alles gelang.

Über Zeyen hatte ich vorher gelesen, dass sie als Teenagerin vom Pferd gefallen war und seither mit einer Querschnittlähmung im Rollstuhl saß. Doch all die Geschichten über Schicksalsschläge, über Unerschütterlichkeit und Lebensmut lagen irgendwo tief in meinem Rucksack.

Ich brauchte sie nicht. Denn das Spiel hatte mich so sehr gefangen, dass die Rollstühle zu Spielgeräten geworden waren. Sie waren selbstverständlich. Sie waren nicht mehr Ausdruck von Behinderung, sondern Teil einer Begabung.

Annika Zeyn und das Spiel ihres Lebens

Annika Zeyen machte an diesem Tag das Spiel ihres Lebens und warf 25 Punkte. Deutschland besiegte später im Finale auch die favorisierten Australierinnen und holte zum ersten und bis heute einzigen Mal die paralympische Goldmedaille. Nach der Schluss-Sirene fuhr Bundestrainer Holger Glinicki damals die Reihe der australischen Spielerinnen ab und nahm jede einzelne tröstend in den Arm, als wären es seine Töchter.

Sportreporter sollen keine Fans einer Mannschaft sein, über die sie berichten. Hatte auch der große Hajo Friedrichs einst gesagt. "Sich nicht mit einer Sache gemein machen", nannte er das. Schon klar. Manchmal jedoch ist das fast unmöglich.

Burkhard Hupe

Burkhard Hupe ist seit 20 Jahren ein begeisterter Wegbegleiter des Behindertensports und berichtet seit 2008 von den Paralympischen Spielen. "Die Paralympics sorgen für mich jedes Mal für das große Aufräumen meiner Reporter-Festplatte: Das Überflüssige landet im Papierkorb, das Wesentliche in meiner Erinnerung."

Stand: 28.11.2020, 18:00

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