Mathias Mester - Sonderpreis für den Parasportler

Mathias Mester gewinnt den Sonderpreis bei der Wahl zum Parasportler des Jahrzehnts Sportschau 22.11.2020 06:57 Min. Verfügbar bis 22.11.2021 Das Erste

"Besondere Leistung 2020"

Mathias Mester - Sonderpreis für den Parasportler

Von Burkhard Hupe

Mathias Mester ist vom Deutschen Behindertensportverband mit dem Sonderpreis "Besondere Leistung 2020" ausgezeichnet worden. Weil er im Corona-Jahr, in dem eigentlich nur über das "Fehlen und Vermissen" geredet wurde, vielen Menschen etwas Unerwartetes schenkte: Mit seinen wunderbaren Videos über "Parantänische Spiele" und die ParalymNIX sorgte er mit britischem Humor für Tausende Lacher und wurde zum Geheimtipp im Netz.

Als ich Mathias Mester zum ersten Mal begegnete, trafen wir uns im Bauch des "Vogelnestes", so heißt das Olympiastadion von Peking. Es war 2008. "Matze" Mester hatte gerade die Silbermedaille im Kugelstoßen geholt. Es waren seine ersten Paralympics, und meine waren es auch. Es war außerdem mein erstes Interview mit einem Kleinwüchsigen, und wie alles, was zum ersten Mal im Leben passiert, war eine gewisse Nervosität und vor allem Unsicherheit nicht zu leugnen.

"... oder du holst mir 'ne Leiter"

Ich sah ihn also fragend und etwas schüchtern an, denn uns trennte ja ein Höhenunterschied von einem halben Meter. Dann begann Matze Mester zu grinsen, weil er mein Dilemma erkannt hatte. "Also entweder, du kommst zu mir runter oder du holst mir `ne Leiter, damit wir reden können." An diesem Tag, in diesem Augenblick hatte ich begriffen, dass sich das Problem in meinem Kopf befand und nicht in irgendeiner Behinderung. Ich musste lernen, meine Unsicherheit zuzulassen, einfach zu fragen, wie man sich beispielsweise begrüßt, wenn bei einem Athleten die Arme fehlen.

Vier Jahre später, bei den Paralympics in London, durfte Matze dann endlich in seiner Paradedisziplin antreten, im Speerwurf, der in Peking noch aus dem Programm genommen worden war. Aber Matze war nicht zu 100 Prozent fit, die Besten warfen weit mehr als 40 Meter. Mester kratzte nur an dieser Marke, aber er wusste früh: "Heute sind die anderen besser."

Hingebungsvolle Unterstützung von 80.000 Zuschauern

Und trotzdem: In einem Stadion mit fast 80.000 Zuschauern, die begeistert und fachkundig gleichermaßen waren, wollte Mathias Mester seinen emotionalen Akku noch einmal aufladen, wollte dieses Stadion wenigstens für ein paar Sekunden ganz für sich. Also begann er rhythmisch zu klatschen, und als sein Bild auf der riesigen Video-Leinwand auftauchte, nahmen die Briten seinen Wunsch wahr und unterstützen ihn mit großer Hingabe.

Er warf 39,67 Meter weit, es war sein bester Versuch. Und obwohl es am Ende "nur" zum siebten Platz reichte, weiß ich ganz sicher, dass dieser eine Augenblick in London zu seinen größten sportlichen Momenten gehört.

Burkhard Hupe

Burkhard Hupe ist seit 20 Jahren ein begeisterter Wegbegleiter des Behindertensports und berichtet seit 2008 von den Paralympischen Spielen. "Die Paralympics sorgen für mich jedes Mal für das große Aufräumen meiner Reporter-Festplatte: Das Überflüssige landet im Papierkorb, das Wesentliche in meiner Erinnerung."

Stand: 23.11.2020, 18:00

Darstellung: